US-Basketballer: Mission Gold, Mission Gesellschaft

7. August 2016, 18:12
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Die Basketballstars der USA zeigen in Rio de Janeiro viele Gesichter. Sportlich sind sie eine Klasse für sich

Rio de Janeiro / Wien – Einerseits haben es olympische Basketballteams der USA recht schwer, gut auszusehen, werden sie doch stets am "Dream Team" von 1992 gemessen. Andererseits haben es olympische Basketballteams der USA recht leicht, gut auszusehen, sind sie doch stets mit den besten Spielern der Welt bestückt.

Das aktuelle "Team USA" sieht mal so, mal so aus. Gut sehen Kevin Durant und Sportfreunde aus, wenn sie China im ersten Spiel mit 119:62 recht unbarmherzig vom Parkett befördern. Eher weniger gut kommt es, wenn sich einige Spieler in ein Bordell verirren und die Klatschplattform TMZ Beweisfotos veröffentlicht. DeAndre Jordan, DeMarcus Cousins und DeMar DeRozan hätten das Etablissement für ein Spa gehalten und nur Drinks bestellt, fügt die Quelle von TMZ zur Verteidigung der Stars hinzu. Als dem Trio – womöglich waren noch bis zu drei weitere Spieler dabei – der Irrtum bewusst geworden wäre, hätte es das Weite gesucht.

Repräsentanten

Nun ist es ja eigentlich Privatsache, was Sportler in ihrer Freizeit machen. Der Großteil bleibt der Öffentlichkeit ohnehin vorenthalten, das Team wohnt in Rio auf einem Kreuzfahrtschiff. Zum Problem werden derlei Aktionen, wenn im Vorfeld der Spiele Sätze wie der folgende fallen: "Besonders in diesen Zeiten, in denen so viel passiert in unserem Land, sind wir das Gesicht der USA." Das sagte Carmelo Anthony, der Leader des Teams. Freilich ging es da um ganz etwas Anderes, wesentlich Wichtigeres als die Abendunterhaltung von "Boogie" Cousins. Die Stars der National Basketball Association (NBA), die sich in Rio nun zu einem Dream Team der B-Klasse vereinigen, haben derzeit eine gesellschaftliche Funktion.

Sie treten gegen institutionellen Rassismus auf, dienen der "Black Lives Matter"-Bewegung als Sprachrohr. Nachdem binnen kurzer Zeit mit Alton Sterling und Philando Castle zwei offensichtlich wehrlose Schwarze von Polizisten getötet worden waren, ging Anthony voran. Er schrieb in einem seitenlangen Statement in der Daily News, dass das System kaputt sei, rief seine Athletenkollegen mit per Instagram zum Handeln auf und hielt zur Eröffnung einer Sport-Award-Show gemeinsam mit LeBron James, Chris Paul und Dwyane Wade eine Rede gegen Rassismus und Polizeigewalt. "Das Racial Profiling muss aufhören. Den Wert brauner und schwarzer Leben nicht zu sehen, muss aufhören. Die Vergeltung muss aufhören." Wenn vier der größten Sportstars der USA im Fernsehen Sätze wie diese sprechen, hat das Resonanz. Das eng befreundete Quartett berief sich auf Legenden wie Jesse Owens und Muhammad Ali. Lichtgestalten des Sports, aber auch Kämpfer für sozialen Fortschritt.

Melo, der Leader

Von den Vieren ist nur "Melo" Anthony Teil des Olympia-Kaders, von der Teamführung hat er Rückhalt. "Wir unterstützen die Spieler dabei. Sie werden überall auf der Welt erkannt. Wenn sie sprechen, hören die Leute ihnen zu", sagte Manager Jerry Colangelo. Politisieren reicht aber nicht, es muss auch sportlich passen. Das heißt: Gold.

Die Bronzemedaille von 2004, als die USA drei Spiele verloren, ist unvergessen. Anthony ist der einzige Beteiligte von damals, der auch heuer dabei ist – wenn auch in völlig verschiedenen Rollen. 2004 beklagte sich der damals 20-Jährige noch über zu wenig Spielzeit, heuer ist er ein Starter. Als erster Basketballer könnte er sein drittes olympisches Gold holen.

Ein wenig Absurdität ist nicht wegzuleugnen: Mit LeBron James, Stephen Curry, Russell Westbrook oder Chris Paul sagten Große der Crème de la Crème ab, auf dem Papier dürfte den USA aber dennoch keiner das Wasser reichen. Da gibt es dann eben noch einen Kevin Durant, den schon in seinem eigenen Team kaum jemand verteidigen könnte. "KD" schenkte China im Auftaktspiel in 22 Spielminuten 25 Punkte ein, es werden nicht seine letzten gewesen sein. Da gibt es dann auch noch die irrtümlichen Bordellbesucher Cousins und Jordan, die physisch jedem Gegenspieler überlegen sein werden. Da gibt es Kyrie Irving und Klay Thompson, zertifizierte Punktemaschinen und wohl die besten Guards im Turnier.

So scheint es nur Formsache, dass die USA in der letzten Medaillenentscheidung am 21. August den sportlichen Schlusspunkt der Spiele 2016 setzen. Für das Gros der Partien stellt sich nur die Frage nach dem Siegesvorsprung, auch Venezuela dürfte in der Nacht auf Dienstag (Mitternacht) nur ein besserer Sparringspartner sein. Dementsprechend ist aber auch die amerikanische Fallhöhe im Versagensfall. Und es wäre nicht das erste Mal, dass ein individuell überlegenes US-Team einem besser eingespielten Gegner unterliegt. Der Haken? Das letzte Mal ist zehn Jahre und 64 Spiele her. (masc, 7.8.2016)

  • Carmelo Anthony, Kyrie Irving und Kevin Durant hatten Spaß mit den Chinesen.
    foto: reuters/lucy nicholson

    Carmelo Anthony, Kyrie Irving und Kevin Durant hatten Spaß mit den Chinesen.

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