Hieronymus Bosch: "'Der Garten der Lüste' – dieser Titel musste in Freuds Wien erfunden werden"

Interview9. August 2016, 10:00
41 Postings

Auch 500 Jahre nach seinem Tod begeistern Hieronymus Boschs schaurig-fantasievolle Gemälde. Bosch-Experte Nils Büttner, der am Dienstag in Wien vorträgt, über plausible Monster, ignorierte Quellen und das Unbewusste

Wien – Am 9. August 1516, also heute vor 500 Jahren, wurde Jheronimus van Aken, der sich nach seiner Heimatstadt 's-Hertogenbosch Hieronymus Bosch nannte, zu Grabe getragen. Seine berühmtesten Bilder, die skurrile Mischwesen, ungeheuerliche Folterknechte oder die Höllenqualen der Verdammten zeigen, einst wohl als mahnender Beitrag eines Moralisten zur Seelenrettung gedacht, begeistern bis heute. Die große, nun im Prado in Madrid Station machende Bosch-Ausstellung, lockte zum diesjährigen Jubiläum 420.000 Besucher nach 's-Hertogenbosch. Nicht dabei: das Weltgerichtstriptychon aus der Wiener Gemäldegalerie. Die Darstellung des Jüngsten Gerichts konnte aufgrund des fragilen Zustands der Holztafeln nicht reisen, bietet jetzt aber eine fantastische Kulisse für den Vortrag des Bosch-Experten Nils Büttner.

STANDARD: Was macht Boschs Gemälde auch 500 Jahre nach seinem Tod so faszinierend?

Büttner: Seine unglaublich starken Bilder, in denen sich auch die modernen Menschen wiederfinden können. Er hat eine Phantastik gepflegt, die das Unheimliche aus dem uns Vertrauten bezieht. Mit Blick auf seine Fabelwesen und Monster klingt das skurril, aber Bosch hat die Natur – Insekten, Reptilien, Vögel, Fische, Säugetiere – genau studiert und aus ihren Teilen Monster zusammengebaut, die uns als unglaublich plausibel und "funktionierend" erscheinen. Das Besondere seiner Monster ist, dass sie uns unmittelbar ansprechen und anrühren.

STANDARD: Sind es Ängste, die er unmittelbar im Betrachter anspricht?

Büttner: Ich glaube nicht, dass er auf die Ängste abzielte. Diese Bilder gehen einem nicht wegen ihres theologischen Gehalts, sondern wegen ihres ungemeinen Erfindungsreichtums und ihrer ungeheuren Lebendigkeit unter die Haut. Die Medienauffassung, die Bosch mit seinen Zeitgenossen geteilt hat – und die sozusagen ein Teil der Sinnstiftung des Bildes ausmacht –, ist natürlich verlorengegangen. Eine Generation nach seinem Tod malt Pieter Bruegel der Ältere viele Bilder in der Art des Hieronymus Bosch. Als sein berühmtester Nachfolger trägt er auch den Beinamen "de Drol", also der Lustige. Da konnte man also bereits über diese Bilder schmunzeln.

foto: erich hussmann, gemäldegalerie der akademie der bildenden künste wien

STANDARD: Was musste Bruegel beachten, um Boschs Bildsprache zu beherrschen?

Büttner: Bruegel hat einzelne Motive kopiert, etwa Die großen Fische fressen die kleinen (1556, Albertina, Wien, Anm.), was ja auch ein Sprachbild ist. Vor allem aber hat er das Prinzip verstanden, nach dem Bosch seine Monster konstruiert. Es sind solche, die funktionieren; man glaubt, dass dieses Gewürm kriecht und diese merkwürdigen Vogelfisch-Monster-Reptilien fliegen oder laufen können. Bosch studiert eine Pflanze, die passenderweise Teufelskralle heißt, und diese Pflanze kombiniert er dann mit Fliegenbeinen und anderem und macht daraus ein Wesen, von dem man sich vorstellen könnte, dass es existiert. Diese Plausibilität haben viele andere Bosch-Nachfolger nicht verstanden und es ins Dekorative abgleiten lassen.

STANDARD: Komik und Unterhaltungswert von Boschs grotesken Diablerien wurden bereits Mitte des 16. Jahrhunderts genossen. Aber haben Zeitgenossen moralische Fingerzeige darin gesehen?

