Kopf hoch!

5. August 2016, 17:03
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Mit der Aussicht ist das so eine Sache. Es kommt jedenfalls immer darauf an, wie man den Kopf hält. "Praia de Botafogo" heißt etwa jene Straße, in der das Haus steht, in der sich während der Spiele quasi der Standard-Room befindet. Die Strandnähe, auf die der Straßenname hindeutet, ist allerdings relativ. Schaut man aus dem Fenster und nach unten, so kann man 17 (siebzehn!) Fahrstreifen zählen, die das Haus von der echten "Praia" trennen. Fußgänger haben da nicht wirklich Vorrang, ab und zu gibt es einen Zebrastreifen, dann wieder eine Unterführung, dann wieder eine kleine Brücke. Es dauert, bis man die 17 Fahrstreifen über- und unterquert hat.

Ähnlich verhält es sich mit den Aussichten auf Medaillen. Man darf nicht den Kopf hängen lassen! Wenn sich im Judo nichts ausgeht, dann geht sich im Schießen etwas aus, wenn nicht im Schießen, dann im Paddeln, wenn nicht im Paddeln, dann im Rudern. Spätestens die Seglerinnen und Segler werden es richten.

Der Standard-Room in der Straße "Praia de Botafogo" befindet sich im zwölften Stock. Die Fenster sind relativ dicht, und unten ist derart viel Verkehr, dass der Lärm als gleichmäßiges Rauschen daherkommt. Seinerzeit ist der große Schriftsteller und Brasilien-Freund Stefan Zweig noch so richtig ins Schwärmen geraten. "Alles ist hier Harmonie, die Stadt und das Meer und das Grün und die Berge, all das fließt gewissermaßen klingend ineinander." Doch das ist auch schon 75 Jahre her, da gab's noch keine 17 Fahrstreifen.

Jetzt tritt man besser einen Schritt vom Fenster zurück. Dann nimmt man nur die vielen Boote wahr, die in der Bucht vor Anker liegen, und gleich dahinter den Zuckerhut. Keine schlechte Aussicht. Kopf hoch! (Fritz Neumann, 5.8.2016)

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