Blechbieger als Origami-Künstler

9. August 2016, 11:00
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In der italienischen Salvagnini-Niederlassung in Niederösterreich werden hochgenaue Biegeautomaten hergestellt

St. Pölten / Linz – Während andernorts noch heftig über die Industrie 4.0 diskutiert wird, ist die Vereinigung von Mensch und Maschine im Niemandsland zwischen Ober- und Niederösterreich längst schon gelebter Unternehmensalltag. Das Industriegebiet in Ennsdorf ist der Sitz der Salvagnini Maschinenbau GmbH. Die österreichische Tochter des italienischen Salvagnini-Konzerns ist die weltgrößte auf Blech-Biegeautomaten spezialisierte Produktionsstätte.

Mit 370 Mitarbeitern (Umsatz rund 100 Millionen Euro) baut das Unternehmen für den gesamten Blechbearbeitungsprozess vom Lager, über das Stanzen, Laserschneiden bis zum Abkanten und Biegen Spezialmaschinen – und setzt damit auf eine Industrie 4.0-Lösung für den Gesamtprozess.

"Total vernetzt"

Was wohl auch erklärt, warum Salvagnini-Technikchef Wolfgang Kunze sichtlich stolz die Produktionshallen durchschreitet: "Wir haben die Prozesse total vernetzt. Wird der Produktionsauftrag gestartet, holt sich die Anlage das geforderte Blech aus dem Lager und führt bis zum Endprodukt alle Produktionsschritte vollautomatisch durch."

Und wer glaubt, dass man blecherne Rohlinge nur mit entsprechend lauten Nebengeräuschen in Form bringen kann, der wird bei Salvagnini eines besseren belehrt. Fast lautlos gibt das Hochregallager das Werkstück frei, das Transportband schickt die unbehandelte Platte fast sanft auf die Produktionsreise. In Sekundenschnelle wird geknickt, gebogen und gefaltet – Origami für echte Männer.

Alles auf Kante

Bei Salvagnini sieht man das Werk in Ennsdorf aber nicht nur als Produktions-, sondern vielmehr auch als Innovationsstandort. Und so hat man jüngst erreicht, was viele Unternehmen anstreben: die Produktion in Losgröße eins. Um die herausfordernde Art der Fertigung im Bereich der individualisierten Massenproduktion zu meistern, hat man sich beim Salvagnini einen kundigen Partner gesucht. Und mit der Linz Center of Mechatronics GmbH (LCM) gefunden.

Entwickelt wurde dort eine spezielle Materialerkennungssoftware, die vom Biegeexperten den Namen MAC 2.0 erhielt. Damit ist es möglich, in Losgröße eins zu produzieren und praktisch ohne Ausschuss zu fertigen.

Biegeformel

Der Schlüssel zum Erfolg ist die sogenannte Biegeformel. "Sensoren an den Antrieben des Biegeautomaten messen binnen Millisekunden, wie das Werkstück auf Druck reagiert, und ermitteln so die Materialeigenschaften", erläutert LCM-Geschäftsführer Gerald Schatz im STANDARD-Gespräch. Durch das Erkennen dieser Eigenschaften und deren Einfluss auf die Umformung, könne man den gesamten Biegeprozess steuern, "So entsteht immer das exakt gleiche Endprodukt, und zwar unabhängig von Stückzahl, Blechdicke oder Materialqualität", sagt Salvagnini-Technikchef Kunze. (Markus Rohrhofer, 9.8.2016)


  • Was außen wie eine herkömmliche Industriehalle in Ennsdorf aussieht, beherbergt eine total vernetzte Produktion, quasi "Industrie 4.0" in Reinkultur.
    foto: werk

    Was außen wie eine herkömmliche Industriehalle in Ennsdorf aussieht, beherbergt eine total vernetzte Produktion, quasi "Industrie 4.0" in Reinkultur.

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