"Kein Weichei": Deutscher Toba turnte mit Kreuzbandriss weiter

7. August 2016, 14:16
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Franzose Samir Ait Said erlitt im Sprung-Vorkampf bei der Landung einen fürchterlichen Beinbruch

Rio de Janeiro – Der Auftakt der Turn-Wettkämpfe bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ist am Samstag von einem schweren Sturz und einer folgenschweren Landung überschattet worden. Der Franzose Samir Ait Said, 2013 Europameister an den Ringen, erlitt im Sprung-Vorkampf bei der Landung einen übel aussehenden Beinbruch. Bei der Landung kam er derart unglücklich auf, dass sein Unterschenkel danach regelrecht abknickte. Er wurde auf einer Trage aus der Halle gebracht. Als der 26-Jährige anschließend mit provisorisch geschientem Bein auf der Trage lag und in einen Krankenwagen geschoben werden sollte, ließen die Sanitäter auch noch die Trage fallen. Der deutsche Mehrkampf-Meister Andreas Toba stürzte am Boden und erlitt einen Kreuzbandriss im Knie.

Andreas Toba lag auf einer Pritsche in der Nebenhalle, die Augen feucht und das Kreuzband gerissen, als er seinen heldenhaften Entschluss fasste. "Alter", sagte er sich, "das ist hier keine Gau-Meisterschaft, das muss irgendwie gehen!" Toba stand auf, humpelte ans Seitpferd und quälte sich ein letztes Mal. "Ich hatte große Angst, dass es höllisch wehtun wird." Und das tat es auch.

Familie

Der deutsche Mehrkampf-Meister verzog bei der Landung unter größten Schmerzen das Gesicht. Wenn er an diesem ersten Olympiatag aber eines ganz sicher nicht wollte, dann seine Kollegen im Stich lassen. "Man ist ja nur alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen und wir sind fast wie eine Familie", sagte Toba, "ich wollte ihnen unbedingt noch einmal unter die Arme greifen."

In der Qualifikation fürs Teamfinale hatte der zuverlässige Punktelieferant aus Hannover "eine komplexe Knieverletzung mit unter anderem einem Riss des vorderen Kreuzbandes und einer Verletzung des Innenmeniskus" erlitten, wie die Ärzte mitteilten. Das Drama ereignete sich bereits am Boden, im zweiten Bewerb.

Es war ein herber Schlag für die zarten Finalhoffnungen der DTB-Asse. Doch die Mannschaft um den früheren Reck-Weltmeister Fabian Hambüchen erreichte mit 261,518 Punkten als Achte gerade so das Finale am Montag (21.00 Uhr MESZ) – auch dank der schier unmenschlichen Leistung von Toba.

Lob von Sportdirektor Wolfgang Willam

"Andi hat eindrucksvoll bewiesen, dass er ein großes Kämpferherz hat und kein Weichei ist. Das war eine starke Nummer", lobte Wolfgang Willam, Sportdirektor des Deutschen Turner-Bundes (DTB). Und als Toba später in den Katakomben gestand, dass er "wie ein kleines Kind geheult" hatte, schwärmte auch Deutschlands bekanntester Turner vom unbändigen Willen des 25-Jährigen.

"Ich habe den allergrößten Respekt vor Andi. Ich will nicht wissen, was für Schmerzen er hatte, das hätte ganz sicher nicht jeder gemacht", sagte Hambüchen. Der 28-Jährige, der an seinem Paradegerät als Qualifikationsbester ins Finale am 16. August einzog, machte auch das aktuelle Punktesystem für die Verletzung verantwortlich. Dieses verleite jeden Turner zu "mehr Risiko, und so wird es gefährlicher".

Als noch gar nicht sicher war, ob die Deutschen das Finale erreichen würden, hegte Toba bereits den verrückten Plan, dort anzutreten. Aus diesem Vorhaben wird nichts, Deutschland muss im Finale ohne Toba auskommen.

Der Japaner Kohei Uchimura lag in der Qualifikation der Kunstturner nach zwei von drei Subdivisionen in der Mehrkampf-Wertung in Führung. Der Olympiasieger von 2012 verzeichnete allerdings keinen perfekten Wettkampf, stürzte am Reck und vergab damit an diesem Gerät die Chance auf den Einzug in das Gerätefinale. (sid, APA, Reuters, 7.8.2016)

  • Deutschlands Olympiaheld Andreas Toba (li).
    foto: afp/ben stansall

    Deutschlands Olympiaheld Andreas Toba (li).

  • Frankreichs Samir Ait Said.
    foto: afp/antonin thuillier

    Frankreichs Samir Ait Said.

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