Äthiopien: Von der Sklaverei in die Hoffnungslosigkeit

Reportage7. August 2016, 09:00
181 Postings

Viele Äthiopierinnen wollen sich auf der Arabischen Halbinsel eine glückliche Zukunft erarbeiten. Doch dort wartet oft ein Albtraum auf sie

Ruhig und bedächtig hebt Hawi Tulu den rechten Arm und präsentiert ihre Narben. Mit dem linken Zeigefinger fährt sie langsam über die verheilten Wunden, als wolle sie sich an den Schmerz erinnern, der ihr zugefügt wurde. Damals, als die heute 40-jährige Äthiopierin hoffnungsfroh in den Jemen ging – um schließlich hoffnungslos in der Heimat zu enden.

Fast schon apathisch erzählt Tulu, deren kleiner, zierlicher Körper in weißer traditioneller Kleidung steckt, von ihrem Schicksal, das sie mit so vielen teilt. Der Blick starr und leblos, die Stimme leise und monoton, spricht sie von den acht Jahren, die sie auf der Arabischen Halbinsel verbracht hat. Dort sollte das Paradies liegen, in dem man sich und seiner Familie eine glückliche Zukunft erarbeiten kann. Es sollte ganz anders kommen.

Arbeitsagenturen locken die Frauen

Jedes Jahr machen sich hunderttausende Äthiopierinnen auf, um in den arabischen Ländern einen Job als Hausangestellte zu ergattern. Arbeitsagenturen locken die Frauen mit einem für äthiopische Verhältnisse sagenhaften Gehalt. Diese verkaufen daraufhin ihr Hab und Gut oder stürzen sich in Schulden, um die 7000 bis 10.000 Dollar zu stemmen, die als Provision und Bearbeitungsgebühr gefordert werden.

Dort angekommen, in Saudi-Arabien, Katar, Jemen, den Vereinigten Arabischen Emiraten, warten statt des Paradieses oft sklavenähnliche Zustände: 20-Stunden-Arbeitstage, Schläge, Vergewaltigung.

Schläge mit heißem Draht

Auch Hawi Tulu wollte einen besseren Job haben und damit ihren vier Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen. 2007 kam sie zwar über einen anderen Weg in den Jemen – ein dort lebender Cousin kümmerte sich um alles -, doch das Ergebnis blieb dasselbe.

Sie arbeitete für eine Großfamilie, die in einem Haus mit fünf Stockwerken lebte. "Ich war die einzige Hausangestellte dort. Ich musste die ganze Zeit arbeiten, ohne Pausen und mit sehr wenig Schlaf", erzählt sie ohne Gefühlsregung, "ich wurde mit Draht, der elektrisch heißgemacht wurde, geschlagen. Meine Hände und Arme waren blutig."

Eineinhalb Jahre hielt sie durch, dann flüchtete Tulu. Sie irrte ohne Ziel durch die Straßen von Sanaa, bis eine andere Äthiopierin sie aufgriff und sie zur äthiopischen Botschaft brachte. Dort rief man den Cousin zu Hilfe. Denn Tulus Reisepass war immer noch im Besitz ihres Arbeitgebers.

Arbeitgeber bürgt für Arbeitnehmer

Auf der Arabischen Halbinsel wird verstärkt auf Arbeitsmigranten gesetzt. In Katar etwa beträgt der Anteil der ausländischen Gastarbeiter mehr als 90 Prozent. Für viele von ihnen gilt das Kafala-System. Dabei bürgt der Arbeitgeber für den Arbeitnehmer, was im ersten Moment harmlos klingt.

Tatsächlich übernimmt er damit aber die vollständige Kontrolle über seine Angestellten. Er behält den Pass und muss einwilligen, wenn der Arbeitsmigrant das Land verlassen oder die Arbeit wechseln will. Das erklärt auch die verzwickte Situation Tulus – denn sie hatte einen Zweijahresvertrag unterschrieben, und darauf pochte nun ihr Arbeitgeber.

Teufelskreis des Grauens

Irgendwann einigten sich alle darauf, dass Tulu den Arbeitgeber wechseln durfte – hinein in den nächsten Albtraum. Wieder viel Arbeit, wieder keine Pausen, wieder Schläge. Hawi Tulu leiert das herunter, als würde sie einen Einkaufszettel ablesen und nicht von einem Teufelskreis des Grauens erzählen.

