William Worden: "Nicht jeder Trauernde braucht Hilfe"

Interview7. August 2016, 15:00
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Ist jemand Nahestehender gestorben, kann man nicht einfach auf den gewohnten Weg zurückkehren, sagt der US-Trauerforscher William J. Worden

Nach den Anschlägen der vergangenen Wochen war nicht nur das Gefühl der Angst allgegenwärtig. Menschen legten in Nizza, München, Ansbach Blumen auf den Straßen nieder, umarmten einander, trauerten öffentlich. William J. Worden hat die Trauer zu seinem Lebensthema gemacht. Sein Buch "Beratung und Therapie in Trauerfällen", das in seiner Originalfassung ("Grief Counseling and Grief Therapy") bereits 1982 erschien, gilt längst als Standardwerk der Trauerforschung.

Darin definiert er vier Aufgaben des Trauerns: Zunächst müsse die Realität des Verlusts akzeptiert werden, damit man sich durch das Gefühl der Trauer arbeiten könne. Danach müsse sich der Trauernde an die Umwelt, in der der Verstorbene fehlt, anpassen. Als vierten Schritt müsse dann eine neue Verbindung zum Verstorbenen aufgebaut werden – während der Hinterbliebene zugleich ein neues Leben beginnen müsse. Der STANDARD traf den 83-jährigen US-Psychologen, der in seiner Praxis nach wie vor Klienten betreut, in Wien zum Gespräch.

STANDARD: Sie sagten vor kurzem in einem Vortrag, dass Terroristen Gefühle der Trauer benutzten. Wie?

William Worden: Terroristen wollen Instabilität. Die Menschen halten es für vorhersehbar, dass sie in die U-Bahn steigen und dann bei der Arbeit ankommen. Dann geschieht ein Anschlag im Zug, und die Menschen werden unruhig. Ob dein Kind oder dein Ehemann stirbt oder ein Bombenattentat geschieht: Der Schlüssel ist, dass das Leben sich verändert hat. Die Menschen, die wieder auf ihren Weg zurückwollen, können vielleicht nicht mehr zurück. Und es gilt eine andere Form von "normal" als zuvor.

STANDARD: Kann man im Kollektiv trauern – etwa eine ganze Nation nach einem Terroranschlag?

Worden: Medien lieben natürlich große Statements. Aber ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich bin, kurz nachdem Prinzessin Diana gestorben war, nach England gereist und war wirklich beeindruckt von den Gedenkstätten und Blumen. Briten gehen nicht sehr offen mit Trauer um, aber ich denke, der Tod Dianas gab den Leuten in England die Erlaubnis, damit offener umzugehen. In diesem Sinne betrauerte England Dianas Tod, aber auch frühere Verluste – es ging über Dianas Tod hinaus. Überprüfbar ist das aber nicht.

STANDARD: Sie haben vier Aufgaben des Trauerns definiert, die letzte lautet, man solle eine neue Verbindung zum Verstorbenen aufbauen. Ursprünglich gingen Sie davon aus, dass die Bindungen zu kappen seien. Warum haben Sie Ihre These abgeändert?

Worden: Freud sprach vom emotionalen Rückzug vom Toten. Eltern, die ihre Kinder verloren hatten, fragten mich aber immer wieder: Was bedeutet das, mich von meinem toten Kind zurückzuziehen? Ich realisierte, dass Freud ein limitiertes Sample hatte. Forschungen zeigen, dass manche Menschen mit einem Toten verbunden bleiben, und das ist trotzdem nicht ungesund.

STANDARD: Viele Menschen denken, sie müssen eine bestimmte Zeit abwarten, bis ihre Trauer vorüber ist. Sie jedoch definierten vier Aufgaben und lassen sich auf keine Zeitangabe ein. Oder doch?

Worden: Nein. Aber ich sage offen zu Patienten: Du wirst dich vielleicht nicht immer so fühlen wie jetzt. Ich sage nicht: Sie werden sich besser fühlen. Das ist hilfreich und gibt ihnen ein bisschen Hoffnung.

STANDARD: Was sagen Sie jemandem, der versucht, Schmerz und Trauer zu vermeiden?

Worden: Wenn man im Fall eines Verlusts den Schmerz nicht fühlt, kann man eine physische Störung entwickeln, oder der Schmerz kann bleiben und viel später herauskommen. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Eine Frau war schwanger, als ihr sechsjähriger Sohn starb. Familie und Freunde sagten ihr: "Trauere nicht zu viel, das könnte das Ungeborene gefährden." Also trauerte sie nur etwas. Sie bekam noch einen Sohn, und als dieser 18 Jahre alt war und zur Universität gehen sollte, kam der ganze Schmerz bei ihr heraus. Das ist nicht typisch, aber ein interessanter Fall. Der Schmerz bleibt also da – und kommt später heraus.

