Recyclingbranche als Rohstofflieferant

9. August 2016, 10:00
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Eine hohe Verwertungsquote streben Österreichs Entsorger von Altelektrogeräten an – auch im eigenen Interesse. Sortenrein lassen sich Endprodukte besser vermarkten

Edt/Kematen – Bevor ein Lkw voller Schrott das Gelände des Metallwerks Gebrüder Gratz in Edt bei Lambach passieren darf, muss der zweierlei passieren. Der Wagen wird gewogen und auf Radioaktivität hin durchleuchtet, denn man weiß ja nie. "Wir hatten aber noch nie strahlendes Material", beruhigt Karl-Heinz Gratz.

Für Gratz ist Schrott ein wertvoller Rohstoff. Altautos, Altelektronik, Industrieabfälle: 130.000 Tonnen durchlaufen das Werk im Jahr. Mit einer Schrottschere werden Träger, Schienen, Rohre, ganze Maschinen mit ziemlichem Getöse zerschnitten und zerkleinert. Mittels Schredder, einem riesigen "Zertrümmerer", wird wuchtig auf immer kleinere Teile zerschlagen. So lange, bis die Einzelstücke durch ein 18 Zentimeter großes Loch fallen. Damit ist es aber noch lange nicht zu Ende.

In dem angeschlossenen G-&-S- Metallwerk werden die vorher gewonnenen Kleinteile – ein wildes Gemisch aus allen möglichen Materialien – aufbereitet. Geschäftsführer Harald Mitterbauer, der sich als Aufbereitungs- freak bezeichnet, verweist stolz auf eine Eigenentwicklung der Firma, eine automatische Sortieranlage, die etwa zehn Millionen Euro kostete.

Gleiches zu Gleichem

Das Ziel der Entsorgungsbetriebe ist, die Abfälle möglichst sortenrein zu bekommen. Denn nur dann werden die Recyclierer zum Partner für die Wirtschaft. Und sie können ihr Produkte, beispielsweise ein Metallgemisch, an Stahlwerke und Hütten weiterverkaufen.

Man muss von der Deponierung alter Geräte und Autos wegkommen, erläutert Christ Slijkhuis von der Müller-Guttenbrunn Gruppe (MGG). Damit dies erreicht werden kann, sind in der Branche in den letzten Jahren viel Gehirnschmalz und auch viel Kapital geflossen. Bei MGG war es ein zu Boden fallendes Handy, das daraufhin auseinanderfiel und so die Idee für eine wichtige Entwicklung für die Branche bildete: die "Smasher"- Technologie.

Riesige Mischtrommel

Ein Smasher ist eine Art Mischtrommel, die sich dreht und bei der die Fallenergie eines Altgerätes im Inneren dafür genutzt wird, dass sich das Gehäuse des Gerätes öffnet. Dabei kommt das wertvolle Innenleben zum Vorschein: Batterien, Kondensatoren, Druckertoner. Auch Baugruppen wie Elektromotoren oder Leiterplatten werden freigelegt und können aussortiert werden. Der erste Smasher, den MGG im Jahr 2002 baute, entstand aus der Trestertrocknungstrommel einer Fruchtsaftfirma. Schließlich ist das MGG-Werk im Mostviertel beheimatet.

Das Bestechende an dem Recycling vieler Elektrogeräte wie Computer oder Handys ist, dass sie viele wertvolle Bestandteile beinhalten. Möglichst sortenrein entsorgt, kann dies recht lukrativ sein. Viele Geräte enthalten Edelmetalle – Gold, Silber, Palladium. Von Kupfer, Aluminium, Chrom und Nickel gar nicht zu schweigen. Und so hat die Branche viele, oft patentierte, Verfahren entwickelt, wie die einzelnen Stoffe herausgezogen werden können. Oder, wie sie schlussendlich ein feines Restgemisch erhalten können, bei dem zwischen Staub nur mehr feine Metalle sind. Abnehmer davon sind Hüttenbetriebe oder Stahlwerke.

Kunststoffe wiederverwerten

Natürlich ist der zunehmende Kunststoffanteil bei Altautos und -geräten eine Hürde. Das Problem: Die physikalischen Eigenschaften der einzelnen Kunststoffe sind sehr ähnlich. Dadurch gab es lange keinen Ansatzpunkt für eine Separationstechnik.

Bei MGG hat man eine Lösung dafür gefunden, erläutert Slijkhuis stolz. Seit 2015 werden bei der MBA Polymers Austria – einer MGG-Beteiligung – in einem geheimgehaltenen Verfahren Kunststoffe wie Polycarbonat zurückgewonnen. Die wiedergewonnenen Kunststoffe sind so sortenrein, dass beispielsweise Mercedes aus dem Material Kabelkanäle fertigt.

Umweltbombe Eisschrank

Eine Sonderrolle beim Altgeräterecycling spielen Kühlgeräte. Diese sind wegen ihrer Kälte- und Treibmittel extrem klimaschädlich und müssen extra behandelt werden. Ein Kühlgerät hat etwa 280 Gramm Treibmittel und 115 Gramm Kältemittel intus, erläutert Gerhard Ungerböck, Betriebsleiter der UFH Recycling in Kematen. Bevor ein Gerät demontiert werden kann, müssen die Stoffe abgesaugt und in Fässern gesammelt werden.

Ist ein Fass voll, geht es als Gefahrengut nach Deutschland; in Österreich gibt es nicht einmal ein Lager. Trotzdem wird eine 95-prozentige Verwertungsquote erreicht, sagt Ungerböck. 300.000 Geräte werden von UFH Recycling im Jahr so entsorgt. (Johanna Ruzicka, 8.8.2016)

Illegaler Export als Problem

Die österreichischen Haushalte sammeln zwar fleißig, dennoch gibt es eine hohe Dunkelziffer. Der "illegale Export" von Geräten und vor allem Altautos macht der Branche zu schaffen, erläutert Elisabeth Giehser, Geschäftsführerin der Elektroaltgeräte Koordinierungsstelle (EAK).

Wie dieser illegale Export funktioniert? Haushalte, vor allem im Osten Österreichs, stellen ihr Altgerät vor die Tür – und in kürzester Zeit ist das Gerät weg, abgeholt von Menschen aus den östlichen Nachbarländern.

Dies ist, erläutert Giehser, nur vermeintlich eine altruistische Tat heimischer Familien. Aus den Geräten werden zwar verkaufbare Rohstoffe, beispielsweise Kupfer, herausgeholt. Der große Rest aber gammelt auf illegalen Deponien herum und verseucht das Grundwasser. Außerdem, so Giehser, gibt es sechs große Schredder, die ausgelastet werden wollen.

Die Zahlen zum illegalen Export seien hoch. 80 Prozent der österreichischen Autos werden nicht sachgemäß entsorgt, sondern verschwinden gen Osten. Bei den Elektroaltgeräten werden im Jahr 80.000 gesammelt. 15.000 Tonnen dürften in den illegalen Export gehen, wird geschätzt. (ruz)

  • Kühlschränke entsorgen ist eine aufwendige Arbeit. Hier werden Kompressoren herausgetrennt.
    foto: ufh recycling

    Kühlschränke entsorgen ist eine aufwendige Arbeit. Hier werden Kompressoren herausgetrennt.

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