Büttner: Ein Bild wie der Garten der Lüste hing im Palais von Heinrich III. von Nassau in Brüssel, also in einem Schloss, wo Feste gefeiert wurden. Dort fand man etwa auch ein Bett, in dem man 50 betrunkene Gäste unterbringen konnte. Egal wie fromm das Publikum war, das durchaus Boschs Weltsicht, dass die Apokalypse bald kommt, geteilt hat, dort hat es anders auf ein Bild geschaut als in einer Kirche.

foto: erich hussmann, gemäldegalerie der akademie der bildenden künste wien

STANDARD: Sie sagen, Boschs Werke ließen auf genaueste Kenntnis der geistlichen Literatur jener Zeit schließen. Ein Beispiel?

Büttner: Bosch war Mitglied einer religiösen Bruderschaft, empfing niedere Weihen, war also sozusagen ausgebildeter Kleriker. Er hat vermutlich etliches über das Denken und Schreiben von Dionysius dem Kartäuser, Dionysius van Rijkel (1402–1471, Anm.) genannt, gewusst, der auch in 's-Hertogenbosch gelebt hat. Dieser hat beispielsweise gesagt, dass mit der Schöpfung Gottes auch das Böse in die Welt gekommen sei und dass dieses nicht nur in der Gestalt des Hässlichen, sondern manchmal auch hübsch und schön erscheine. Diese Denkfigur kann man bei Bosch durchaus finden, etwa in den Versuchungen des heiligen Antonius, wo der ja nicht nur von hässlichen schleimigen Monstern versucht wird.

STANDARD: Ist es nicht unwahrscheinlich, dass jemand, der theologische Studien betrieben hat, selbst keine Schriften verfasst hat?

Büttner: Dass die Qualität eines Textes sich darin bemisst, emotional anzurühren, zu erfreuen und zu belehren, fordert die Rhetorik seit der Antike. Sie wird aber seither auch an die Bilder herangetragen. Tatsächlich gehen Bosch und seine Zeitgenossen davon aus, dass ein Bild genauso funktioniert wie ein Text. Bosch ist also sozusagen von der Verpflichtung, auch noch schriftliche Kommentare abzugeben, entbunden.

foto: erich hussmann, gemäldegalerie der akademie der bildenden künste wien

STANDARD: In Ihrer Bosch-Werkeinführung nimmt die Mitgliedschaft in der religiösen Bruderschaft einen bedeutenden Stellenwert ein. Standen Ihnen für diese Bewertung neue Quellen zur Verfügung?

Büttner: Nein. In der Tat ist es so, dass die vielen vorhandenen Quellen erstaunlicherweise von vielen Menschen, die sich intensiv mit Bosch beschäftigen, schlichtweg ignoriert werden. Ich denke, man muss die Summe aller Quellen anschauen. Historiker Reinhart Koselleck hat einmal gesagt, eine historische Quelle kann einem nie verraten, was man über historische Zusammenhänge sagen kann, aber sie kann einem verraten, was man nicht sagen darf. Wenn man aber Boschs Bilder zur Quelle stilisiert, dann kommt man zu ganz merkwürdigen, schrägen Ergebnissen.

STANDARD: Jene Kunstgeschichtsschreibung, die von Bosch sagte, er habe Drogen genommen, okkulte Praktiken betrieben, sei ein Ketzer gewesen, hat also die Quellen schlichtweg ignoriert? Boschs erster Biograf, Maurice Gossart, nannte ihn ja einen "Teufelsmacher".

Büttner: Genau so ist es. Das Epitheton des "Teufelsmachers" ist ja auch passend. Die Teufel und Dämonen sind sozusagen seine Spezialität und sein Markenzeichen. Aber deshalb war er sicherlich kein Ketzer und auch kein Außenseiter der Gesellschaft. Man weiß über Bosch mehr als über die meisten anderen Maler seiner Zeit – von seiner Mitgliedschaft in der Bruderschaft und wie er seinen Alltag finanzieren konnte. Er war finanziell unabhängig. Das hat sicherlich dazu beigetragen, dass seine Bilder in jener Zeit so ohne jeden Vergleich sind. Er gehörte zum reichsten Prozent der 20.000 Einwohner zählenden Stadt 's Hertogenbosch. Da kann man dann malen, wie man will, und es sich leisten, seine theologischen Vorstellungen in Bilder umzusetzen.

foto: erich hussmann, gemäldegalerie der akademie der bildenden künste wien

STANDARD: Könnte man die Liebfrauenbruderschaft mit einem Netzwerk vergleichen, das einem gute Kontakte und Aufträge einbringt?

