Studie: FPÖ hat momentan die treuesten Wähler

8. August 2016, 07:15
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Wahlanalysen der steirischen FH Joanneum orten für die Volkspartei kaum noch Entwicklungspotenzial

Graz – Sie waren die großen Assets der beiden staatstragenden Parteien SPÖ und ÖVP – jene verlässlichen Stammwähler, die der Volkspartei und den Sozialdemokraten jahrzehntelang die Stange hielten. Doch in jüngster Vergangenheit wandert die mittlerweile rare Spezies des treuen Wahlvolkes sukzessive ab und lässt sich vermehrt bei den Blauen nieder.

In der Steiermark konnte die FPÖ bei den Landtagswahlen 2015 etwa 73 Prozent der Wähler von 2010 erneut dazu animieren, wieder Blau zu wählen, der SPÖ hielten 2015 noch 61 Prozent der Wähler die Treue, der ÖVP 59 Prozent. Deutlich ist die blaue Bindung mittlerweile auch in anderen Bundesländern zu beobachten. Ob aus den blauen Wiederwählern richtige Stammwähler werden, werden die nächsten Wahlen weisen.

Dieser blauen Verfestigung in der Wählerlandschaft widmet sich unter anderem eine jetzt veröffentlichte wissenschaftliche Aufarbeitung der steirischen Landtagswahlen 2015 des FH Joanneum. ("Urnengänge – Analysen der steirischen Gemeinderats- und Landtagswahlen 2015"). Ausgehend von den für Rot und Schwarz verlustreichen Wahlen in der Steiermark werden auch Querverbindungen zu den Urnengängen in Oberösterreich, Burgenland und Wien gezogen – mit durchaus bundespolitischen Implikationen.

Legt man über diesen Befund einer blauen Verfestigung in der Wählerlandschaft jene in der Publikation von Experten des Sozialwissenschaftlichen Institutes Sora analysierten Wählerströme darüber, scheint sich in erster Linie für die ÖVP eine durchaus dramatische Zukunft abzuzeichnen.

Denn die ÖVP verliert in erster Linie an die FPÖ. "Die mit Abstand größte Wählerwanderung von ehemaligen ÖVP-Wählern ist zur FPÖ erfolgt. Die massiven Verluste der SPÖ sind aber wie bereits in der Vergangenheit auf die Verluste ins Reservoir der Nichtwähler zurückzuführen", schreiben die Sora-Experten. Ähnliche Bewegungen sind bei den Wahlen im Burgenland oder Oberösterreich und auch Wien zu beobachten.

Chancen für die SPÖ

Die ÖVP "rinnt" derzeit also stärker zur FPÖ aus als die SPÖ, die eben auch an die Nichtwähler verliert, was FH-Professor Heinz P. Wassermann, Herausgeber und Leiter des der Publikation zugrunde liegenden Forschungsprojekts, durchaus als Chance für die Roten sieht. Die SPÖ habe nämlich noch die Möglichkeit, etliche ihrer alten Wähler aus dem Wartesaal abzuholen, während die ÖVP Teile ihrer alten Stammklientel wieder aktiv aus einer anderen Partei, eben der FPÖ, loseisen müsste. Ein wesentlich schwierigeres Unterfangen, sagt Wassermann.

Wer sind nun die FPÖ-Wähler, worin unterscheiden sie sich von den SPÖ-, ÖVP- oder Grünen-Wählern? Wassermann nennt das Unterscheidungsmerkmal "Mental Gap": FPÖ-Wähler sind wesentlich pessimistischer als alle anderen Wähler. "FPÖ-Wähler beurteilten die letzten fünf Jahre mit klarer Mehrheit eher negativ und blicken mit ebensolcher klarer Mehrheit mit Sorge in die Zukunft", sagt Wassermann.

Die Sora-Experten hatten in der Studie die Wählerströme auch auf lokale Ebene heruntergebrochen. Interessant dabei: Der oft zitierte Siegeszug der Blauen in den obersteirischen Arbeiterbezirken muss bereits relativiert werden. Hier dürfte die FPÖ ihr Potenzial weitgehend ausgeschöpft haben. "Die geringsten summierten Verluste an die FPÖ", schreiben die Autoren, "hat die SPÖ in der SPÖ-starken nördlichen Obersteiermark zu verzeichnen." Die stärksten Übergänge von der ÖVP zur FPÖ wurden hingegen in den schwarzen Agrarregionen registriert. (Walter Müller, 8.8.2016)

  • Norbert Hofer und Heinz-Christian Strache nach der Präsidentschaftswahl im Mai.
    foto: apa/fohringer

    Norbert Hofer und Heinz-Christian Strache nach der Präsidentschaftswahl im Mai.

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