Richard Wagner: Unbewusst, höchste Lust, größter Frust

6. August 2016, 17:00
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Nicht nur als Schöpfer narkotischer Musik verdient Richard Wagner Beachtung. Biograf Ulrich Drüner wirft neue Blicke auf den fatalen Zusammenhang von Judenfeindschaft und unleugbarem Genie

Wien – Die Arbeit des Komponierens ging Richard Wagner (1813-1883) erstaunlich schwer von der Hand. Um seinen Genius gehörig in Schwung zu bringen, war der sächsische Meister auf Luxus angewiesen. Wagner verkörperte nicht ganz freiwillig den Typus des Nomaden. "Wanderer" sollte nicht von ungefähr Wotan, der ohnmächtige Göttervater im Ring des Nibelungen, heißen.

Den Behörden in den reaktionären deutschen Kleinstaaten war er missliebig. Wagner, Freund des Anarchisten Bakunin, hatte sich in der Dresdner Revolution von 1849 als gewaltbereiter Aufrührer erwiesen. Der nachmalige Schöpfer des musiktheatralischen Gesamtkunstwerks wurde von Sachsens Fürstenbütteln steckbrieflich gesucht. Schon vorher war der kleinwüchsige Querulant notorisch klamm gewesen. Wo Wagner auftrat, ob in Dresden, Leipzig, Paris oder London, wuchsen binnen kürzester Zeit die Schuldenberge und bildeten wahre Gebirgsketten. Dabei floss das Geld in Strömen. Leider hatten Wagners Taschen faustgroße Löcher.

Die neue Richard-Wagner-Biografie des Stuttgarter Orchestermusikers und Antiquars Ulrich Drüner erfindet die Geschichte des berühmtesten deutschen Kunstpropheten nicht neu. Sie rundet das widersprüchliche Bild auf rund 800 Seiten nur neuartig ab.

Drüner, der Bratschist, unterschlägt keinen der zahlreichen Misstöne. Ja, Wagner befleißigte sich als Musikschriftsteller eines ekelhaften Antisemitismus. Dieser reichte tief hinein in das Werk und in die Alltagswelt des Gesamtkunstwerkers. In letzterer regierte, wie erwähnt, der unverschämteste Luxus. Setzte sich "der Meister" an seinen Erard-Flügel, mussten die ihn umgebenden Wände mit erlesensten Stoffen bespannt sein. Erotisch aufreizenden Klangbildungen wie dem "Tristan-Akkord" ging ein Schwelgen in haptischen Reizen voraus. Anders als großbürgerlich konnte der Herr Reformer und Schopenhauer-Jünger unter keinen Umständen arbeiten. Wagner war ein Prasser vor dem Herrn.

Aber die Dinge verhalten sich weitaus komplizierter. Wagner verlor Vater und Stiefvater im allerzartesten Kindesalter. Eine gewisse Halt- und Maßlosigkeit bemächtigte sich früh des Kapellmeisters, der Jahrzehnte der Ruhelosigkeit benötigte, um sich vom mittelprächtigen Komponisten zum Präzeptor deutscher Kunst und Kultur aufzuschwingen.

Am Gipfel dieser Entwicklung standen Bayreuth und die Festspiele. In der Person des Unruhegeistes bildet sich jene Umwertung aller Werte ab, die später Nietzsche konstatierte, der seinerseits mit Wagner brach.

Mit dem einstigen Weggefährten aber verband den Philosophen der Glaube an die metaphysisch umstürzende Wirkung der Kunst; sie sollte alle Disziplinen in sich vereinigen. Man kann auch sagen: In Wagner gipfelte jener Geist der Antimoderne, der die Industrialisierung als "artfremden" Ausdruck des Materialismus schroff ablehnte. Hier, an diesem neuralgischen Punkt, kommt denn auch der Antisemitismus ins Spiel. Drüner tut ihn nicht einfach als Wagner'sche Marotte ab, als bedauerliche Reverenz an den bedenklichen Zeitgeist, der weit vorausweist auf den Wagner-Kult der Nationalsozialisten.

Schöpfer des eigenen Mythos

Das Buch trägt den Untertitel: "Die Inszenierung eines Lebens". Tatsächlich verfolgte Wagner ein unnachgiebiges Konzept der Öffentlichkeitsarbeit. Um seine zahlreichen frühen Misserfolge zu bemänteln, konstruiert er den Mythos des einsamen Kämpfers gegen den allgegenwärtigen Kunst- und Opernkommerz.

Gegen den Erfolg "der großen pariser opernhure" (man beachte die progressive Kleinschreibung!) bringt er nach jahrelanger verbissener Arbeit sein komplett eigensinniges System in Stellung. Ein neues Drama mit neuen Menschentypen, mit "unendlicher Melodie", mit "Leitmotiven", die ein fein verästeltes System des Ideentransfers darstellen. Ein Nervengeflecht, an dessen empfindlichen Stellen der Hörer dazu gebracht wird, den jeweiligen Klangeindruck neu zu bewerten.

Drüner gelangt zur Auffassung, dass Wagner, ganz entgegen der landläufigen Ansicht, dem Philosophen Hegel die entscheidenden Schritte hin zur "Zukunftsmusik" verdankt. Wagners niederschmetternde Ausfälle gegen die "Semiten" dienen hingegen der Geschichtsklitterung. Über seine vielen Pleiten deckte er den Mantel der Judenfeindschaft. Wagner, so erhellt Drüner, brauchte nicht nur Brokatstoffe und Liebesschmerzen, um schaffen zu können. Der antisemitische Wahn dürfte ein Mittel zur kalkulierten Erzeugung von Missstimmungen gewesen sein. Erst "konstruktiv frustriert" lief der kleine Mann mit dem großen Sendungsbewusstsein zu seiner wahren Hochform auf. (Ronald Pohl, 6.8.2016)

Ulrich Drüner, "Richard Wagner. Die Inszenierung des Lebens". Biografie. € 36,- / 840 Seiten. Blessing, München 2016

  • Bereits zu Lebzeiten weckte Richard Wagners (1813-1883) Sendungsbewusstsein die Spottlust seiner Zeitgenossen: Hier wird die "Parsifal"-Uraufführung 1882 karikiert.
    foto: ullstein/picturedesk

    Bereits zu Lebzeiten weckte Richard Wagners (1813-1883) Sendungsbewusstsein die Spottlust seiner Zeitgenossen: Hier wird die "Parsifal"-Uraufführung 1882 karikiert.

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