Die Figur des Sehers: Was ist von Theodor Herzl geblieben?

6. August 2016, 12:19
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Doron Rabinovici und Natan Sznaider stellen sich die Frage: Wo stünde der Begründer des Zionismus Theodor Herzl in der aktuellen politischen Landschaft Israels?

Kein Märchen" nennt Doron Rabinovici sein neues Buch Herzl relo@ded in Anspielung auf den mutmaßlich einzigen Satz Herzls, der heute noch bekannt ist. Wo stünde Herzl in der aktuellen politischen Landschaft Israels? Lässt sich die Verknüpfung von Politik und messianischer Erwartung auflösen? Herzl relo@ded ist ein subtil-poetischer Trialog.

Im August 1920 notierte Franz Kafka den Beginn einer Erzählung, die sich wie eine Vorwegnahme der Gespräche liest, die Doron Rabinovici jetzt vorlegt. Kafka nannte seine Geschichte Der Olympiasieger: "Der große Schwimmer! Der große Schwimmer!" riefen die Leute. Ich kam von der Olympiade in X, wo ich einen Weltrekord im Schwimmen erkämpft hatte. Ich stand auf der Freitreppe des Bahnhofs meiner Heimatstadt – wo ist sie? – und blickte auf die in der Abenddämmerung undeutliche Menge. Ein Mädchen, dem ich flüchtig über die Wange strich, hängte mir flink eine Schärpe um, auf der in einer fremden Sprache stand: Dem olympischen Sieger."

Kehrt so ein Sieger heim? Seine Heimat – "wo ist sie?" – erkennt er nicht, die Sprache ist ihm fremd. Ein solches Zerrbild könnte man durchaus mit Israel verbinden. "Seit es Israel gibt, ist die Diaspora kein Schicksal, keine Verdammung, sondern eine Wahlmöglichkeit." Dieser Satz ist in seiner makellosen Präzision typisch für Doron Rabinovici, und typisch ist auch das Paradox, das ihn ausmacht. Herzl relo@ded besteht aus einem ganzen Fächer solcher Paradoxa.

Im Dezember 2014 bekommt Doron Rabinovici eine Mail aus dem Jenseits, von teddyherzl@ altneuland – und schnell ist klar: Was der 1904 verstorbene Journalist und Begründer des modernen Zionismus da meldet, ist aus Zitaten montiert. Wie die Antworten darauf ausfallen, geht aus den Accounts hervor: Der von Rabinovici lautet "liter.at" und der des dritten Gesprächspartners, des Soziologen Natan Sznaider aus Tel Aviv, lautet ironischerweise "subt.il".

Wenn ihr wollt ...

Was ist von Theodor Herzl geblieben? Es ist die Figur des Sehers, der den Judenhass als Grundlage des modernen Judentums erkannte. Ist das nicht bis heute für viele areligiöse Juden die relevanteste Definition des Judentums geblieben? Kann sein, aber für Natan Sznaider bedeutet das ein Verhängnis, das politisches Denken in Israel fast unmöglich macht.

"Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen!" – Der Roman Altneuland war eine Abkehr "von den scheinheiligen Verheißungen der Assimilation" und gleichzeitig ein kolonialistisches Projekt. Herzl wollte das britische Angebot annehmen und den Judenstaat in Uganda errichten. Er setzte sich nicht durch. Für gläubige Juden war es undenkbar, Israel an einem anderen Ort als im Gelobten Land zu gründen. Das Paradox zeigte sich also schon vor der Gründung des Staates. Herzl träumte von einem jüdischen Europa im Nahen Osten – und machte die Rechnung nicht nur ohne die Araber, sondern auch ohne die polnischen und russischen Juden. Es gehe bei der Siedlungspolitik nicht um Sicherheit oder Territorium, betont Natan Sznaider, "sondern in erster Linie um die religiöse Legitimation des Landes. Ohne die funktioniert es hier nicht." Die Spannung zwischen staatlicher Normalität und messianischer Erwartung wird sichtbar in Gestalt der Formel, dass das "Land Israel" dem "Volk Israel" gehöre.

"Wenn Ihr nicht wollt, muss es nicht sein ..." – Ironisch gewendet sei der Herzl-Slogan in den Graffiti der Straßen von Jerusalem und Tel Aviv sichtbar, beobachtet Doron Rabinovici. Er rückt die Besatzung ins Zentrum seiner Argumentation. "Das ist der eigentliche Faktor, der überwunden werden sollte. Der Großteil der israelischen Bevölkerung war seit jeher gegen die Siedlungsbewegung, aber dennoch war es der Mehrheit unmöglich, die Minderheit aufzuhalten. Die Siedlungsbewegung ist die Übertreibung und Widerlegung dessen, was den Zionismus ausmachte. Dem politischen Zionismus ging es um jüdische Ansiedlungen für einen jüdischen Staat. Der Neozionismus nach 1967 baut jüdische Siedlungen, die den jüdischen Staat hinter sich lassen, weil es um das jüdische Land geht."

