"Herrinnen": Viereinhalb preisverdächtige Frauen

5. August 2016, 17:22
posten

Theresia Walsers Komödie im Herrenseetheater Litschau

Litschau – Von wegen schwaches Geschlecht. Der Herrensee im Waldviertler Litschau ist in weiblicher Hand, sogenannte Powerfrauen haben an seinem Ufer aufgeschlagen: "Weil man ja alles haben muss, auch eine Familie."

Beim Gedanken an ihre durch die Luft spritzenden Betonpumpen bebt etwa Konzernchefin Pilar Aguilera. Drei Buben selbst in die Welt gepresst, einen vierten als "Familienmigranten" angenommen und obendrein Suppenpulver erfunden hat Elisabeth Veit und strahlt mit den Scheinwerfern um die Wette. "Ich und vier Herrentoiletten", so hat Viktoria Schubert ehemals die "Schwanzregimenter" erlebt – wegen eines Unfalls wurde sie nicht "attraktivitätsdebiles" Model, sondern eine herrlich hantige Juristin. Dazu eine barbiepuppenhaft-transsexuelle Mathematikerin (Georg Schubert) und eine Kindergärtnerin mit pinken Mascherln im Haar, umgeschnallter Gitarre und voll der Aufopferung (Petra Strasser). Beim Staatspreis für weibliche Lebensleistung soll eine von ihnen gekürt werden. Die Bühne (Alexandra Burgstaller) lenkt den Blick hinter die Kulissen.

Gleich wie die Komödie von Theresia Walser selbst. Herrinnen ist eine Satire auf Männer- und Frauenbilder. Nach deren erstem Auftritt entpuppen sich die weiblichen Exempel von Schaffenskraft und Tugend als Schauspielerinnen bei der Probe. Auf dieser Ebene komplementiert eine Theatersatire: Über zu spielende Rollen versus dahinter offenzulegende Muster wird darin nebst anderem Theatertheoretisches debattiert. Beides, Rollen wie Muster, malt die Regie von Margit Mezgolich (sie ist auch Intendantin des Herrenseetheaters) genüsslich und grell aus.

Gnadenlose Sätze

Launige Sätze sind das Herzstück der zwecks Komik recht klischeehaft gehaltenen Figuren. Trocken wuchtet das lebendige Darstellerquintett sie ins Publikum. "Man kennt sich ja selbst nicht", heißt es in Erwartung der Laudatio. "Jeder Mensch ein Kündigungsgrund", klagt die Managerin. Pointiert, lakonisch, ironisch.

Dass dieses Ganze nach 80 hoch unterhaltsamen Minuten irgendwie doch halb wirkt, liegt auch an der Themenfülle des Stück-im-Stück-Baus, die viel Angerissenes beim Dasein als Wortwitz belässt. Alles passt fein ineinander – doch wozu?

"Das Stück steht nicht vor Gericht, es hat keine Aussage", heißt es an einer Stelle. So verweigernd ist die Produktion keineswegs. Man wäre aber nicht unglücklich über einen zweiten Akt gewesen, der die verschiedenen Stimmen konfrontiert, d. h. einen etwas subtileren, konzentrierteren und konstruktiven Eifer entwickelt. Ein bisschen erinnert der Titel an Werner Schwabs Die Präsidentinnen: Dort wird die Zerfleischung über sich hinausweisend evident. Darin liegt dann die große Kunst. (Michael Wurmitzer, 5.8.2016)

Bis 28. 8.

Link

Herrenseetheater

  • Spielfreudig und bestens aufein ander abgestimmt wechselt das Ensemble zwischen seinen Doppelrollen als Powerfrauen und Schauspielerinnen.
    foto: andreas biedermann

    Spielfreudig und bestens aufein ander abgestimmt wechselt das Ensemble zwischen seinen Doppelrollen als Powerfrauen und Schauspielerinnen.

Share if you care.