In den Ferien: Glücklich mit der Zeitung vom Vortag

6. August 2016, 17:00
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In den Ferien verhält man sich eben anders, unzeitgemäß, immer etwas in der Vergangenheit lebend. Der Autor Michael Angele hat mit seinem Buch "Der letzte Zeitungsleser" einer Lebensform ein Denkmal gesetzt

Die Tageszeitung verschwindet, weil sie veraltet ist, weil ein "Tag" den Informationsfluss nicht mehr regelt, das stimmt schon, aber das rasche Veralten einer Zeitung war schon ein Thema, als es nur Zeitungen gab. "Es gibt nichts Älteres als die Zeitung vom Vortag", ist die Signatur des Zeitungszeitalters. Aber es stimmte nie so ganz. Weder stimmte dieser Satz für D., als er todkrank im Krankenhaus die FAZ las, die er tags zuvor am Kiosk gekauft hatte, noch stimmt es bis heute für irgendjemanden, der in den Ferien ist. Die Zeitung vom Vortag ist im Gegenteil der beste Beweis, dass man wirklich woanders ist. In den Ferien kann es nur eine Zeitung vom Vortag geben; wer eine deutsche Zeitung vom gleichen Tag in der Hand hält, kann gleich wieder nach Hause fahren, er ist nicht in den Ferien. So war es in den goldenen Jahren des Zeitungslesens, so ist es immer noch.

Unsere letzten Sommerferien verbrachten wir in der Bretagne. Mit einer befreundeten Familie hatten wir ein kleines Haus gemietet, in einem Weiler wenige Kilometer von der Küste. Im Ort selbst gab es keine Zeitungen zu kaufen, es gab überhaupt keinen Laden, aber wir hatten natürlich unsere Notebooks dabei und bekamen ein schlechtes Gewissen, wenn wir sie nicht nur hochfuhren, um uns bei Spiegel Online über den Gaza-Krieg auf dem Laufenden zu halten, sondern auch, um auf Facebook die Zeit zu vertrödeln. Der Familienvater war nicht so oft auf Facebook, er las auf seinem iPad auch die deutschen Zeitungen und die NZZ, und wenn wir später am Tag in der kleinen Stadt am Meer waren, kaufte er sich Le Monde, Libération und den Canard Enchaîné.

Dass ich über das Zeitungslesen nachdachte, vielleicht sogar ein kleines Buch schreiben würde, verschwieg ich ihm, ich wollte nicht, dass er sich beobachtet fühlt und sein Verhalten ändert, ein Problem, das aus der Ethnologie bekannt ist. Er hätte sich dann vielleicht nicht so selbstverständlich die Zeitung in seine Hosentasche gesteckt und wäre mit ihr nicht durch die kleine Hafenstadt stolziert, aus deren Straßenbild die Zeitungen so gut wie verschwunden waren, wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass der Ort zwar hübsch, aber doch auf den regionalen Tourismus ausgerichtet ist. Die Krimis von Bannalec, die so viele Menschen in die Bretagne locken, spielen woanders. In der Papeterie gab es zwar auch ausländische Zeitungen, aber man musste nach ihnen fragen. Die Verkäuferin warf einen unsortierten Packen auf den Tresen, aus dem ich die Süddeutsche vom Vortag zog, und mich ins gegenüberliegende Café setzte, aus dem ein Hit von Alphaville zu hören war.

Ich blätterte ein wenig in der Süddeutschen und blickte zu den Fischerbooten, die in der Mittagssonne dösten. Am Ende hatte ich nur das Streiflicht gelesen, das ich in Berlin kaum mehr lese, obwohl ich es mir oft vornehme. Ich hatte also nicht viel gelesen, aber ich hatte eine Glosse gelesen, die zum Besten gehört, was die Zeitung zu bieten hat, aber von mir viel zu selten gelesen wird. Ich fühlte mich gut. Auch L. las nur einen Bruchteil der französischen Zeitungen, die er gekauft hatte. Am wenigsten vertiefte er sich in den Canard Enchaîné. Nun sind die Artikel im Canard gewiss sehr anspruchsvoll geschrieben, aber dass er, der beneidenswert gut Französisch spricht (er hatte in Paris studiert), so wenig darin las, hatte einen anderen Grund. So wie man in Berlin das Programm der Stadtzeitung studiert, um zu schauen, was man alles unternehmen könnte, und dann doch zu Hause vor dem Fernseher einschläft, so liest man im Urlaub die anspruchsvollen Zeitungen, die man sich gekauft hat, dann doch nicht, oder kaum. Im Durchschnitt liest man vielleicht zwei Artikel, den großen auf der Titelseite und einen von mittlerer Länge im Innern der Zeitung.

Die meisten Versuche zur Rettung der Zeitung gehen davon aus, dass die Menschen eine Zeitung lesen wollen. Dass sie sich eine Zeitung besorgen, bloß um sie lesen zu können, wird nicht bedacht, es würde ja auch ein wenig ratlos machen. Aber es ist in vielen Fällen so und gilt noch mehr für Zeitschriften und Magazine.

