Neuer Indianerstamm sorgt für Ärger in Kanada

8. August 2016, 17:02
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Der Stamm der Schildkröten steht stark in der Kritik. Die Motive für die Neugründung sind wohl finanzieller Natur

In Kanada gibt es 634 indigene Stämme, aber das ist Lise Brisebois nicht genug. Die 57-jährige Kanadierin aus der Provinz Québec will ihren eigenen Stamm. Brisebois ist nicht nur Leiterin einer Kindertagesstätte, sie ist seit Jänner auch Stammesvorsitzende der Mikinak – der Schildkröten. Der Zeitung National Post erzählte sie, Québécois, die mindestens einen indianischen Vorfahren hätten, könnten Stammesmitglieder werden. Es spiele keine Rolle, wie lange das zurückliege, sagt Brisebois, die Algonquin-Indianer zu ihren Ahnen zählt. "Am wichtigsten ist, was man in seinem Inneren fühlt."

Die selbsternannte Vorsteherin von rund 400 Mikinak, die den Häuptlingsschmuck in einer Boutique für asiatische Artikel erstand, hat ihren Mund offenbar ein bisschen zu voll genommen. So einfach kann man nämlich nicht einen Stamm gründen – vor allem nicht mit selbsterfundenen Bedingungen. Schließlich gibt es laut Forschern allein in Québec Millionen von Bürgern, die irgendwo in der Vergangenheit einen indigenen Ahnen haben. Das macht sie jedoch noch längst nicht zu sogenannten Statusindianern, die von den Behörden offiziell anerkannt werden.

Diese indigenen Bürger, die sich auch oft selbst als Indianer bezeichnen, erhalten finanzielle Hilfe von der Regierung, zum Beispiel werden die Universitätskosten der Kinder oder Ärzte bezahlt. Sie entrichten auch keine Steuer für Einkommen, das in Reservaten verdient wird. Brisebois hat ihren Mitgliedern bereits Ausweise ausgestellt, die ihnen Jagd-, Fischerei- und Handelsrechte einräumen, die nur anerkannten Indianern vorbehalten sind.

Aufforderung an Regierung

Das hat nun andere Eingeborene auf den Plan gerufen, allen voran die Mohawk-Indianer im Kahnawake-Reservat, das nur 20 Kilometer von Brisebois' Wohnort Beauharnois entfernt ist. In einem Brief an die Regierung in Ottawa schrieb der Stammesrat: "Wir bitten Kanada dringend, schnell und wirkungsvoll zu handeln und solchen betrügerischen Gruppen Einhalt zu gebieten."

Joe Norton, Häuptling der Kahnawake-Mohawk, kritisiert, dass in jüngster Zeit überall in Kanada neue Stämme gegründet würden. "Wir haben jahrhundertelang für unsere Rechte gekämpft, und es macht mich wütend, wenn diese Leute sagen: Wir wollen die gleichen Rechte." Solche Kanadier interessiere die indianische Kultur und Geschichte nicht: "Die interessieren sich nur für die finanzielle Seite", sagt Norton.

55 Euro für Mitgliedschaft

Das für die Indigenen zuständige Ministerium in Ottawa erklärte, dass die Mikinak offiziell nicht als Stamm anerkannt seien. Lise Brisebois mag von alldem aber nichts hören. Auf Anfrage des STANDARD wollte sie keine Auskunft über die Mikinak geben. Stattdessen beschwerte sie sich am Telefon, sie sei in den Medien lächerlich gemacht worden. Und sie wirbt weiterhin um Mitglieder, die für die Stammeszugehörigkeit 80 kanadische Dollar (rund 55 Euro) zahlen müssen.

Häuptling Norton fordert nun, dass die Polizei Brisebois' Machenschaften untersucht. Falls nichts geschieht, will er gegen die Führung der Mikinak eine Gerichtsklage einreichen: "Was die machen, ist kriminell." (Bernadette Calonego aus Vancouver, 8.8.2016)

  • Ein Treffen anerkannter indigener Stämme im Kahnawake-Reservat im Juli 2015. Ihnen sind die Mikinak ein ziemlicher Dorn im Auge.
    foto: imago/xinhua

    Ein Treffen anerkannter indigener Stämme im Kahnawake-Reservat im Juli 2015. Ihnen sind die Mikinak ein ziemlicher Dorn im Auge.

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