Wenn Bürger zu Wissenschaftern werden

5. August 2016, 20:29
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Die Schattenseiten: Oft beschränkt sich Bürgerwissenschaft nur auf das Datensammeln – und kann die Forschung sogar Arbeitsplätze kosten.

Strobl/Wien – Tiere in der Serengeti identifizieren, Marskrater entdecken, Proteine falten, Walgesänge bestimmen oder die Wetterdaten alter Schiffslogbücher auswerten – das klingt nach spannenden Forschungsprojekten exklusiv für Wissenschafter. Doch mit einem Computer oder Smartphone und Internetzugang kann heutzutage jeder bei solchen wissenschaftlichen Aufgaben mithelfen. Dieser nicht mehr ganz neue Trend nennt sich Citizen-Science – auf Deutsch Bürgerwissenschaft – und gilt manchen als das Beste, was der Wissenschaft in den letzten Jahren passieren konnte.

Diese Form von Bürgerbeteiligung an der Forschung verspricht nämlich gleich mehrere Probleme auf einmal zu lösen: Zum einen können wir alle auf diese Weise einen kleinen Beitrag zur Forschung leisten, indem wir etwa bei der astronomischen Bilderauswertung, konkret der Galaxienklassifikation (etwa bei zooniverse.org) mithelfen. Denn noch ist die Software für bestimmte Aufgaben – insbesondere das Auswerten von Bildern – dem Menschen haushoch unterlegen. Zum anderen trägt diese Beteiligung von Laien zur Demokratisierung der Wissenschaft bei und verbessert den Austausch zwischen Bürgern und Forschern.

Für den deutschen Wissenschaftstheoretiker Peter Finke, der 2014 das Standardwerk Citizen Science (oekom-Verlag) veröffentlichte, bietet Bürgerwissenschaft zudem noch die Chance, unser Wissenschaftsbild wieder zu verändern. Für Finke ist es heute zu stark von der professionellen Forschung geprägt. Doch selbst so berühmte Naturforscher wie Charles Darwin, Isaac Newton oder Alexander von Humboldt seine keine professionellen Wissenschafter im strikten Sinne gewesen, sondern in gewisser Weise ebenfalls Amateurforscher und damit letztlich Citizen-Scientists.

Förderung in Österreich

Die neue Bürgerwissenschaft ist längst auch in Österreich angekommen: Allein auf www.citizen-science.at sind dutzende laufende Projekte insbesondere im Umweltbereich aufgelistet – von Igelbeobachtungen bis zur Verbreitung von Pilzen. Sowohl das Wissenschaftsministerium wie auch der Wissenschaftsfonds FWF unterstützen seit kurzem österreichische Citizen-Science-Projekte. Denn gerade in Österreich mit seiner anhaltend hohen Forschungs- und Technologieskepsis könnten solche Projekte womöglich dazu beitragen, die Stimmung für die Wissenschaft zu heben.

"Citizen-Science ist derzeit forschungspolitisch sehr hip", konstatiert denn auch die österreichische Sozialwissenschafterin und Bioethikerin Barbara Prainsack, die seit vielen Jahren in England forscht und zurzeit Professorin am King's College London ist. Sie befasste sich in den vergangenen Monaten im Rahmen eines Projekts mit der Medizinethikerin Alena Buyx (Uni Kiel) eingehend mit solchen Beteiligungsprojekten. Diese Woche referierte sie im Rahmen des Sommerdiskurses der Universität Wien in Strobl am Wolfgangsee über einige ihrer Forschungsergebnisse, die eher ambivalent ausgefallen waren.

Bloße Datenakkumulation

Bei ihren Recherchen zeigte sich, dass allzu große Euphorie gerade in Sachen Demokratisierung der Wissenschaft nicht wirklich angebracht ist: In den meisten untersuchten Citizen-Science-Projekten werden Bürgerwissenschafter bloß zum Sammeln von Daten eingesetzt. Und das würde den professionellen Wissenschaftern in erster Linie eine ganze Menge an Zeit und Geld ersparen. Für Prainsack steckt da nicht zuletzt auch der neoliberale Gedanke dahinter, Wissenschaft billiger zu machen und unbezahlte Bürger Datensätze akkumulieren zu lassen. "Das kann letztlich sogar so weit gehen, dass dadurch Leuten Arbeit weggenommen wird, die bis jetzt bezahlt war."

Besonderes Augenmerk richtete Prainsack auf Citizen-Science im Bereich der Biomedizin. Denn auch hier kann man mitmachen, und es gibt sogar Projekte von Selbsthilfegruppen, die tatsächlich das bisherige medizinische Wissen verbesserten. Doch auch hier sieht die Sozialwissenschafterin problematische Entwicklungen: Für US-amerikanische und britische Citizen-Science-Projekte dürfen Bürger unter anderen mit ihren Stuhlproben mitmachen – müssen aber für die Auswertung 99 US-Dollar zahlen. So wird Citizen-Science letztlich sogar zur mehr oder weniger gut versteckten Forschungsfinanzierung mittels Crowd-Funding. (Klaus Taschwer, 6.8.2016)

  • Bürgerwissenschaft macht Forschung zwar billiger, beschränkt sich derzeit aber großteils auf das Akkumulieren von Datensätzen.
    illu.: bec

    Bürgerwissenschaft macht Forschung zwar billiger, beschränkt sich derzeit aber großteils auf das Akkumulieren von Datensätzen.

  • Barbara Prainsack sieht Citizen Science nicht nur positiv.
    foto: standard/corn

    Barbara Prainsack sieht Citizen Science nicht nur positiv.

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