Die Dramaturgie des Realen

5. August 2016, 15:01
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Das aut (architektur und tirol) zeigt Filmarbeiten von Harun Farocki und Antje Ehmann: "Arbeitsverhältnisse" in globalisierter Welt

Innsbruck – Das Pressen und Stapeln von Ziegelsteinen, das Vergleichen von Farbmustern für Fassadenplatten, das Zurechtrücken von Requisiten für ein Fotosetting – es sind scheinbar banale Tätigkeiten, die Harun Farocki zum Untersuchungsgegenstand seiner Filme macht. Als dezenter Beobachter im Hintergrund, der dennoch jedes Detail registriert, begleitet er Menschen bei ihren Tätigkeiten – in Indien, Burkina Faso, Berlin, Kairo oder Hanoi. Die Kamera ist dabei statisch auf einen Bewegungsablauf, einen Raum, eine Situation gerichtet, ohne Kommentar. Die Wertung muss der Betrachter allein vornehmen.

Harun Farocki, 2014 siebzigjährig in Berlin verstorben, hat die gesellschaftspolitisch orientierte Filmkunst seit vierzig Jahren geprägt und war vor allem eines: neugierig und weltzugewandt. Er wollte Realitäten aufzeigen, ohne einzugreifen oder didaktisch zu sein, und hat dennoch durch die Dramaturgie seiner Filme Unsichtbares sichtbar gemacht und Machtverhältnisse dechiffriert.

Etwa in Die Schöpfer der Einkaufswelten, der die perfekt durchkonzipierte, auf maximalen Konsum ausgelegte Planung einer Shoppingmall dokumentiert. Oder im Langzeitprojekt Eine Einstellung zur Arbeit, das Harun Farocki und Antje Ehmann seit 2011 gemeinsam betrieben.

Bei Workshops mit lokalen Filmemachern in fünfzehn Städten entstanden Zweiminutensequenzen verschiedener Arbeitsvorgänge – bezahlt, unbezahlt, materiell oder immateriell, traditionell oder modern. Über die präzise Beobachtung dieser Tätigkeiten passiert zugleich eine Auseinandersetzung mit der Stadt oder Region.

Genau mit diesem Fokus erfolgte auch die Auswahl der Filme für die Ausstellung – alle setzen sich, über das Thema Arbeit hinaus, mit Architektur, Stadt oder räumlichen Inszenierungen auseinander. Die fünf Einzelprojekte und neun Kurzvideos bieten insgesamt fünf Stunden Filmmaterial, das auf den unterschiedlichen räumlichen Ebenen mit der nötigen Konzentration und Ruhe präsentiert wird. (Nicola Weber, 5.8.2016)

aut, bis 10.9.

  • Harun Farocki (re.) bei Dreharbeiten in Burkina Faso für das Projekt "Zum Vergleich", das die Produktion von Ziegelsteinen in aller Welt zeigt – vom Roboterbetrieb bis zur kollektiven Handarbeit.
    foto: matthias rajmann

    Harun Farocki (re.) bei Dreharbeiten in Burkina Faso für das Projekt "Zum Vergleich", das die Produktion von Ziegelsteinen in aller Welt zeigt – vom Roboterbetrieb bis zur kollektiven Handarbeit.


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