Venezuela: Die verzweifelte Jagd nach Speiseöl und Zucchini

Reportage7. August 2016, 09:00
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Nach 17 Jahren Sozialismus ist die Mittelschicht in Venezuela zerstört – Viele Menschen kämpfen ums Überleben

Samstags im Morgengrauen schultert Universitätsprofessor Elio Ohep im bürgerlichen Osten von Caracas zwei alte Kartoffelsäcke und macht sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Sein Ziel: der eine Stunde von seiner Wohnung entfernte Großmarkt. "Bis vor ein paar Monaten fuhr ich mit dem Auto, doch das ist kaputt, und es gibt keine Ersatzteile", seufzt der 68-Jährige. Venezuela ist nach 17 Jahren Sozialismus im Mangel angekommen. Die Venezolaner kämpfen mit Güterknappheit und Hyperinflation, mit Strom-und Wassersperren.

Als Ohep auf dem Markt ankommt, ist es noch dunkel. Offiziell öffnet der Markt erst später, aber Ohep schlüpft durch den Hintereingang und versucht, mit den Lieferanten ins Geschäft zu kommen. Bei ihnen ergattert er ein paar Bananen und Zucchini zur Hälfte dessen, was die Waren drinnen beim Zwischenhändler kosten. Obst, Gemüse, ein Huhn, Käse, Eier und Schinken für die vierköpfige Familie muss Ohep aber bei den Händlern erstehen.

Vier Stunden später nimmt er erschöpft zu Hause eine Dusche, denn gerade gibt es Wasser, dann rechnet er: Knapp 30.000 Bolivares hat er für den Wocheneinkauf ausgegeben, ein Viertel seines Monatseinkommens. Zum offiziell festgelegten Wechselkurs entspricht das umgerechnet 2700 Euro; auf dem Schwarzmarkt sind es bloß 30 Euro.

Bei den heimischen Produzenten käme am wenigsten vom Gewinn an, klagt ein Kaffeebauer, der seine Ernte gezwungenermaßen zu festgesetzten Preisen an den Staat verkaufen muss. Doch der ist mit der Bezahlung seit Monaten im Rückstand. Auch Transporteure wie Jesús Ramirez stöhnen. Der LKW-Fahrer lädt eine Palette begehrtes Milchpulver aus. "Erst gestern haben mir Diebe einen Lieferwagen gestohlen. Und auch die Nationalgarde findet an den Straßensperren immer einen Vorwand, um mir etwas abzuknöpfen", beklagt er sich.

Milliarden Dollar verpufft

Der inzwischen verstorbene Präsident Hugo Chávez rechtfertigte es, den Habenden etwas wegzunehmen, mit dem Argument, dass der Staat besser und gerechter umverteilen könne. Sein Nachfolger Nicolás Maduro, ehemaliger Gewerkschafter der Busfahrer, sieht es genauso. Doch der gefallene Erdölpreis hat dem Petro-Sozialismus seine Grenzen aufgezeigt. Die in den vergangenen 17 Jahren eingenommenen 300 Milliarden US-Dollar flossen an politische Verbündete wie Kuba und Nicaragua oder mussten für Enteignungen ausländischer Firmen gezahlt werden.

Investiert wurde wenig, zurückgelegt wurde nichts, und nun reichen die Einnahmen nicht mehr, um die Staatsschulden zu bedienen, die Sozialprogramme sowie zweieinhalb Millionen Staatsdiener zu unterhalten und genügend Güter zu importieren. Und so kämpfen viele in der Schattenwirtschaft ums nackte Überleben.

Hunderttausende haben ihre Angestelltenverhältnisse aufgegeben, weil die Löhne nicht ausreichen, und verkaufen knappe Güter nun auf dem Schwarzmarkt. Statistiken des Wirtschaftsinstituts Venebarómetro zufolge gibt es nur noch bei vier von zehn venezolanischen Familien täglich drei Mahlzeiten. Und auch die müssen improvisiert werden.

Bei den Oheps kommt mangels Speiseöls nichts Frittiertes mehr auf den Tisch; die Nachbarn haben stattdessen Schweineschmalz aufgetrieben. Frauen brauen ihre Shampoos selbst, Mütter greifen zu Stoffwindeln, um nicht das stundenlange Schlangestehen unter gleißender Tropensonne in Kauf nehmen zu müssen. Was es wo am günstigsten gibt, ist unvermeidliches Thema eines jeden Gesprächs. Auf Twitter haben sich Gruppen Krebs-und Herzkranker organisiert, um lebenswichtige Medikamente aufzutreiben. Und so bröckelt inzwischen selbst bei den Armen der Rückhalt für die sozialistische Revolution. (Sandra Weiss aus Caracas, 7.8.2016)

  • Bild eines Schülers im Zuge einer Aktion, die aufzeigt, was die Kinder in Venezuela zu Essen bekommen. Auf diesem Bild steht:  "Zum Frühstück habe ich heute nicht gegessen, zu Mittag gab es Pasta mit Mortadella. Ich habe Hunger."
    foto: reuters/carlos jasso

    Bild eines Schülers im Zuge einer Aktion, die aufzeigt, was die Kinder in Venezuela zu Essen bekommen. Auf diesem Bild steht: "Zum Frühstück habe ich heute nicht gegessen, zu Mittag gab es Pasta mit Mortadella. Ich habe Hunger."

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