Altersgerechte Arbeitsplätze werden zur Notwendigkeit

7. August 2016, 10:00
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Die Lebenserwartung in Österreich steigt. So wie die politische Debatte derzeit verläuft, wird sich das auch in Unternehmen bemerkbar machen

Wien – "So ist das, wenn man 60 ist? Oh mein Gott." Eine Teilnehmerin des Alterssimulationstrainings der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) kann ihren Augen und Füßen kaum trauen: "Da kann man ja gar nichts mehr machen." Im Rahmen ihres Präventionsschwerpunkts "Altersgerechtes Arbeiten", der Teil der Kampagne "Gesunde Arbeitsplätze – für jedes Alter" der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz (EU-OSHA) ist, lud die AUVA dazu ein, eine ungewöhnliche Erfahrung zu machen: vorzeitig in die Fußstapfen der älteren Arbeitskollegen zu treten und am eigenen Leib zu spüren, was in den kommenden Jahrzehnten – zumindest auf körperlicher Ebene – auf einen zukommen wird.

Um dreißig Jahre altern

Mithilfe von Bleiwesten, Gewichtsmanschetten, Brillen und Handschuhen, die einem Stromschläge verpassen, altert man um dreißig Jahre. Plötzlich werden Tätigkeiten, die im beruflichen Alltag in der Regel Selbstverständlichkeiten sind, zu Herausforderungen: Formulare ausfüllen, zum Kopierer im dritten Stock gehen, Kisten heben: keine leichten Aufgaben mehr. Der Blick wird milchig, man zittert und schwitzt, die Kräfte schwinden nach kurzer Zeit. Nervosität kündigt sich an, wenn man sich eine Tasse Kaffee einschenkt oder in der Kantine danach gefragt wird, genau zu zahlen. Man weiß schon, dass man lange brauchen wird, um die Münzen zu zählen. An die peinliche Stille währenddessen gewöhnt man sich mit der Zeit.

Diese Entwicklung ist für viele alternde Menschen schwer zu akzeptieren. Hinzu kommen die dadurch neu entstehenden Herausforderungen am Arbeitsplatz. Dass die Veränderungen im Alter aber nicht immer nur defizitär sein müssen, darauf weist Marie Jelenko, Projektleiterin der AUVA, hin: "Es gibt eine Vielzahl an Fähigkeiten und Kompetenzen, die im Alter sogar erweitert werden können." Ging man früher noch von einem sogenannten Defizitmodell aus, welches vor allem den körperlichen und geistigen Abbau im Alter darstellt, so ist es heute üblich, mit einem kompetenzorientierten Modell zu arbeiten. Dieses erlaubt es, die angesammelte Erfahrung in die Analyse miteinzubeziehen.

Wir werden immer älter

Aber ab wann ist man eigentlich alt? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bietet ein Schema an, in welchem man von 45 bis 59 Jahre als alternd, von 60 bis 75 als älter und erst ab 76 Jahren als alt gilt. Nach dieser Rechnung steht man im Alterungsprozess also, wenn alles gut geht, noch voll im Berufsleben. Es ist eine Herausforderung, die Unternehmen immer mehr beschäftigt, denn: Österreich altert. Die Kombination aus niedrigen Geburtenraten und steigender Lebenserwartung verändert die demografische Entwicklung nachhaltig. Auf politischer Ebene führt diese Entwicklung zu Diskussionen rund um die Anhebung des Pensionsantrittsalters und der damit zusammenhängenden Frage nach der Finanzierung des Pensionssystems. Was oft vergessen wird: Diese Entwicklung ist Zeugnis unseres hohen Lebensstandards; die Menschen werden älter, weil sie gesünder sind. Schon 2060 wird die Lebenserwartung laut Statistik Austria für Männer bei 87,3, für Frauen bei rund 90,6 Jahren liegen. Die hinzugewonnenen Jahre werden wir aber vermutlich nicht frei nutzen können; dass man auch im Alter arbeiten muss, wird immer wahrscheinlicher.

Eine Systemfrage

Während man als Versuchskaninchen den Altersanzug ausziehen kann, geht das im echten Leben nicht. Deswegen sei es notwendig, auf die Bedürfnisse, die innerhalb der Berufsgruppen verschieden sein können, einzugehen, sagt Jelenko. Eine ganzheitliche Analyse des Systems, die über die Situation von älteren Arbeitnehmern hinausgeht, sei notwendig; immerhin führten Umstände wie die Überbelastung der Jungen überhaupt erst zu altersbedingten Krankheiten. Besonders in kleineren Betrieben und in Berufssparten mit hoher Dauerbelastung kämpft man mit Problemen. Ausstiegsszenarien und Weiterbildungsmöglichkeiten könnten hier zumindest teilweise Abhilfe schaffen. (Vanessa Gaigg, 7.8.2016)

  • Die Bevölkerungsentwicklung in Österreich deutet darauf hin, dass die Lebenserwartung kontinuierlich steigen wird. Dies wird auch Veränderungen in der Arbeitswelt nach sich ziehen.
    foto: regine hendrich

    Die Bevölkerungsentwicklung in Österreich deutet darauf hin, dass die Lebenserwartung kontinuierlich steigen wird. Dies wird auch Veränderungen in der Arbeitswelt nach sich ziehen.

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