Der Heiligkeit des Bodens stellt Rabinovici die Utopie des Friedens gegenüber – und damit ein weiteres Paradox: "Was ist das ganze Menschenrecht wert, wenn es auf Kosten der Juden geht, und was die jüdische Souveränität, wenn dabei das Menschenrecht verschwindet?"

Wenn ihr nicht wollt ...

"Es ist kein Märchen. Ihr wolltet es nicht anders!" Natan Sznaider ist ebenso wie Doron Rabinovici ein Kenner der Schriften Hannah Arendts. Ihr Paradox der europäischen Juden ("ihre Partikularität war transnational, und ihre Transnationalität war partikular") bestimmt den weiteren Diskurs. Juden hätten, betont Sznaider, "automatisch eine transnationale Erinnerung. Deswegen habe ich versucht, in meiner wissenschaftlichen Arbeit über das globale Gedächtnis zu forschen, und zweifellos ist auch bei Dir der Romantitel Andernorts kein Zufall."

Die transnationale Erinnerung enthält eine zentrale Denkfigur der europäischen Aufklärung: die Trennung von Kirche und Staat. Die wäre entscheidend für Israel, sind sich die drei Gesprächspartner einig. Aber noch dringender wäre die Trennung von Staat und Nation. Rabinovici: "Jenes Israel, das 1948 entstand, war als Antwort auf die Vernichtung legitimiert. Aber die Siedlungspolitik seit 1967 kann international nicht durch den Massenmord an den Juden gerechtfertigt werden. Im Gegenteil." Das Unrecht von 1967 verschlingt, was 1948 akzeptiert wurde.

Das sei unpolitisch, rein moralisch argumentiert, entgegnet Sznaider: "Ohne die Vertreibung eines großen Teiles der Palästinenser 1948 hätte in Israel weder ein Judenstaat noch ein jüdischer Staat entstehen können." Er tritt für ein Geschichtsverständnis ein, das die jüdische Geschichte nicht zur Geschichte der Machtlosigkeit verkürzt und ausschließlich über das Telos des Holocaust versteht.

Israel besteht aus vielen Gesellschaften: säkularen Aschkenasim, dem national-religiösen Lager, den Mizrahim, also den aus Afrika und Asien stammenden Juden, dem orthodoxen und dem ultraorthodoxen Milieu, den Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, den äthiopischen Juden, den arabischen Staatsbürgern Israels und den nichtjüdischen Arbeitsmigranten aus Afrika, Lateinamerika und Asien. Realitätsverlust ist die Grundlage der Politik, schimpft Sznaider und degradiert die Israelis zu "fliegenden Fischen". Ist die Zweistaatenlösung tot? Wäre die Einstaatenlösung nichts als ein Horrorszenario? Hat die "Keinstaatenlösung", die er vorschlägt, einen pragmatischeren Ansatz?

Herzl bricht den Dialog mit der Gegenwart unvermittelt ab. Kafka hat sein Erzählfragment ebenfalls unvermittelt abgebrochen. Auf dem Bankett zu Ehren des Olympiasiegers saßen die Frauen ja schon mit dem Rücken zum Tisch. Ein trauriger Mann hielt die Festrede und wischte sich dabei die Tränen aus dem Gesicht. Da erhob sich der Olympiasieger: "Geehrte Festgäste! Ich habe zugegebenermaßen einen Weltrekord, wenn Sie mich aber fragen würden, wie ich ihn erreicht habe, könnte ich Ihnen nicht befriedigend antworten. Eigentlich kann ich nämlich gar nicht schwimmen. Seit jeher wollte ich es lernen, aber es hat sich keine Gelegenheit dazu gefunden. Wie kam es nun aber, dass ich von meinem Vaterland zur Olympiade geschickt wurde? Das ist eben auch die Frage, die mich beschäftigt."

Kafka beantwortet die Frage nicht. Man muss in der Lösung der israelischen Fragen keinen Weltrekord sehen – sie liegt in allzu großer Ferne. Dass aber die Fragen offen gestellt werden, das tut wohl. (Ingrid Bertel, 6.8.2016)

  • Was ist von Theodor Herzl geblieben? Es ist die Figur des Sehers, der den Judenhass als Grundlage des modernen Judentums erkannte. Ist das nicht bis heute für viele areligiöse Juden die relevanteste Definition des Judentums geblieben?
    foto: imago/picturedesk.com

    Was ist von Theodor Herzl geblieben? Es ist die Figur des Sehers, der den Judenhass als Grundlage des modernen Judentums erkannte. Ist das nicht bis heute für viele areligiöse Juden die relevanteste Definition des Judentums geblieben?

  • Doron Rabinovici, Natan Sznaider, "Herzl reloaded". € 20,60 / 207 S. Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 2016
    cover: jüdischer verlag im suhrkamp-verlag

    Doron Rabinovici, Natan Sznaider, "Herzl reloaded". € 20,60 / 207 S. Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt 2016

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