Jenseits der Kameras ist die Welt

7. August 2016, 15:08
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Die Österreicher Chris Haring und Willi Dorner präsentieren mit "Candy's Camouflage" und "one" Glanzstücke zeitgenössischer Choreografie

Wien – Am Ende die unendliche Fadesse. "Sogar mit all meinen Freunden und meiner im Aufschwung begriffenen Karriere fühle ich mich zu leer, um diese unwirkliche Existenz fortzusetzen", schrieb Candy Darling 1974 an ihre Freunde von Andy Warhols Factory. Das Sternchen aus der Traumfabrik des Pop-Art-Stars starb wenig später mit nur 29 Jahren an Leukämie.

Die Wiener Gruppe Liquid Loft hat Darlings Anmerkung, sie sei buchstäblich "zu Tode gelangweilt", einen wunderbar schlüssigen Kontext komponiert. Trotzdem kommt es in der Uraufführung ihres neuen Stücks Candy’s Camouflage bei Impulstanz im Akademietheater zu keiner einzigen faden Situation. Ganz im Gegenteil. Die Crew mit dem und um den Wiener Choreografen Chris Haring hat mit dieser Arbeit einen Höhepunkt ihrer bisherigen Werkgeschichte erreicht.

impulstanz

Candy’s Camouflage ist Teil drei von Liquid Lofts Performanceserie Imploding Portraits Inevitable. Im Vergleich zu den beiden vorhergehenden (Shiny, Shiny ... und False Colored Eyes) ereignet sich hier qualitativ ein echter Quantensprung. Die Candy im Titel ist von der Dragfigur Candy Darling (geboren als James Lawrence Slattery) geliehen und wird auf drei Tänzerinnen übertragen. Stephanie Cumming, Katharina Meves und Karin Pauer agieren vor einer Projektionsleinwand, die die gesamte Bühnenrückseite einnimmt.

Mittels Videokameras übertragen die Tänzerinnen selbst Bilder von sich direkt auf diese Leinwand, was unter anderem an Real-Time-Filmstücke wie Shelf Life (2001) der New Yorker Big Art Group unter Caden Manson und Jemma Nelson erinnert. Und der Liquid-Loft-Musiker Andreas Berger brilliert mit einem komplexen Soundscore aus Musik, Geräuschen und Text, in dem er live erzeugtes Material verändert und neu ins Stück einspeist. Die audiovisuelle Technik verstärkt den Eindruck jener "unwirklichen Existenz", von der Candy Darling genug hatte: die Umwandlung des "realen" Daseins in ein mediales, wie sie heute durch die sozialen Medien zur globalen Wirklichkeit geworden ist.

Choreograf und Regisseur Chris Haring hüllt die drei Tänzerinnen in ihr selbst Gesprochenes, Geflüstertes und Gesungenes ein. Zugleich entreißt er ihnen ihr Äußeres, vergrößert und zerteilt die Bilder ihrer Körper, fügt sie auf der Kinoleinwand neu zusammen. In einem Schlüsselmoment werden sie durch simultan nebeneinander gesetzte Projektionen zu Wiedergängern der berühmten Puppen des deutschen Künstlers Hans Bellmer aus den 1930-er Jahren. Die Bilder erscheinen durchgehend in Schwarzweiß, die Kameraperspektiven sind dem Film Noir entliehen. Entsprechend düster bleibt die Stimmung auf der Bühne.

Ex aequo begeisternd

Dass die Liveprojektion auch anders eingesetzt werden kann, zeigte Harings Wiener Choreografen-Kollege Willi Dorner, ebenfalls bei Impulstanz, im Museum Leopold mit seinem work-in-progress one. Hier wird die Grammatik der Kamera-Projektions-Schleife – Virtualität, Fläche und Destabilisierung des Zeitkontinuums – mit der Anagrammatik, also Neukombinierbarkeit, sowohl von Sprache als auch Körper verbunden. Die Tänzer Esther Steinkogler und Chris Owen vollbringen Meisterleistungen an Präzision in dieser herausfordernden Choreografie, die keinerlei Fehler zulässt.

Dorner tritt über Zeichen- und Sprachelemente mit der Assoziationsgabe des Publikums in Kontakt, lässt Steinkogler und Owen auf einem schwarzen Tafel-Tisch, über dem eine Kamera montiert ist, schreiben und sich bewegen. Der schnelle Rhythmus dieses Spiels ist packend, und der trockene Witz der Wort- respektive Bildverschiebungen sowie die Überraschungsmomente in one funktionieren durchgehend.

Candy’s Camouflage und one sind ex aequo Glanzleistungen der zeitgenössischen Choreografie. Haring führt in die Perversion der Medienwelt und Dorner zeigt, dass es daraus sehr wohl ein Entrinnen gibt. Begeisterter Applaus nach beiden Arbeiten. (Hemlut Ploebst, 7.8.2016)

Nächster Termin von "Candy’s Camouflage": 7. 8., 21.00, Akademietheater

  • "Candy's Camouflage" von Liquid Loft: Katharina Meves, Karin Pauer, Stephanie Cumming (v.l.).
    foto: michael loizenbauer

    "Candy's Camouflage" von Liquid Loft: Katharina Meves, Karin Pauer, Stephanie Cumming (v.l.).

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