Schließlich arbeitete sie während ihrer acht Jahre im Jemen für vier Großfamilien – eine schlimmer als die andere. Doch zumindest bekam sie ihr Gehalt, was auch nicht immer der Fall ist. Einen Großteil der umgerechnet zwischen 150 und 220 Euro im Monat hat sie in die Heimat geschickt. Ihre Kinder sollten es einmal besser haben, deshalb hielt sie durch.

Im April 2015 hatte der ganze Schrecken ein Ende. Im Jemen brach der Bürgerkrieg aus, man hatte anderes zu tun, als Arbeitsmigranten zu beschäftigen, und so brachte Äthiopiens Regierung Tulu und mit ihr viele Landsfrauen zurück in die Heimat. Doch wer glaubt, dass dies einer Erlösung gleichkam, irrt.

"Sie stehen vor dem Nichts"

"Wenn sie zurückkommen, stehen sie vor dem Nichts", sagt Ferew Lemma. Der Äthiopier hat im Frühjahr 2010 Nolawi Services gegründet, eine Organisation, die sich um heimgekehrte äthiopische Frauen kümmert. Das Problem sei mit der Zeit immer größer geworden, sagt Lemma. Ende 2013 etwa, als Saudi-Arabien aufgrund steigender Arbeitslosigkeit hunderttausende Arbeitsmigranten deportierte, befanden sich auch viele äthiopische Frauen darunter.

Deshalb kümmert sich Lemma seit rund sechs Jahren um Frauen wie Tulu. Mit 15 Mitarbeitern unterstützt er sie in einem bescheidenen, aber sauberen Gebäudekomplex in Addis Abeba. Hier sollen die verlorenen Seelen zur Ruhe kommen, denn die Probleme werden daheim nicht geringer.

Viele haben noch Schulden von der Provision offen und wissen nun nicht, wie sie sie zurückzahlen sollen. Die Familien selbst werfen ihnen vor, versagt zu haben, weil sie zurückgekehrt sind, anstatt weiter Geld zu schicken. "Sie wurden und werden psychisch enorm belastet. Hier haben wir Sozialarbeiter, die sich um sie kümmern", sagt Lemma über sein Projekt, das auch von der Caritas Österreich unterstützt wird.

Keine Besserung in Sicht

Und es sieht nicht so aus, als ob dieses Problem kleiner werden würde. "Es gab kleine gesetzliche Verbesserungen, aber es wird noch lange dauern, bis es in den arabischen Staaten wirklich zu großen Veränderungen kommt", sagt James Lynch von Amnesty International.

Die NGO überprüft regelmäßig die Bedingungen von Arbeitsmigranten in den arabischen Staaten. Das wird hunderttausende Menschen vor allem aus Äthiopien, von den Philippinen, aus Indonesien, Indien oder Bangladesch aber nicht daran hindern, weiterhin dort ihr Glück zu versuchen.

Hawi Tulu würde, selbst wenn sie könnte, nicht mehr dorthin zurückkehren. Für sie hat sich das alles nicht ausgezahlt. Das heimgeschickte Geld hat ihre Familie schon wieder ausgegeben. Drei ihrer vier erwachsenen Kinder leben bei ihr und sind von ihr abhängig. "Die älteste Tochter hat die Schule abgeschlossen und sollte mal einen guten Job haben. Doch jetzt hat sie geheiratet und ist Hausfrau", sagt sie traurig. "Ich habe die Hoffnung aufgegeben." (Kim Son Hoang aus Addis Abeba, 7.8.2016)

Die Reise nach Äthiopien wurde teilweise von Sponsoren der Caritas finanziert.

  • Die 40-jährige Hawi Tulu arbeitete acht Jahre im Jemen.
    foto: kim son hoang

    Die 40-jährige Hawi Tulu arbeitete acht Jahre im Jemen.

  • Äthiopische Frauen, die von Saudi-Arabien deportiert wurden, kamen im Dezember 2013 am Flughafen in Addis Abeba an. Viele von ihnen standen vor dem Nichts.
    foto: ap / elias asmare

    Äthiopische Frauen, die von Saudi-Arabien deportiert wurden, kamen im Dezember 2013 am Flughafen in Addis Abeba an. Viele von ihnen standen vor dem Nichts.

Share if you care.