Mögliche Wende in Syrien: Belagerung Aleppos durchbrochen

7. August 2016, 14:56
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Ehemaliger Al-Kaida-Ableger soll beträchtliche Gebietsgewinne erzielt haben – Derzeit 300.000 Menschen eingeschlossen

Aleppo – Nach dreiwöchiger Einkesselung durch die syrischen Regierungstruppen haben Rebellen und verbündete Jihadisten in der Großstadt Aleppo nach eigenen Angaben den Belagerungsring durchbrochen. Die islamistische Miliz Ahrar al-Sham teilte über Twitter mit, die Rebellen hätten das südliche Viertel Ramussa erobert und "den Weg nach Aleppo frei gemacht". Danach sind in der Stadt heftige Gefechte zwischen Regimetruppen und Rebellen entbrannt.

Nach Angaben der Miliz Ahrar al-Sham hatten die Kämpfer durch die Eroberung des bisher von der Regierung kontrollierten Viertels Ramussa im Südwesten den Anschluss zu den von den Aufständischen gehaltenen östlichen Stadtteilen hergestellt.

Keine Flucht möglich

Während die aufständischen Kämpfer ihren Vormarsch mit Schüssen in die Luft feierten, traf am Samstagabend ein erster Lastwagen mit Gemüse in den Rebellenvierteln ein, wie ein Reporter berichtete. Nach Angaben der Beobachtungsstelle konnten die dort seit Wochen eingeschlossenen Zivilisten aber nicht fliehen, da die von den Rebellen kontrollierte Route Richtung Südwesten "zu gefährlich und nicht abgesichert" sei.

Auch am Sonntagmorgen habe es im Süden Aleppos vereinzelte Gefechte und Luftangriffe gegeben, erklärte die oppositionsnahe Organisation, die sich auf ein Netz von Informanten in Syrien beruft. Ihre Angaben sind nur schwer zu überprüfen. Der Koordinator des Hohen Verhandlungskomitees (HNC) der syrischen Opposition, Riad Hijab, bezeichnete die Eroberung von Ramussa als ein "gutes Omen für die syrische Revolution".

Syrische Staatsmedien dementierten hingegen die Angaben der Regierungsgegner. Den Aufständischen sei es keineswegs gelungen, "die Umzingelung der östlichen Viertel von Aleppo zu durchbrechen", meldete die amtliche Nachrichtenagentur Sana unter Berufung auf das Militär. Die Armee setze ihren Kampf im Süden Aleppos fort.

Nach Angaben des Staatsfernsehens eroberten die Regierungstruppen am südlichen Stadtrand Teile einer Militärakademie zurück, die zuvor von den "Terroristen" eingenommen worden sei. Die Fateh-al-Sham-Front, die bis vor kurzem Al-Nusra-Front hieß, hatte am Samstag zusammen mit Ahrar al-Sham mehrere Gebäude des Stützpunktes in ihre Gewalt gebracht.

300.000 Menschen eingeschlossen

Die Regierungstruppen hatten vor drei Wochen den Ring um den Ostteil der Stadt geschlossen. Die einstige Wirtschaftsmetropole Syriens ist seit dem Sommer 2012 zwischen Regierung und Rebellen geteilt. In Aleppo sind bis zu 300.000 Menschen eingeschlossen. Internationale Hilfsorganisationen schlagen angesichts der katastrophalen Lage der Bewohner seit Tagen Alarm.

Nun berichten Menschenrechtsbeobachter, mit dem Vormarsch durch den Belagerungsring hätten die Rebellen nun ihrerseits Teile Aleppos unter Regierungskontrolle von der Versorgung abgeschnitten.

Bei der Schlacht um Syriens einstige Wirtschaftsmetropole Aleppo wurden nach Angaben der Beobachtungsstelle in einer Woche mehr als 700 Kämpfer auf beiden Seiten sowie mindestens 130 Zivilisten getötet. Wegen der Luftangriffe der Regierungskräfte und ihrer russischen Verbündeten stammten demnach die meisten der seit dem vergangenen Sonntag Getöteten aus den Reihen der islamistischen Aufständischen.

Unterdessen gelang es einem Bündnis kurdisch-arabischer Kämpfer die seit langem umkämpfte Stadt Manbij von der IS-Miliz zu erobern. Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) würden ganz Manbij kontrollieren und die Innenstadt auf der Suche nach den letzten versteckten Jihadisten durchkämmen, erklärte die Beobachtungsstelle. Das SDF-Bündnis hatte vor zwei Monaten die Offensive auf die Stadt begonnen.

Manbij ist ein Knotenpunkt auf der wichtigen Nachschubroute der IS-Jihadisten von der türkischen Grenze zu ihrer Hochburg Raqqa in Syrien. Mit der Luftunterstützung der US-geführten Militärallianz hatte die SDF-Miliz zunächst mehrere Dörfer um Manbij erobert, bevor sie am 23. Juni in die Stadt selbst eindrang. Seitdem rückte sie in der Stadt langsam vor, doch leisteten die Jihadisten bis zuletzt starken Widerstand. (APA, 7.8.2016)

Wissen

Aleppo war vor dem Krieg die Handelsmetropole im Norden Syriens. Als größte Stadt des Landes hat sie im Bürgerkrieg einen hohen strategischen und symbolischen Wert. Einst lebten hier mehr als zwei Millionen Menschen. Die Altstadt mit ihrer Zitadelle gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Große Teile des kilometerweiten überdachten Marktes sind inzwischen zerstört.

Aleppo gilt als die am heftigsten umkämpfte Stadt in Syrien und ein Symbol des seit gut fünf Jahren tobenden Krieges. Während das Regime den Westteil der Stadt beherrscht, kontrollieren Rebellen den Osten.

Im Juli hatten Regimeeinheiten mit russischer Luftunterstützung die letzte Versorgungsroute in die Stadt gekappt und bis zu 300.000 Menschen von der Außenwelt abgeschnitten. Eine vollständige Eroberung Aleppos könnte zu einem Wendepunkt in dem verheerenden Bürgerkrieg werden.

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