Sprechende Trommeln, Buzi und Reggae

Video6. August 2016, 10:00
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Die Afrika-Tage bestehen nicht nur aus dem kulturellen und musikalischen Programm oder der Kulinarik – es sind auch die interessanten Geschichten der "Standler", die das Festival so besonders machen

Es gibt wenige Festivals in Österreich, die es schaffen, gute Musik, kulinarische Streifzüge durch einen ganzen Kontinent, facettenreiche kulturelle Programme und Angebote für Kids und Erwachsene zu vereinen. Und keines davon repräsentiert einen ganzen Erdteil. Na gut, eines schon: nämlich die Afrika-Tage. Auch heuer kann man sich auf der Wiener Donauinsel schon seit dem 29. Juli und noch bis zum 15. August vom afrikanischen Esprit verführen lassen und eine Afrika-Tour von Kairo bis Kapstadt unternehmen.

Der Basar

Dafür sorgen nicht zuletzt die zahlreichen Händler und Aussteller auf dem Basar des Festivals. Sie kommen aus ganz Afrika, einige von ihnen sind Pendler zwischen dem Schwarzen Kontinent und dem Abendland. "Im Sommer bin ich in Europa und stelle auf unterschiedlichen Festivals aus. Im Winter bin ich in Ghana, wo ich meine Trommeln, die ich hier verkaufe, baue," sagt Frank Adu. Sein Trommelsortiment ist groß. Zu den Verkaufs-Highlights zählen die "Talking Drums". Diese sind mehr als nur Instrumente.

"In früheren Zeiten wurden sie zur Übermittlung von Nachrichten über Distanzen von vier bis fünf Kilometern verwendet," erzählt Frank. Das sanduhrförmige Instrument wird unter den Arm gelegt, und durch geschicktes Anspannen und Loslassen des Oberarms werden über die Lederschnüre unterschiedliche Töne erzeugt.

derstandard.at

Tonale ghanaische Sprachen

"Unsere Sprachen in Ghana sind sogenannte tonale Sprachen, und so können durch die Trommeln ganze Nachrichten übermittelt werden," sagt der ghanaische Händler. Gerne führt Frank vor, wie die Trommel funktioniert. Den Inhalt der Vorführung verrät er aber nicht. Für die meisten Kunden ist es auch nebensächlich. Schließlich werden sie später auch nicht wissen, was sie gerade in einer der ghanaischen Sprachen vorgespielt haben – falls das, was sie vorgespielt haben, überhaupt ghanaisch war.

Driss, der Sahraui

Driss Himoud pendelt ähnlich wie Frank zwischen Afrika und Europa. Hier auf dem Festival verkauft er Teppiche, Schmuck und unterschiedliche Produkte aus dem Maghreb. Im Winter hat er jedoch ein anderes Geschäftsfeld: "Da biete ich von Marokko aus Reisen in die Sahara an." Er selbst ist ein Sahraui. Das ist ein Nomadenstamm, der in Marokko, Mauretanien, Algerien und der Westsahara lebt.

Viele Touristen, die er in die Sahara begleitet, lernt er bei Festivals wie den Afrika-Tagen kennen. "Auf Festivals nehmen sich die Leute mehr Zeit und sind nicht so gestresst. Manche wollen etwas über die Sahrauis erfahren, manche interessieren sich für meine Produkte, andere treffe ich im Winter in Marokko wieder," so der geschäftstüchtige Driss.

Die Weltenbummlerin Mariella

Aber nicht nur von Ausstellern aus Afrika kann man auf dem Festival interessante Geschichten hören, auch einige österreichische "Standler" bereichern mit ihren Angeboten und ihren Geschichten das Festival. Eine von ihnen ist Mariella. Die gebürtige Salzburgerin ist eine Weltenbummlerin. Sie bietet heuer Glitzer-Tattoos sowie Body- und Face-Painting an. "Ich bin meistens auf Reisen, egal ob in Südamerika, Afrika oder sonst wo. Egal wo ich bin, frage ich die Einheimischen nach Arbeit, und es ergibt sich immer etwas. Und so lerne ich immer neue Berufe und Handwerke."

Am meisten gefällt ihr das Tauschen als Handelsform. "Mit dem Tauschgeschäft kann man überall weit kommen, so auch hier. Ich biete den anderen Standlern an, Kids anzumalen, und dafür erhalte ich dann Gewand oder etwas Leckeres zum Essen."

Buzi und andere Köstlichkeiten

Vom Essen schwärmen alle, die die Afrika-Tage besuchen. Das Angebot ist riesengroß. Spezialitäten aus Kenia, Kamerun, Nigeria, Ägypten und vielen anderen Ländern werden angeboten. "Ich habe gerade Buzi gekostet. Das ist ein Ziegeneintopf aus Kenia. Unglaublich, wie gut das schmeckt," sagt Thomas. Seine Freundin genoss einen Garnelenspieß kamerunischer Art. "Nur wegen des Essens werde ich wiederkommen," sagt Sabine.

Trommelworkshops und Reggae

Wem der Basar und die Geschichten der Händler sowie das Essen nicht Argument genug sind, das Festival zu besuchen, der findet in dem facettenreichen kulturellen und musikalischen Programm sicherlich etwas, das ihm oder ihr ein Afrika-Urlaubsfeeling verleiht. Seien es afrikanische Tanzgruppen, Trommelworkshops oder Kaffeetrinken auf dem Teppich in der Cairo-Corner.

Für die Reggae-Liebhaberin Isabelle sind die Musik-Acts das, was die Afrika-Tage ausmachen: "Auf dem Festival treten die besten Reggae-Gruppen der Welt auf. Am ersten Tag hat schon der Sohn von Bob Marley, Julian, ein geiles Konzert gegeben. Dann war Chronixx hier, und am letzten Tag tritt Inner Circle auf. Das hier ist meine Welt," so die begeisterte Wienerin.

Die Festivalveranstalter rechnen in den 18 Festivaltagen mit knapp 50.000 Besuchern. "Wir möchten so viele Menschen, wie nur möglich erreichen. Montags ist der Eintritt sogar frei, für Kulturpass-Inhaber sogar auch am Dienstag und Mittwoch," so der Organisator der Afrika-Tage, Medhat Abdelati. Die redefreudigen und freundlichen Standler freuen sich auf jeden Besuch. "Ich liebe es, hier zu arbeiten, ich lerne immer neue Menschen kennen. Mit manchen führe ich nur Smalltalk, mit einigen Besuchern von den letzten Jahren bin ich heute noch in Kontakt," so der senegalesische Händler Modu. (Siniša Puktalović, 6.8.2016)

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