Bonus-Malus für ältere Arbeitnehmer wird wohl nie kommen

5. August 2016, 17:05
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Beschäftigungsquoten: Ziele, die sich die Regierung bis 2017 gesetzt hat, werden bereits weitgehend erreicht

Wien – Eine ganz seltene Spezies sind sie nicht mehr: Menschen, die älter als 55 sind und sich trotzdem noch im Erwerbsleben befinden. Nicht zuletzt wegen des erschwerten Zugangs zur Frühpension ist die Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie diese Grafik zeigt:

Für die Unternehmen gewinnt das Thema künftig an zusätzlicher Brisanz. Die Regierung hat sich nämlich im Vorjahr auf eine Art Bonus-Malus-System verständigt, das Anfang 2018 in Kraft treten wird, wenn zu wenige ältere Mitarbeiter beschäftigt werden.

Ein halbes Jahr daher, also Ende Juni 2017, wird überprüft, ob die selbstgesteckten Ziele erreicht wurden. Konkret gibt es drei gesetzliche Zielwerte für Beschäftigungsquoten:

  • Männer 55–59: 73,6 Prozent
  • Männer 60–64: 33,1 Prozent
  • Frauen 55–59: 60,1 Prozent

Da Frauen bereits mit 60 einen gesetzlichen Anspruch auf die Pension haben, gibt es bei ihnen keinen Zielwert für die Gruppe der 60- bis 64-Jährigen.

Drei Hürden

Sobald eine der drei Hürden nicht genommen wird, tritt die Bonus-Malus-Regelung in Kraft – allerdings nur für Unternehmen mit mehr als 25 Dienstnehmern. Konkret wird dann für jede Branche ermittelt, wie viele über 55-jährige Mitarbeiter im Schnitt beschäftigt werden. Firmen, die unter dem Branchenschnitt liegen, kommen in die Malus-Regelung. Sie müssten dann bei jeder Trennung von Mitarbeitern die doppelte Auflösungsabgabe zahlen (also 242 statt 121 Euro).

Umgekehrt kommen Unternehmen, die überdurchschnittlich viele Ältere beschäftigen, in den Genuss eines Bonus. Dieser wird in Form eines um 0,1 Prozentpunkte reduzierten Beitrages zum Familienlastenausgleichsfonds gewährt. Ein Betrieb mit 100 Mitarbeitern würde sich so jährlich rund 3.600 Euro ersparen.

Deutliche Fortschritte

Ein Jahr vor dem Stichtag deutet freilich alles darauf hin, dass es nie zu einem Bonus-Malus-System kommen wird. Wie das Sozialministerium auf STANDARD-Anfrage bekanntgab, wurde der Zielwert für die 55- bis 59-jährigen Männer im Juni 2016 bereits erreicht.

foto: apa/afp/josep lago
In der Telekommunikationsbranche ist der Anteil der über 55-jährigen Mitarbeiter so niedrig wie in kaum einer anderen Branche.

Bei den Frauen und bei den 60- bis 64-jährigen Männern liegt man nur mehr geringfügig unter der angestrebten Beschäftigungsquote. Der Trend der letzten Jahre müsste also schon komplett zum Erliegen kommen, damit die Zielwerte doch noch verfehlt werden. Seit 2013 gab es jedenfalls jedes Jahr deutliche Verbesserungen. Bei den über 60-jährigen Männern ist die Beschäftigungsquote beispielsweise binnen vier Jahren um fast zehn Prozentpunkte gestiegen.

Zweischneidige Geschichte

Für die Wirtschaft sind die Fortschritte eine zweischneidige Geschichte. Einerseits würde man um einen Teil der heißersehnten Senkung der Lohnnebenkosten umfallen – es dürfte nach STANDARD-Berechnungen in Summe um rund 50 Millionen Euro gehen. Andererseits wäre wohl die Wirtschaftskammer über das Aus der Malus-Bestimmung hocherfreut. Schließlich mobilisierte sie von Anfang an gegen jede Form von Bestrafung und lehnt aus prinzipiellen Gründen Quotenregelungen für ältere Mitarbeiter ab.

Bis zu einer finalen Entscheidung wird aber noch knapp ein Jahr vergehen. Damit die Firmen wissen, wo sie stehen, bereitet der Hauptverband der Sozialversicherungsträger derzeit Informationen vor. Über ein Onlineportal kann dann abgerufen werden, ob man nach derzeitigem Stand über oder unter dem Branchenschnitt läge.

Die Streuung zwischen den einzelnen Branchen ist jedenfalls groß: Während bei Entsorgungsbetrieben fast ein Viertel der Belegschaft älter als 55 ist, liegt ihr Anteil bei Telekommunikationsunternehmen, in der Luftfahrt, aber auch bei Steuerberatern nur bei vier bis fünf Prozent. Absolutes Schlusslicht ist das Veterinärwesen: Dort sind nur 3,9 Prozent älter als 55. (Günther Oswald, 5.8.2016)

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