Julya Rabinowich: Kärchern und Täuschen

5. August 2016, 17:30
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Erdogan hat, wie jeder anständige angehende Diktator, Humor, Kreativität, Bildung ins Visier genommen

Die Zeiten sind schon so interessant, dass es wieder fad wird. Man traut sich morgens kaum mehr in die Zeitung reinzusehen, so vorhersehbar wird die nächste Nachrichten-Gnackwatschen sein. Erdogan reinigt seine dreckige Demokratie auf Hochdruck und Strahlglanz. Er kärchert mit Verve.

Vermutlich, bis alle Lehrer, Journalisten, Schriftsteller in türkischen Gefängnissen durch schwedische Gardinen gucken. Die bereits zuvor inhaftierten Richter könnten ihnen ja Überlebenstipps stecken. Wer auch nur irgendwie mit Schreibaktivitäten zu tun hat, ist offenbar suspekt.

Die Türkei ist zwar nicht das erste Land der Welt, das jenes Satanische der Verse entdeckt, aber neuerdings eines der konsequentesten. Insgesamt wird deutlich, dass Erdogan, wie jeder anständige angehende Diktator, Humor, Kreativität, Bildung ins Visier genommen hat. Menschen, die hinterfragen, sind für das angestrebte System gleichzusetzen mit einem im Hals stecken bleibenden fiesen Hühnerknochen: Sie bringen alles gerade noch Flutschende wieder ins Stocken.

Ansonsten hat Erdogan fleißig seinen Orwell studiert: "Alle sind gleich, nur manche sind gleicher", ist ein alter Hut. Aber der Schachzug der Demokratievernichtung mit der Begründung der Demokratieerrettung hat schon das Ministerium der Liebe beinahe überholt.

Zu den neuen Feinden gibt es auch gefährliche Freundschaften zu entdecken: Die On-off-Beziehung zu Meister Putin ist im Status "es ist kompliziert" angelangt. Vielleicht wird ein gemeinsamer Ausritt die Sache etwas kuscheliger machen.

Man könnte sich über Repression gegenüber der Intelligenzija austauschen und über die Einbeziehung der Religion in staatliche Angelegenheiten. Putin hat mit den Segnungen der Panzer ja schon etwas Erfahrung, die nur darauf wartet, geteilt zu werden. Über kurz oder lang könnte man den Beruf des Kampfgeistlichen im Beamtenstand etablieren. Das Ministerium der Liebe wird schon für die Besoldung aufkommen. (Julya Rabinowich, 6.8.2016)

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