Der "Wahlkampf" um den Chefsessel in Zitaten

5. August 2016, 16:47
posten

Wrabetz über Grasl: "Er will die meiste Macht, die je ein ORF-General hatte" – Grasl über Wrabetz: "Wrabetz' Konzept bedeutet den brutalsten Zugriff auf die Information und die Redaktionen"

Wien – Die Wahl des ORF-Generaldirektors am 9. August wird öffentlich als Match zwischen SPÖ und ÖVP wahrgenommen. Mit Sicherheit handelt es sich um einen der längsten ORF-"Wahlkämpfe". Bereits im Dezember hatte der von der SPÖ unterstützte amtierende ORF-Chef Alexander Wrabetz seine Bewerbung angekündigt. Der von der ÖVP favorisierte Finanzdirektor Richard Grasl folgte im Juni.

Im Folgenden eine Auswahl an Zitaten rund um die ORF-Wahl:

"Ich habe den Stiftungsrat informiert, dass ich eine weitere Geschäftsführungsperiode von 2017 bis 2022 anstrebe." Alexander Wrabetz kündigt am 9. Dezember seine Bewerbung um den Posten des ORF-Generaldirektors an.

"Derzeit gibt es mit Wrabetz einen Kandidaten, dabei muss es aber nicht bleiben." ÖVP-Generalsekretär und Mediensprecher Peter McDonald bereitet im Jänner den Boden für Alternativen.

"Ich besichtige gerade mit Landwirtschaftsminister Rupprechter im Iran eine Milchfarm mit Fleckvieh. Diese Kühe sind intelligenter als die üblichen ORF-Diskussionen." "Kurier"-Herausgeber Helmut Brandstätter dementiert einmal mehr Spekulationen, wonach er als Kandidat für den Posten des ORF-Chefs in den Ring steigen könnte.

"In Anbetracht dessen, dass im Sommer ein neuer Generaldirektor gewählt wird, setzt Generaldirektor Alexander Wrabetz durch derartige Signale, die in Richtung politischer Intervention interpretiert werden können, Glaubwürdigkeit und Objektivität des ORF aufs Spiel." Der Solo-Auftritt von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) bei "Im Zentrum" sorgt für Kritik durch ÖVP-General McDonald.

"Für mich ist das ein weiterer Beweis, dass sich ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz als Handlanger von Kanzler Faymann sieht. Faymann hat sich vor fünf Jahren einen Chefredakteur gewünscht, den hat er von Wrabetz bekommen." Auch der frühere ORF-Infodirektor Elmar Oberhauser kritisiert das Faymann-Solo im ORF.

"Die Entscheidung, wer in welchem Format zu welchem Thema vom ORF eingeladen wird, ist Angelegenheit der zuständigen Redaktion." ORF-Chef Wrabetz bleibt unbeeindruckt.

"Als Co-Pilot sollte man ja jedenfalls mit dem Piloten einig sein, in welche Richtung man gemeinsam fliegt." Finanzdirektor Richard Grasl lässt im März erstmals eine mögliche Kandidatur anklingen.

"Es wäre auf jeden Fall gut, wenn bis zum Stichtag mehrere Kandidaten zur Wahl stünden. Einen unabhängigen, erfahrenen Wunderwuzzi von außen nach dem Vorbild von Gerhard Zeiler seh' ich weit und breit nicht." NEOS-Stiftungsrat Hans Peter Haselsteiner wünscht sich jedenfalls mehr Auswahlmöglichkeiten.

"Partei-politische Besetzungen führen selten zu innovativen, spannenden und kreativen Chefs, die das Beste für das Publikum wollen." Auch der ORF-Redaktionsausschuss meldet sich zu Wort.

"Ich will keine Doppelspitze für den ORF. Die entspringt dem Gedanken eines Systems der Zweiten Republik, das spätestens vorletzten Sonntag abgewählt wurde." ORF-Chef Wrabetz plädiert mit Hinweis auf das Abschneiden von SPÖ und ÖVP bei der Bundespräsidentenwahl für die Beibehaltung der Alleingeschäftsführung im ORF.

"Ich hoffe, dass er sich nicht in irgendetwas hineinreiten lassen wird – ich mache mir dabei keine Sorgen über den Ausgang, sondern über die Diskussion darüber. Das wären dann Hahnenkämpfe zum Gaudium einiger." Wrabetz sendet Botschaften an seinen möglichen Gegenkandidaten Grasl aus.

"New deal is No deal." ÖVP-Stiftungsrat Thomas Zach lehnt an Anlehnung an den von Neo-Bundeskanzler Christian Kern ausgerufenen neuen Stil Absprachen mit dem Koalitionspartner ab.

