"Harry Potter" im Theater: Der Sohn des Zauberlehrlings

Video5. August 2016, 16:20
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J. K. Rowling hat die Potter-Welt in einem neuen Medium auferstehen lassen: In London wurde "Harry Potter and the Cursed Child" uraufgeführt, und auch das Skript zum Stück ist endlich zu haben

"Gryffindor!", ruft jemand. Lautes Johlen und Klatschen antwortet. Vor dem Harry-Potter-Laden am Bahnsteig 9¾ im Bahnhof Kings Cross zu London vertreiben sich die Fans die letzten Minuten in der Nacht auf den Sonntag. Hunderte von "Potterheads", wie sie sich nennen, viele mit Spitzhüten und Umhängen verkleidet, warten ungeduldig, aufgereiht in Schlangen. Dann wird der Countdown auf Mitternacht gezählt, die Ladentüren öffnen sich, es ist so weit: Endlich steht einmal wieder ein Harry-Potter-Buch zum Verkauf. Harry Potter and the Cursed Child / Harry Potter und das verwunschene Kind ist die neueste Fortsetzung der Saga, die achte Folge nach sieben Bänden: ein Muss für jeden Potter-Fan.

foto: manuel harlan
Ankunft in Hogwarts, der Schule für Hexerei und Zauberei, für die Generation nach Harry Potter: Die Bestseller um den – nun erwachsenen – Magier haben ihre Fortsetzung als Theaterstück gefunden.

Wer bei der Weltpremiere im Londoner Palace Theatre nicht dabei sein konnte, wollte sich wenigstens das Skript zum Stück sichern. Die deutsche Ausgabe wird am 24. September erscheinen. Doch das Buch ist nur ein Trostpreis, verglichen mit dem Spaß, den die Aufführung zu bieten hat.

Am vergangenen Samstag feierte, nach sieben Wochen von Voraufführungen, in denen gefeilt und verbessert wurde, Harry Potter and the Cursed Child seine Uraufführung. Publikum wie Kritik urteilen unisono: ein Triumph. Das Stück – tatsächlich ein zweiteiliges, fünfstündiges, sich in Matinee und Abendaufführung erschöpfendes Schauspiel – ist bis zum Mai nächsten Jahres ausverkauft. Eine neue Tranche von 250.000 Tickets für Aufführungen bis zum Dezember 2017 ist am letzten Donnerstag in den Handel gelangt. Im Internet werden Tickets bereits für mehr als 700 Euro gehandelt; allerdings will man jenen, die inoffiziell Tickets erstehen, den Eintritt verwehren.

harry potter and the cursed child

Die Autorin J. K. Rowling hatte die Idee zur neuen Story um Potter geliefert, Stückeschreiber Jack Thorne hat sie in vier Akten umgesetzt, und der Regisseur John Tiffany steuerte Handlungsstränge und reichlich magische Spezialeffekte bei. Die Handlung knüpft dort an, wo der siebte Band aufhört: Harry Potter, mittlerweile 37 Jahre alt und gestresster Beamter im Ministerium für Magie, bringt seinen Sohn Albus auf den Bahnsteig 9¾ zum Hogwarts-Express. Vater und Sohn verstehen sich nicht gut. Albus leidet an der Last des Familienerbes.

Auf der Fahrt nach Hogwarts freundet er sich ausgerechnet mit Scorpius Malfoy an, dem Sohn des väterlichen Erzfeindes. Die beiden stehlen einen Zeitumkehrer, um den Tod vom Cedric Diggory zu verhindern, der beim Trimagischen Turnier ums Leben kam. Bei ihren Versuchen der Weltverbesserung durch Zeitreisen richten die beiden Zauberlehrlinge mehr Schaden als Gutes an und riskieren sogar die Rückkehr des Oberbösewichts Lord Voldemort.

Man muss kein Potterhead sein, um das Stück zu genießen, aber es schadet auch nicht, denn die Autoren haben für die Fans jede Menge Verweise auf die Originalsaga und neue Enthüllungen in den Wendungen der Story versteckt.

Tricks und Bühnenmagie

Doch Harry Potter and the Cursed Child funktioniert auch für die Uneingeweihten, nicht zuletzt, weil hier das Theater seine ganz eigene Magie entfalten kann. Bei den Filmen hat sich keiner gefragt, wie es möglich sei, dass Schüler auf Besen fliegen können. Wenn das live auf der Bühne passiert, wirkt solch ein Trick viel magischer. Und an Tricks hat man sich viel einfallen lassen, vom Ballett der Bücherregale über den Flug der Dementoren über den Köpfen der Zuschauer bis hin zur Überflutung der gesamten Bühne. Dabei bleibt, neben dem komplizierten, durch Zeitsprünge und Rückblenden angereicherten Plot und den immer wieder unterhaltsamen Spezialeffekten, das emotionale Zentrum des Schauspiels stets erhalten: Es ist die Vater-Sohn-Geschichte, die berührt, die schwierige und schmerzliche Entwicklung für Harry wie für Albus, zueinander zu finden.

Man darf J. K. Rowling und ihrem Team gratulieren: Sie haben die Potter-Welt in einem neuen Medium auferstehen lassen. "Ausnahmsweise", urteilte der Evening Standard, "ist es genau das, was es versprach: der theatralische Event des Jahres." Kritiker-Urgestein Dominic Cavendish bezeugte, nichts Vergleichbares "in all meinen Rezensentenjahren gesehen zu haben". Jetzt freut man sich im Londoner Westend darauf, dass das Stück die Branche belebt. Die Potter-Bücher haben Millionen Kindern den Spaß am Lesen entdecken lassen. Harry Potter and the Cursed Child, so hofft man, soll den gleichen Effekt für die Theater haben und eine neue Generation Bühnenfans anlocken. (Jochen Wittmann aus London, 5.8.2016)

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