"Kindertotenlieder": Jugendfrisch, existenziell

7. August 2016, 16:27
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Wiener Philharmoniker unter Zubin Mehta in Salzburg

Salzburg – "Dem" Wiener wird gern ein inniges Verhältnis zum Tod nachgesagt. "Die" Wiener haben auf alle Fälle ein inniges Verhältnis zu Mahler. Wenn Zubin Mehta am Pult steht, wird eine Wiedergabe des Orchesterparts der Kindertotenlieder durch die Wiener Philharmoniker zu einem ebenso "wienerischen" wie existenziellen Erlebnis.

Mehta schlug aus den fünf Liedern auf Gedichte von Friedrich Rücker einen einzigen großen Spannungsbogen: Von der fahl-grauen Leere der Verzweiflung, durchzuckt von irrlichternden Bläsereffekten, bis hin zur trostvollen Gewissheit, die Toten ruhen "von keinem Sturm erschreckt, von Gottes Hand bedeckt". Im 19. Jahrhundert erzählte eine solche Glaubenskraft vielleicht noch vom Gelingen kathartischer Trauerarbeit. Doch der Bariton Matthias Goerne gestaltete anno 2016 den Zyklus so, dass – nach der Wendung vom apokalyptischen "Braus" zum überirdischen Frieden – ein Weiterleben der Hinterbliebenen in psychischer Gesundheit nicht vorstellbar war. Singen als Schwerarbeit – und zu hören war nichts als Leichtigkeit und Klarheit vom tiefsten Bass- bis ins höchste Tenorregister. Ein Erlebnis.

Heitere Transparenz

Mit 25 Jahren debütierte Mehta mit den Wiener Philharmonikern, mit seiner Lesart der Vierten Bruckner hat er einen überwältigend jugendfrischen Eindruck hinterlassen. Tänzerisch, transparent die heiteren Passagen im Andante, voller Ernst die Bläserchoräle, von rezitativischer Beredtheit die Figuren über dem Streicher-Pizzicato. Eine gespenstisch vorüberhuschende wilde Jagd war das Scherzo, dem Mehta einzelne geradezu Mahler'sche Momente abzulauschen wusste – um dann mit "leichter" Hand die Marmorblöcke des Monumentalbaus zu schichten.

Der charakteristische Hornruf, sei es im ersten Satz oder bei seiner leitmotivischen Wiederkehr im Finale – hat man ihn je in solch' unzähligen Facetten der Lautstärke, der Klangfarbe und des Timbres vernommen?

Ob emotionaler Exzess im Fortissimo oder zarte, fein austarierte Kantilene: Mehta zeichnete die Entwicklung jedes Motivs, jedes Fortes mit erhellender Stringenz und Konsequenz nach. Man meinte schier, seine "erste" Vierte zu erleben. Eine Sternstunde. (Heidemarie Klabacher, 7.8.2016)

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