"Ja. Alexander Wrabetz, ganz klar." Neo-Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) auf die Frage, ob er bei der ORF-Wahl einen Favoriten habe.

"Ich möchte mich da jetzt in der Form einmal der Meinung enthalten, weil Favoriten sind schon sehr oft gestorben." Vizekanzler und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehners Antwort auf die gleiche Frage.

"Ich wünsche mir einen positiven Wettbewerb der besten Ideen für den ORF." ORF-Finanzdirektor Richard Grasl gibt am 23. Juni seine Bewerbung um den Posten des ORF-Generaldirektors bekannt.

"Es gab Anlassfälle, wo ich das Gefühl hatte, dass die Balance im Unternehmen nicht mehr stimmt. Es war so, das ich über manche Entscheidungen, die finanzielle Tragweite hatten, nicht informiert wurde oder es nur aus Zeitungen erfahren habe." Grasl übt bald Kritik an Wrabetz.

"Ich gehe davon aus, dass er die Unterstützung der Mehrzahl der Stiftungsräte haben wird. Ich glaube, dass jemand, der in dieser Funktion zehn Jahre Erfahrung hat – und davor einige Jahre als Kaufmännischer Direktor tätig war – hoch qualifiziert ist und daher für die Wiederwahl gute Chancen hat." Medienminister Thomas Drozda (SPÖ).

"In 4 Wochen ist ORF-Wahl. Für Wrabetz spricht die Erfahrung, für Grasl die zeitgemäße Direktionsstruktur mit TV, Radio und Online. Wäre positiv" ORF-Online-Chef Thomas Prantner twittert und zeigt Präferenzen punkto Konzept.

"Wir müssen uns in den nächsten Jahren in ein Social Media-Haus verwandeln." Wrabetz kündigt erste Pläne an.

"Ich hoffe sehr, dass es bei einem fairen Wettbewerb der Konzepte bleibt und nicht in Sphären abgeglitten wird, die alle Beteiligten und vor allem den ORF selbst beschädigen." Stiftungsratsvorsitzender Dietmar Hoscher ruft vorsorglich zur Mäßigung im Ton.

"Nach zehn Jahren Alexander Wrabetz bedarf es einer Neuaufstellung. Die traue ich dem Richard Grasl zu." Der frühere ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz bezieht Stellung.

"Wir haben in Bregenz Hamlet gesehen. Er zeigt, dass Köngismord selten gut für alle Beteiligten ausgeht. Man kann aber jemanden, der Ehrgeiz hat, nicht davon abhalten, sich zu bewerben." Wrabetz in Richtung Grasl.

"Great things never come from comfort zones." Der Titel von Grasls Bewerbungskonzept.

"#ORF2021 – Der ORF als Leitmedium im digitalen Zeitalter." Der Titel von Wrabetz' Konzept.

"Bei Grasls Direktionskonzept bin ich etwas skeptisch. Da spießt es sich in der Chance, mich zu überzeugen." Der Grüne Stiftungsrat Wilfried Embacher beurteilt Grasls Konzept.

"Bei Wrabetz ist es more of the same. Wenn er so weitermacht, fährt er den ORF gegen die Wand." FPÖ-Stiftungsrat Norbert Steger beurteilt Wrabetz' Konzept.

"Beide Kandidaten behaupten, eine klare Mehrheit zu haben, so dass ich mich langsam frage, ob wir nicht 35 Stiftungsräte haben, sondern 40 oder 45." Betriebsrats-Stiftungsrat Gerhard Moser beurteilt die Wahlchancen.

"Er will die meiste Macht, die je ein ORF-General hatte ... Plötzlich sind wir in 'finanziellen Turbulenzen', 'ORFeins ist eine Baustelle' und 'Ö3 kein Radio für Junge' mehr. Das artet ein bisserl in Wahlkampf aus." Wrabetz über Grasl.

"Wrabetz' Konzept bedeutet den brutalsten Zugriff auf die Information und die Redaktionen, den es jemals in der Geschichte des ORF gegeben hat. Ich warne ausdrücklich davor, das Konzept, dass alle Chefredakteure einem Generaldirektor als Super-Informationsdirektor unterstellt sind, umzusetzen." Grasl über Wrabetz.

"Der Druck auf eine bestimmte Stimmabgabe ist enorm." Dem unabhängigen Stiftungsrat Franz Küberl geht wegen der unappetitlichen Beeinflussungsversuche langsam die Hutschnur hoch. (APA, 5.8.2016)

Share if you care.