STANDARD: Sie haben viel mit todkranken Krebspatienten gearbeitet. Trauern diese um die Menschen, die sie – noch – umgeben?

Worden: Was die Menschen, die den Todkranken verlieren, oft vergessen, ist, dass Sterbende viele Menschen verlieren. Zahlreiche Krebspatienten erleben dabei Trauer, andere akzeptieren wiederum bis zum Schluss nicht, dass sie sterben.

STANDARD: Das österreichische Parlament hat vor kurzem den Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung beschlossen. Wie kann man Angehörigen von Palliativ- oder Hospizpatienten helfen?

Worden: Man sollte Beratung anbieten, muss dann aber die Menschen entscheiden lassen, was sie brauchen. Nicht jeder Trauernde braucht Hilfe. Aber man sollte die Ressourcen haben, sie jenen anzubieten, die sie benötigen. In den USA sind es zehn bis 15 Prozent der Menschen.

STANDARD: Es gibt Menschen, die ganz unbemerkt von der Umgebung Verluste erleben: etwa wenn ein Paar erfährt, dass es kein Kind bekommen kann. Wie beeinträchtigt es die Art zu trauern, wenn das Umfeld nicht informiert ist?

Worden: Ich nenne das entrechtete Trauer. Die meisten Menschen würden nicht erkennen, dass das ein sehr großer Verlust ist, wenn etwa ein Paar unfruchtbar ist – ich hatte Paare, die deshalb zu mir gekommen sind. Die Gesellschaft schenkt dem keine Beachtung. Es wäre aber wichtig, dass Menschen im nahen Umfeld das als echten Verlust bewerten.

STANDARD: Eine der von Ihnen definierten Traueraufgaben ist, sich an die Umgebung anzupassen, in welcher der verlorene Mensch fehlt. Was aber, wenn man den Ort des Verlusts verlassen hat – wie tausende Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten flohen?

Worden: Diese Menschen erleben vielfache Verluste. Manchmal ist es bei solch vielfachen Verlusten der Fall, dass die Menschen zumachen und die Trauer gar nicht fühlen. Das ist ein potenzielles Problem. Im Moment sind diese Flüchtlinge auf Dinge wie ihr nächstes Essen oder ihre Wohnsituation fokussiert. Es wäre sozusagen ein bisschen Luxus, die Trauerarbeit zu machen. Ihre Trauer könnte später aufkommen.

STANDARD: Sie selbst sprechen sehr viel über Tod und Trauer. Empfinden Sie dabei auch Traurigkeit?

Worden: Manchmal. Aber es ist nicht hilfreich, wenn der Arzt sich zum Patienten ins Bett legt, wie man so sagt. Man muss eine gewisse Distanz wahren. Manche Geschichten sind sehr berührend. Auf der anderen Seite kann man zu distanziert sein. Wenn die Geschichten der Menschen einen nicht bewegen, muss man aber in ein anderes Feld gehen.

STANDARD: Welche Forschungsfrage beschäftigt Sie gerade?

Worden: Wir machen eine Follow-up-Studie über die Kinder, die einen Elternteil verloren hatten, als sie zwischen sechs und 17 Jahre alt waren. Sie sind in ihren Zwanzigern, und wir sehen uns an, was für einen Einfluss ihr Verlust auf ihre Beziehungen hat.

STANDARD: Hätten Sie manchmal gerne ein fröhlicheres Thema erforscht?

Worden: Warum, weiß ich nicht, aber das Feld passt für mich. Als ich noch regelmäßig mit sterbenden Patienten gearbeitet habe, ging ich manchmal nach Hause und spielte lange Orgel. Das ist eine gute Art der Befreiung.
(Gudrun Springer, 7.8.2016)

William Worden (83), Professor für Psychologie und Mitglied der American Psychological Association, ist an der Harvard Medical School sowie an der Rosemead Graduate School of Psychology in Kalifornien tätig und forscht zu Krankheit, Sterben, Tod und Trauer. "Beratung und Therapie in Trauerfällen" (1982) wurde in 14 Sprachen übersetzt. Worden war auf Einladung der Rundumberatung, die auch Trauernde begleitet, in Wien.

  • Ein Mann legt auf der Promenade des Anglais in Nizza Blumen nieder, wo ein Angreifer 84 Menschen tötete. Terroristen nutzen nach Ansicht des Trauerforschers William J. Worden Gefühle der Trauer.
    foto: reuters / jean-pierre amet

    Ein Mann legt auf der Promenade des Anglais in Nizza Blumen nieder, wo ein Angreifer 84 Menschen tötete. Terroristen nutzen nach Ansicht des Trauerforschers William J. Worden Gefühle der Trauer.

  • "Terroristen wollen Instabilität", sagt Worden. Plötzlich gelte "eine andere Form von ,normal' als zuvor".
    foto: robert newald

    "Terroristen wollen Instabilität", sagt Worden. Plötzlich gelte "eine andere Form von ,normal' als zuvor".

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