Die Endzeit als Déjà-vu

Kommentar der anderen5. August 2016, 17:23
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Nostalgische Wehmut, Apokalypse-Angst: Was hilft gegen den Pessimismus, der sich von den Rändern des politischen Spektrums wie Metastasen auch immer mehr in der Mitte ausbreitet?

Banken, Klima, Migration, Rechtspopulisten, Fundamentalismen, Separatismen aller Art, Terror, Endloskrisen, und jetzt schaffen wir nicht einmal mehr eine Präsidentenwahl: Zur Neuauflage brauchen wir scheinbar Aufpasser von außen. Nach einem Widerschall der Argumente – Untergang unserer unverdorbenen Kultur versus chauvinistische Finsternis – werden wir einen neuen Bundespräsidenten haben, doch wozu? Nur als wortreichen Begleiter des Niedergangs, wo doch alles unaufhaltsam schlechter wird?

Wegen der Globalisierung und des volksverräterischen Ausverkaufs des Vater-, wenn nicht des Abendlandes durch korrupte Eliten, propagieren die einen. Wegen der Rückkehr von Nationalismus, Engstirnigkeit und Dummheit, sind andere überzeugt. Wegen TTIP und der dunklen Macht internationaler Konzerne, argwöhnen beide. Die Slogans vom Burgenland bis Michigan und Ohio ähneln einander frappant. Das Krisenraunen der letzten Jahre ist zu einer hysterischen Kakophonie angeschwollen. In einer Welt aus den Fugen wird Politik als unfähige Verwaltung des Untergangs empfunden.

Auf Krisen gebannt

Bald werden wir den 60. Jahrestag unserer grenzenlosen Hilfsbereitschaft in eigener Armut gegenüber dankbaren Flüchtlingen feiern und unsere reiche Hartherzigkeit heute beklagen. Doch die aus Ungarn geflüchteten Menschen wurden einst durchgewunken, von 200.000 blieben 18.000. Rasch war die Grenze wieder dicht, Überforderung kam keine auf.

Wir durften uns frei, gut und ein bisschen gefährdet fühlen. Im Gegensatz zur Welt im Umbruch heute schien sie damals – aus heimischer Perspektive – zwar nicht perfekt, aber geordnet. Wir Österreicher biegen uns die Erinnerung gerne zurecht.

Jenes Jahr 1956 brachte mit der Suez-Krise auch einen Nahostkrieg mit Involvierung der Weltmächte, wo der Westen nicht geeint auftrat; der Koreakrieg war kaum vorbei, Frankreich gedemütigt aus Indochina abgezogen; der Algerienkrieg und die Dekolonialisierung Afrikas erschütterten Europas Selbstverständnis. Fidel Castro und Che Guevara landeten 1956 in Kuba, Befreiungsbewegungen waren cool und zogen auch junge Europäer an. Eine Abfolge von Stellvertreterkriegen von Südostasien bis Afrika riss kontinentweite Gräben auf und füllte sie mit Millionen Toten. Die USA erklärten die Dominotheorie zur Doktrin.

Häme über Amerikas naiv-aggressive Außenpolitik wurde bei uns fast so mehrheitsfähig wie der Abgesang auf das hilflose Europa heute. In den Sechzigerjahren waren weltweit noch weniger Menschen vom Überleben des westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells überzeugt als wir heute von der EU. Die Weltordnung löste sich von den kolonialen Rändern auf. England und Frankreich im Niedergang bekamen schon damals Probleme mit Zuwanderern bzw. deren Akzeptanz.

Moralische Verwerflichkeit

Nach 1945 war die Friedensdividende rasch verbraucht. Auch nach dem Auftauen des politischen Permafrostes 1989 blieben die Hoffnungen auf Friede und Konfliktlösungskompetenz durch "Dis-United" Nations und EU unerfüllt. In gelegentlicher Selbstüberschätzung fühlen wir uns für Kriege und scheiternde Staaten schuldig, und die EU ist für Unzulänglichkeiten der geeignete Sündenbock. Unsere eurozentristische Hybris ist bemerkenswert, selbst als Vexierbild: Wir fühlen uns auch in scheinbarer Verwerflichkeit einmalig.

