Daher weht der Wind

7. August 2016, 11:16
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Österreichs Segelcrews waren noch nie so gut auf ein Großevent vorbereitet. Die Italienerin Elena Cristofori wies sie in Wetterkunde und Strömungskunde ein. Viele der gewonnenen Daten und Erkenntnisse sind geheim. Der STANDARD erhielt teilweise Einblick

Rio de Janeiro – Achtung, das ist jetzt topsecret. Der STANDARD befindet sich in einem geheimzuhaltenden Raum eines geheimzuhaltenden Hotels in einer großen brasilianischen Stadt. Die Stadt heißt nicht Sao Paulo, soviel dürfen wir wahrscheinlich verraten. Georg Fundak, der Sportkoordinator des österreichischen Segelverbands (OeSV), und Elena Cristofori stehen vor einem großen Bildschirm und setzen zu Erklärungen an. Die Italienerin Cristofori ist seit 2010 die Meteorologin des OeSV, zuvor hat sie an der Universität Turin gelehrt und Schwedens im America's Cup segelndes Team Victory Challenge beraten.

Österreichs Segler, die am Mittwoch in See stechen, sind in Rio die größten österreichischen Medaillenhoffnungen – allen voran die doppelten Weltmeisterinnen Lara Vadlau und Jolanta Ogar (470er) sowie die doppelten Vize-Weltmeister Nico Delle-Karth und Niko Resch (49er). Und sie sind besser vorbereitet als auf jedes bisherige Großevent, auch dank Elena Cristofori. Die 40-Jährige sagt, sie hatte sich drei Herausforderungen zu stellen. Dem Wind und der Strömung als Variablen sowie der Topografie als Konstante. In der Guanabara-Bucht von Rio de Janeiro sind diese drei Herausforderungen besonders groß, das hat mehrere Gründe.

Die Bucht ist 384 Quadratkilometer groß, die Küste in der Bucht 131 Kilometer lang. 91 Flüsse und Bäche, so sie denn Wasser führen, münden ins Meer. Auch das spielt eine Rolle. Bemerkenswert ist, dass der Buchteingang 1,6 Kilometer misst, es aber weiter drinnen quasi einen nur 400 Meter breiten Kanal gibt. Dieser Kanal, die Segler reden von einem "Nadelöhr", und der Meeresboden wirken sich auf Stärke und Richtung der Strömungen aus.

Der Kanal, die Insel

"Es gibt Punkte, da ist das Meer zehn Meter tief", sagt Cristofori, "und nur 50 Meter weiter ist es um 30 Meter tiefer." Man muss sich vor Augen halten, dass die Strömung im besprochenen Kanal manchmal zwei Knoten, außerhalb des Kanals aber nur 0,5 Knoten stark ist. Das macht enorm viel aus, speziell, aber nicht nur, bei Leichtwind. Und dann wäre da noch die Ilha da Laje. Sie ist der Copacabana vorgelagert, liegt in der Bucht, eine kleine Insel mit großer Wirkung auf Wind und Strömung. "Bei einem Kurs bewirkt die Insel", sagt Fundak, "dass auf einer Seite das Wasser mit 60 Metern pro Minute fließt, auf der anderen Seite ist die Strömung aber praktisch gleich Null."

Auf ihrem Bildschirm zeigen Cristofori und Fundak viele Karten und Bilder her, die meisten wollen sie nicht verbreitet wissen. Auf der einen Karte, die nicht geheim bleiben muss, sind sieben Kreise zu sehen, die für die sieben olympischen Regattakurse stehen. Vier der Kreise und also Kurse befinden sich in der Bucht, drei liegen draußen auf dem offenen Meer. Dieses Wissen ist Allgemeingut.

Der größte Teil von Cristoforis Arbeit bezog sich auf die vier inneren Kurse, hier sind die Bedingungen besonders eigen, hier finden, quasi direkt unter dem Zuckerhut, auch die finalen "Medal Races" statt (17./18. August). Auf jenen Karten, die die Wissenschafterin allein dem STANDARD nicht vorenthält, sind viele Pfeile zu sehen, dicke Pfeile, dünne Pfeile. Je dicker der Pfeil, umso stärker die Strömung. Fundak ist es darum gegangen, "die Bedingungen möglichst vorhersagbar zu machen. Für jede Windrichtung und für jeden Kurs."