Büttner: Absolut. Das war Networking auf höchstem Niveau. Angehörige des Hauses Habsburg und des burgundischen Hofes, höhere Verwaltungsbeamte, niederländische Fürsten – alle waren Teil dieser Bruderschaft.

STANDARD: Sie sagen, vieles in Boschs Werken führe ins menschliche Unbewusste. Aufs Unbewusste beruft sich auch der Surrealismus. Salvador Dalí allerdings schätzte die Vergleiche der Bosch'schen Erfindungen mit dem Surrealismus nicht, dessen Kreaturen seien vielmehr "Produkt des nebelverhangenen Nordens und der schrecklichen Verdauungsstörungen des Mittelalters". Wie nun?

Büttner: Das hat Dalí nett formuliert. Dass manche Bosch als Vorläufer des Surrealismus deklariert haben, mag mit der Rezeptionsgeschichte seiner Werke zu tun haben. Bald nach seinem Tod ist er relativ vergessen, weil ein begeisterter Sammler, Philipp II., eigentlich alles, was man an großartigen Bosch-Werken kennt, kauft. Diese verschwinden im Escorial und sind einfach nicht mehr sichtbar. Das Wiener Weltgericht gilt lange als Werk von Pieter Brueghel des Jüngeren, dem "Höllenbrueghel". Bosch verschwindet also aus der Wahrnehmung, bis der Kunsthistoriker Carl Justi Ende des 19. Jahrhunderts nach Spanien reist und in den Berichten seiner dortigen Entdeckungen auch auf Bosch zu sprechen kommt.

Und dann erscheint 1898 in Hermann Dollmayrs Jahrbuch der kunstgeschichtlichen Sammlungen des allerhöchsten Kaiserhauses in Wien die erste Reproduktion vom Garten der Lüste. Dollmayr veröffentlicht nicht nur die erste Abbildung, sondern er gibt dem Gemälde, das von Bosch und seinen Zeitgenossen nicht so genannt wurde, auch diesen Titel – und zwar justament zu jener Zeit, in der Sigmund Freud an seiner Psychoanalyse bastelt: "Der Garten der Lüste" – dieser Titel musste in Freuds Wien erfunden werden! Die Surrealisten berufen sich auf Freud, der den Garten der Lüste sicher kannte, und die Psychologen tun das ja sowieso. Bosch ist bei C. G. Jung lebendig und auch bei Lacan. Für Lacan ist Bosch der Erfinder des mittelalterlich Monströsen. Wenn Dalí sich auf das Mittelalterliche an Bosch beruft, kann er sich ja auch auf Lacan berufen. Von Bosch zum Surrealismus kommt man auf dem Umweg über die Psychoanalyse. (Anne Katrin Feßler, 9.8.2016)

Nils Büttner (geb. 1967) ist Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Sein Forschungsschwerpunkt ist Peter Paul Rubens, aber als Experte für die niederländischen Meister schrieb Büttner 2012 auch eine Einführung in das Werk von Hieronymus Bosch (C. H. Beck Wissen, München).

Der Vortrag "Zwischen Wahn und Wirklichkeit" findet am Dienstag, 9.8., um 18.30 Uhr in der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste, Wien, statt.

Zum Weiterlesen

Die Versuchung des Malers Bosch

Drei aktuelle Bildbände zum Werk Boschs

  • Boschs wunderbare Bilderfindungen bekomme man nicht mehr aus dem Kopf, so Nils Büttner. "Großartig" findet der Kunsthistoriker im Weltgerichtstriptychon etwa das auf seiner Nase Flöte spielende Monster.
    foto: erich hussmann, gemäldegalerie der akademie der bildenden künste wien

    Boschs wunderbare Bilderfindungen bekomme man nicht mehr aus dem Kopf, so Nils Büttner. "Großartig" findet der Kunsthistoriker im Weltgerichtstriptychon etwa das auf seiner Nase Flöte spielende Monster.

Share if you care.