Bast: "Wir brauchen nicht weniger, aber vor allem andere Studienplätze"

8. August 2016, 06:00
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Freier Unizugang? Illusorisch. Weniger Studienplätze? Unsinnig. Was dann? Inhaltliche Reformen, fordert Angewandte-Rektor Bast

Wien – Gerald Bast will eine Revolution in der Hochschulpolitik. Nichts anderes wäre es, wenn das realisiert würde, was der Rektor der Universität für angewandte Kunst Wien fordert. Er sagt im STANDARD-Gespräch nämlich: "Die Universitäten brauchen nicht mehr Geld für mehr vom Gleichen, aber auch nicht mehr Geld für weniger vom Gleichen, sondern für radikale inhaltliche Reformen. Und wir brauchen nicht weniger Studienplätze, sondern zumindest gleich viele – aber vor allem andere Studienplätze."

Das aber ist ein Ansatz, der in den seit Jahren herumschwirrenden hochschulpolitischen Debatten nicht vorkommt. Vielmehr sind da die Fronten buchstäblich eingegraben, kritisiert Bast: "Die Bildungspolitik verharrt zwischen Scheinaktivität auf administrativer Ebene im Schulbereich und den immer selben Geplänkeln in der Hochschulpolitik. Das wird nicht reichen."

Alte Geplänkel

Unter Geplänkel verbucht er die zwei altbekannten Extrempositionen "Wir brauchen den freien Hochschulzugang" versus "Wir brauchen weniger Studienplätze".

Ersteres würde eine illusorische Verdoppelung des Uni-Budgets erfordern, Letzteres, die Reduktion der Studienplätze bis zu jener Zahl, für die es zumutbare Studienbedingungen gäbe, nur ein Drittel oder vielleicht die Hälfte der aktuellen Studienplätze bedeuten: "Und die inhaltlichen Probleme kommen erst gar nicht auf den Tisch", kritisiert Bast.

Vierte industrielle Revolution

Weniger Studienplätze sind für den Rektor der Angewandten "angesichts der dramatischen sozioökonomischen Veränderungen absolut unsinnig". Andere Studienplätze hingegen die richtige Reaktion auf die im Gang befindliche Revolution: die "vierte industrielle Revolution" – nach Mechanisierung, Elektrifizierung und Automatisierung die Digitalisierung vieler Lebensbereiche. Es sei eine zentrale politische Frage, dass eine Gesellschaft auf deren Folgen vorbereitet sei.

Bast fürchtet jedoch, dass "uns die Zeit davonläuft und wir die von immer rascheren technologischen Innovationen getragenen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft verschlafen".

"Kopfarbeit"-Konkurrenz

Was meint er damit? In einer Gesellschaft, die sich so radikal und rapide wie nie zuvor in der Geschichte verändere, müsse die Bildungspolitik grundsätzliche Fragen stellen: "Wozu brauchen wir eigentlich Uni-Absolventen? Welche Art von Absolventinnen brauchen wir in zehn oder 15 Jahren? Was bedeutet es, wenn zum ersten Mal in der Geschichte nicht nur die manuelle Kraft des Menschen durch Technik ersetzt wird, sondern die Kopfarbeit?"

40 bis 50 Prozent der jetzt existierenden Berufe würden in 20 Jahren nicht mehr existieren, weil sie durch digitale Stellvertretertechnologien abgelöst würden, sagt Bast: "Das ändert den Arbeitsmarkt massiv, bis hin zu ,White Collar'-Jobs, also den Dienstleistungssektor, den Gesundheitsbereich, aber auch Rechtsberufe sind davon betroffen. Aktenberge, die heute von einer Armada an Anwälten durchgeackert werden, analysieren in Zukunft digitale Programme in Minutenschnelle."

Bildung 4.0

Darauf müsse auch die Bildungspolitik reagieren. Das Konzept "Industrie 4.0" gebe es bereits. "Es bräuchte auch eine Bildung 4.0", sagt Bast. Das heißt: "Wir müssen mehr Wert legen auf die Analyse und Verknüpfung von Wissen bzw. Daten als auf die bloße Vermehrung und Sammlung und Speicherung von Wissen."

Neue Arbeit, neue Studien

Wenn es viele klassische Jobs bald nicht mehr geben werde, "müssen neue Arbeitsfelder kreiert werden. Das wird eine Aufgabe für Uni-Absolventen. Die Unis sind darauf aber nur zum Teil vorbereitet." An diesem Punkt setzt Bast an: "Man wird die Spezialstudiengänge zwar weiterhin brauchen, aber die Frage ist, ob man sie in den heutigen Dimensionen noch brauchen wird. Braucht man 4000 Philologen und tausende Publizisten pro Jahr?"

Vermutlich nicht, vielmehr seien "neue, disziplinübergreifende Studien, aber auch Forschung gefordert, für die die Unis dann auch mehr Geld bekommen sollten", meint der Chef der Angewandten: "An den Unis muss die Verschränkung von Wissen als neue akademische Disziplin etabliert werden. Kunst, die im Umgang mit Ungewissheit und Ergebnisoffenheit geübt sei, spielt dabei eine ganz besondere Rolle."

Geld für Mut zum Wagnis

Das erfordere eine Bildungsreform, "die große Weichenstellungen primär auf der inhaltlichen Ebene wagt. Dafür und für den Mut zum Wagnis sollte es Geld geben", fordert Bast und fügt hinzu: "Wenn solche hochmoderne, zukunftsträchtige Studienplätze als Alternativen angeboten werden, kann man wahrscheinlich auch Zugangsregeln – insbesondere für die bestehenden, überlaufenen Spezialstudien argumentieren." (Lisa Nimmervoll, 8.8.2016)

  • Das gesammelte Wissen – wie in der Österreichischen Nationalbibliothek – wird immer mehr, die Verknüpfung von Wissen immer wichtiger.
    foto: apa / roland schlager

    Das gesammelte Wissen – wie in der Österreichischen Nationalbibliothek – wird immer mehr, die Verknüpfung von Wissen immer wichtiger.

  • Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst, fordert einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik. Inhaltliche Reformen seien dringend notwendig.
    foto: apa / herbert pfarrhofer

    Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst, fordert einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik. Inhaltliche Reformen seien dringend notwendig.

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