Vier Windrichtungen kommen laut Cristofori vor Rio in Frage, Nord, Süd, Ost-Süd-Ost und Süd-West. Und wenn Österreichs Seglerinnen oder Segler nun auf diesem oder jenem Kurs mit diesem oder jenem Wind unterwegs sind, könnten oder sollten sie beispielsweise Folgendes beherzigen: "Zuerst links bleiben, dann immer den Druck aufrecht erhalten, dann entweder ganz links halten oder ganz nach rechts segeln." Drei Jahre lang hat Cristofori die Guanabara-Bucht erforscht, besonders intensiv klarerweise im August, zur Olympiazeit. Sie entwickelte ein Strömungsmessgerät, das binnen zwei Minuten Daten aufs Mobiltelefon liefern kann.

9000 Messungen

Früher hat Fundak von einem verankerten Boot "eine Flasche ins Wasser geworfen und so die Strömung gemessen, aber das hat 15 Minuten gedauert" . Die Beschleunigung ließ den Segelverband seit 2013 nicht weniger als 9000 Messungen im Olympia-Revier durchführen.

Das alles ist schön und gut, nützt aber gar nichts, wenn es nicht verstanden wird. Auch das war Cristofori und Fundak klar. Die Italienerin hat eine Firma gegründet, die nicht zufällig TRIM heißt. TRIM kürzt "Translate Into Meaning" ab. Cristofori zählt drei Schritte auf: "Info gewinnen, Info erklären, Info umsetzen." Die Umsetzung ist der Job der Seglerinnen und Segler. "Sie haben richtig lernen müssen, wie in der Schule", sagt Fundak. Cristofori hat sich bemüht, "sehr komplizierte Materie auf möglichst einfache Lehren herunterzubrechen".

Passieren kann immer etwas. Ein Plastiksackerl, das sich um ein Schwert wickelt, ein Fehlstart, eine Disqualifikation, ein Materialschaden. "All die Arbeit ist keine Garantie", sagt Georg Fundak, "aber ein Fundament für Spitzenplätze." Dann drückt Elena Cristofori auf einen Knopf, und in einem geheimzuhaltenden Raum in einem geheimzuhaltenden Hotel in einer großen Stadt wird ein großer Bildschirm dunkel. (Fritz Neumann aus Rio, 7.8.2016)

  • Der Umgang mit dem Wind und den Strömungen vor Rio de Janeiro muss erst geübt werden. Hier segeln einige Teilnehmer am 470er-Wettkampf schon einmal zur Probe.
    foto: reuters/snyder

    Der Umgang mit dem Wind und den Strömungen vor Rio de Janeiro muss erst geübt werden. Hier segeln einige Teilnehmer am 470er-Wettkampf schon einmal zur Probe.

  • Elena Cristofori schaut für Österreichs Segler aufs Wetter.
    foto: oesv

    Elena Cristofori schaut für Österreichs Segler aufs Wetter.

  • Die Kreise auf dieser Karte kennzeichnen die olympischen Segelkurse. Die drei unteren Kreise (Kurse) liegen auf dem offenen Meer, quasi vor der Copacabana, die im Bild links unten noch ansatzweise zu sehen ist. Die vier anderen Kurse liegen in der Guanabara-Bucht von Rio. Der Buchteingang misst 1,6 Kilometer, weiter drinnen (oben) gibt es aber einen nur 400 Meter breiten Kanal, der sich massiv auf die Strömungen auswirkt. Das ist eine der großen Aufgaben, die es zu lösen galt und gilt.
    foto: oesv

    Die Kreise auf dieser Karte kennzeichnen die olympischen Segelkurse. Die drei unteren Kreise (Kurse) liegen auf dem offenen Meer, quasi vor der Copacabana, die im Bild links unten noch ansatzweise zu sehen ist. Die vier anderen Kurse liegen in der Guanabara-Bucht von Rio. Der Buchteingang misst 1,6 Kilometer, weiter drinnen (oben) gibt es aber einen nur 400 Meter breiten Kanal, der sich massiv auf die Strömungen auswirkt. Das ist eine der großen Aufgaben, die es zu lösen galt und gilt.

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