Auslandstürken als Instrument Erdoğans

Kolumne5. August 2016, 17:18
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Das immer bizarrere und autoritärere Verhalten des türkischen Machthabers und seiner Vasallen ist ein ernstes Problem

Nächste Woche wird sich der türkische Präsident in St. Petersburg bei Wladimir Putin für den Abschuss eines russischen Kampfjets entschuldigen und auch sonst ganz lieb sein. In der Zwischenzeit stößt er umso heftiger Beschimpfungen und Drohungen gegen die westlichen Verbündeten der Türkei aus. Kostprobe: "Der Westen hat Panzer, aber wir haben Panzer und Allah." Sein Außenminister assistiert: "Österreich ist die Hauptstadt des radikalen Rassismus." Alles Beweise für die vollkommen EU-untaugliche Mentalität der türkischen gegenwärtigen Führung.

Das immer bizarrere und autoritärere Verhalten des türkischen Machthabers und seiner Vasallen ist ein ernstes Problem. Für den Westen, aber auch für die Türkei selbst. Wie man auf Erdoğans Wutpolitik geostrategisch reagiert, ist die eine Sache.

Ein anderer Aspekt betrifft einzelne europäische Länder wie Österreich und Deutschland besonders. Denn Erdoğan will offensichtlich einen großen Teil der Auslandstürken als Instrument seiner Politik benutzen, selbst wenn sie bereits Staatsbürger des anderen Landes sind.

Die blitzartig organisierten Demos für Erdoğan in Wien und anderswo nach dem missglückten Putsch in der Türkei haben manchem die Augen geöffnet. Hier wurde in einem türkischen Fahnenmeer nicht für Demokratie demonstriert, wie der türkische Botschafter und der Außenminister behaupteten, sondern für ein islamistisch-nationalistisches, autoritäres Regime.

Die paar Tausend Leute, die da praktisch "Führer befiehl, wir folgen dir!" schrien, repräsentieren vermutlich nicht die Mehrheit der hier ansässigen Türken (schon weil die Kurden und Aleviten da nicht mitmachen).

Aber sie sind sehr organisiert und werden kräftig aus der Türkei unterstützt. Zusätzlich ist die Dachorganisation Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) praktisch von den Erdoğan-Türken übernommen worden.

Eine gemeinsame Erklärung der meisten türkischen Vereine (ohne Aleviten und Kurden) über ihre demokratische Gesinnung und Loyalität zu Österreich wurde, wie der Grüne Peter Pilz enthüllte, in der türkischen Botschaft konzipiert. Bei der Pressekonferenz durften weder Fragen gestellt werden, noch wurde die Identität der Vereine bekanntgegeben. Das ist die klassische Geheimnistuerei, der man immer wieder bei den türkischen Verbänden – und den islamischen überhaupt – begegnet.

Erdoğan wollte bei einer Großdemo in Köln per Videowall zu seinem Auslandsvolk sprechen. Man untersagte es richtigerweise. 2010 durfte er aber noch persönlich in Köln auf einer Massenveranstaltung sprechen und Assimilierung als Menschheitsverbrechen bezeichnen. 2015 hielt er in Wien eine Wahlkampfrede, in der er sein Publikum als "Söhne Kara Mustafas" ansprach.

Diese Art der Agitation unter Auslandstürken wird man nicht mehr zulassen dürfen. Die Probe kommt vielleicht bald, wenn Erdoğan ein Referendum ansetzt, das ihm die totale Macht geben soll. Es ist aber auch an den österreichischen Staatsbürgern türkischer Herkunft, sich für derlei nicht (mehr) einspannen zu lassen. (Hans Rauscher, 5.8.2016)

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