Im Donbass spitzt sich die Lage erneut zu

7. August 2016, 17:58
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Anschlag auf Rebellenführer verschärft den Konflikt in der Ostukraine weiter

Luhansk ist nicht Sarajevo, und der "Präsident der Luhansker Volksrepublik" (LVR) Igor Plotnizki hat abgesehen von der Leibesfülle wenig Gemeinsamkeiten mit dem Habsburger Kronprinzen Franz Ferdinand. Als Auslöser für einen neuen Krieg könnte der Anschlag auf ihn dennoch taugen. Beide Seiten des Konflikts dürsten offenbar nach einer militärischen Lösung.

Die Zuspitzung der Gewalt hat sich in den vergangenen Wochen schon gezeigt. Täglich kam es zu kleineren und größeren Schießereien im Donbassgebiet. Auf ukrainischer Seite kamen dabei 27 Soldaten um, 123 wurden verletzt, so viel wie zuletzt im August 2015. Die Separatisten machen zu ihren Verlusten keine Angaben. Opfer wurden aber nicht nur Soldaten und Rebellenkämpfer: Im Juli wurden nach Angaben des UN-Hochkommissars für Menschenrechte Seid Raad al-Hussein auch 73 Zivilisten durch Beschuss oder Minen in Mitleidenschaft gezogen. So hoch war die Zahl zuletzt vor einem Jahr. Insgesamt nähert sich die Zahl der Todesopfer in dem Konflikt 10.000 an.

Immer öfter hatten zudem Politiker beider Konfliktparteien in den letzten Tagen mit der Wiederaufnahme offener Gefechte gedroht. Mit dem missglückten Anschlag auf Plotnikow hat sich die Tonlage weiter verschärft. Rebellenunterhändler Denis Puschilin benannte den ukrainischen Geheimdienst als Täter. "Kiew will eine militärische Lösung des Konflikts, das sind die Vorboten offener Kampfhandlungen", charakterisierte er das Sprengstoffattentat.

Kiew sieht interne Querelen

Die ukrainische Führung streitet eine Beteiligung an dem Anschlag ab. Die Explosion, bei der Plotnizkis Fahrzeug völlig zerstört wurde, sei vielmehr ein Resultat interner Machtkämpfe der LVR. Nach der Machtübernahme Plotnizkis kamen in der Region immerhin mehrere Milizenführer um, die als seine Widersacher galten: Alexander Bednow (Jänner 2015), Alexej Mosgowoi (Mai 2015) oder Pawel Drjomow (Dezember 2015).

Plotnizki selbst wies diese Version natürlich zurück. Er machte vom Krankenbett aus Kiew und Washington für den Anschlag verantwortlich. In der "Volksrepublik" kursierende Berichte über eine schwere Verletzung dementierte er in einer Audiobotschaft als "Verrat". "Informationen über die Handlanger des ukrainischen und des US-Geheimdienstes, die an verschiedenen Stellen der LVR und wohl auch in Russland sitzen, werden dem russischen Präsidenten oder dem FSB-Direktor übergeben", kündigte er dabei in seiner Stellungnahme an. Die Stelle wurde später wieder herausgeschnitten, Russland gilt offiziell als Beobachter in dem Konflikt.

In jedem Fall zeigte sich Plotnizki tatendurstig. Er werde bereits in Kürze wieder auf dem Posten sein. "Der Krieg ist noch nicht beendet", sagte er. Auch in Kiew gibt es "Falken" wie den Chef des nationalen Sicherheitsrats Alexander Turtschinow, der schon eine neue Mobilisierungswelle und die Ausrufung des Kriegszustands im Donbass angedroht hat. Noch überwiegt auf beiden Seiten die Einsicht, dass ein militärisches Losschlagen zu riskant sei. Mit jeder weiteren Provokation aber sinkt die Hemmschwelle. (André Ballin aus Moskau, 7.8.2016)

  • "Präsident der Luhansker Volksrepublik" Igor Plotnizki.
    foto: foto: reuters / maxim shemetov

    "Präsident der Luhansker Volksrepublik" Igor Plotnizki.

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