Vom Roman des Franzosen Michel Houellebecq, Unterwerfung, bis zu Boualem Sansals 2084: Literarische Dystopien haben Konjunktur. Einst Atom(krieg), heute Klima, 1956 Kommunismus, heute Islamismus. Der Streit über Migration zwischen Altruismus und Egoismus erschüttert den Zusammenhalt Europas. Beim Wort Solidarität wittern Osteuropäer eine alte sozialistische Propagandaformel. Viele empfinden Deutschlands Forderung nach Offenheit als moralischen Imperialismus. Flüchtlinge konfrontieren uns mit verdrängten Ängsten zur Fragilität von Wohlstand und Frieden.

Intellektuelle sehen sich als Korrektiv zum Politikversagen und blicken mit Verachtung auf das tumbe, verführbare Volk. In Polemiken zwischen vehement eingeforderter Willkommenskultur und rabiater Islamophobie macht sich ein Wir gegen die Anderen breit, und wer nicht mitmachen will, tut sich im Diskurs zunehmend schwer. In einer unsicheren Welt träumen viele von einer abgegrenzten, überschaubaren Welt, die Geborgenheit und Identität verspricht. Die Verunsicherten als faschistoid oder dumm abzukanzeln entspricht jenem Klischee einer Eliten-Arroganz, die der Politikwissenschafter Ivan Krastev als gefährlich erkennt.

Die Flüchtlingskrise muss wohl eher "Europa-Krise" heißen, ein Zweifeln an unseren Werten. Europa steckt in einer Resignationsfalle, meint der in Spanien lebende peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa halb von innen, halb von außen.

Digitales Stammesverhalten

Lagerdenken feiert in "sozialen" Netzwerken Auferstehung, mit Rechthaberei bis zur Paranoia in der – nach dem Philosophen Karl Popper – Rückkehr zum verlorenen Gruppengeist des Stammes: In digitalen Stammesgesellschaften wird weniger debattiert als diffamiert, und selbst Standard-Kommentare lösen fast unvermeidlich Shitstürme im Internet aus – was wir im einstigen Ruf nach einer reifen Konfliktkultur im sozialpartnerschaftlich-miefigen Kammer-Österreich so wohl nicht wollten.

Nach den kontinentalen Kriegsverheerungen hat uns die Vision einer europäischen Einigung weit getragen. Die Vision droht verlorenzugehen – wir erleben die Selbstzerfleischung des Kontinents. Trotz Kriegs- und Terrorgräueln, die wir uns über alle Medienkanäle in unser Bewusstsein beamen, trotz aller Endzeit-Angst: Wir torkeln nicht hilflos in die Zukunft, und die Welt geht nicht unter. Diese Zukunft "mit Engagement, Zuversicht, Offenheit und Mitgefühl" zu gestalten mag als salbungsvoller Sermon abgetan werden – doch der Papst hat recht. Nur Waffenhändler und Nationalpopulisten machen mit Zukunftsängsten gute Geschäfte.

Konflikte sind Teil der Natur. Wir haben die Möglichkeit, sie zu managen, auch solche um Verteilung und Gerechtigkeit. Über eine möglichst breite Mobilisierung der Zivilgesellschaft bei den kommenden Wahlen hinaus: Gegen Politikverdrossenheit hilft keine einmalige Aktion, auch keine Lobby- oder populistisch-plebiszitäre, sondern eine Beteiligungsdemokratie mit moderierten Konsultationsverfahren.

Angst und Resignation werden sonst zur selbst erfüllenden Prophezeiung des Scheiterns.(Gunther Neumann, 6.8.2016)

Gunther Neumann ist Historiker. Er war stellvertretender Direktor der OSZE und ist Vizepräsident des Kelman Institute for Interactive Conflict Transformation. Er arbeitet in Demokratieprojekten und als Wahlbeobachter in Südosteuropa, Afrika, Asien und Lateinamerika.

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