Alte Ausgaben des New Yorker

So las mein Freund nicht nur den Canard Enchaîné kaum, er arbeitete auch den Packen New Yorker nicht durch, den wir ihm mitgebracht hatten. Bevor er mit den Seinen das Flugzeug genommen hatte, hatte er uns nämlich einen Koffer mitgegeben, den wir in die Dachbox auf unserem Auto quetschten. Wir wähnten Kleider und Spielzeug in ihm. Nie wären wir auf die Idee gekommen, dass einer sich alte Ausgaben des New Yorker mitbringen lässt. Weder ist es der vordergründige Sinn einer New-Yorker-Sammlung, sie im Urlaub nachzulesen, noch ist es der vordergründige Sinn eines Urlaubs, dass man in ihm alte New Yorker nachliest. Aber seinen Sinn hatte es eben doch. Er las ein paar Artikel und schien zufrieden.

Und auch das ist aus der Geschichte der Ethnologie bekannt: Der Forscher nimmt selbst das Verhalten seines Forschungsobjekts an. Wir machten einen Ausflug nach Paimpol. Im festen Vorsatz, einen Roman zu kaufen, ging ich in eine Buchhandlung und fand einen Roman über das Paris unter Georges Pompidou. Später las ich am Strand etwa zwanzig Seiten, danach rührte ich ihn nie mehr an. Er war nicht schlecht, aber ... Hättest du mal lieber die Islandfischer von Pierre Loti gekauft, sagte ich mir, der spielt in Paimpol, aber ich hätte auch in den Islandfischern nicht mehr gelesen als in jenem Roman über das Paris unter Georges Pompidou.

Weder würde ich mir in Berlin einen Roman kaufen, von dem ich ahne, dass ich nur zwanzig Seiten lesen werde, noch würde sich mein Freund dort eine Zeitung in die Hosentasche stecken. Aber in den Ferien verhält man sich eben anders, unzeitgemäß, immer etwas in der Vergangenheit lebend.

Die Menschen fahren in die Ferien, um frühere Ferien zu wiederholen, die selbst die Wiederholung von Ferien waren, nämlich aller Ferien unserer Kindheit und Jugend. Noch in den Ferien wird an der nächsten Wiederholung gearbeitet, wie oft verspricht man sich: "Wir kommen wieder!" Aber wie selten kehrt man tatsächlich zurück.

Die Verlage wären also gut beraten, den Verkauf ihrer Tageszeitungen auf die Urlaubsgebiete zu konzentrieren, alle Energien des Vertriebs auf diese Weltgegenden zu richten, Erfolg versprechen besonders die etwas in die Jahre gekommenen Seebäder, die italienische Riviera komplett. Und sie scheinen es ja schon zu tun, es ist erstaunlich, wo man die Süddeutsche oder die FAZ überall kaufen kann. Ich habe versucht, vom Verlag der FAZ zu erfahren, wie viele Exemplare sie in Italien verkaufen. Sie rücken die Zahlen nicht heraus.

Aber dann kann man die FAZ eben doch noch nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit kaufen. Dass die Zeitung ein seltenes Exemplar ist, erhöht natürlich den Reiz, es geht ihr hier wie allen schönen Dingen. Vor ein paar Jahren verbrachte ich ein paar Tage auf der griechischen Insel Paros. Ich wohnte in einem ehemaligen Hotel, das nun eine Residenz für Autoren aus aller Welt ist. Eine deutsche Zeitung war in dem Ort nicht zu kaufen, der im Landesinneren lag und sich eine gewisse Rückständigkeit bewahrt hatte, die man umso besser genießen konnte, als die griechische Krise noch nicht ausgebrochen war und man die Rückständigkeit nicht als Folge eben dieser Krise begreifen musste und also ein schlechtes Gewissen bekam.

Der dicke Metzger kühlte sein Fleisch ohne Strom, ich kaufte das Fleisch bei ihm und nicht im teuren Supermarkt oben am Platz und fühlte mich gut. Jeden Montag fuhr ich mit dem Bus rund zwanzig Kilometer nach Parikia, um mir eine FAS zu kaufen und sie auf der Terrasse des Cafés To Distrato im Schatten einer Kastanie zu lesen. Der Bus, der mich dahin brachte, war klimatisiert und kam pünktlich, seit ein paar Jahren gab es auf der Insel ein gut ausgebautes Bus- und Straßennetz. Das passte mir nicht in den Kram, viel lieber wäre ich in einem überhitzten, wackeligen Bus über staubige Straßen hart am Abgrund der Felsen gedonnert, das Ganze am liebsten in Sepia und mit einer großen, aber nicht hoffnungslosen Verspätung.

Allein, ganz reibungslos ging es dann doch nicht immer zu, die Herbststürme kamen auf, und einer war dann so stark, dass die Fähre aus Piräus ausfiel und mit ihr auch die FAS nicht kam. Deshalb war auch die Welt am Sonntag nicht gekommen, die ich zur Not auch noch gelesen hätte. Ich war auf Entzug und fing an, die Speisekarte zu lesen, die auf Englisch und Griechisch geschrieben war, und sie nach abwegigen Kriterien zu ordnen. Wenn man unbedingt eine Zeitung lesen will und nichts anderes greifbar ist, liest man die dürren Mitteilungen im Amtsanzeiger, als wären es kleine Aphorismen, und die Angebote auf dem Faltblatt von Lidl, als wären es Rekorde von der Sportseite. (Michael Angele, Album, 6.8.2016)

Michael Angele ist stv. Chefredakteur der Wochenzeitung "Der Freitag".

  • "... und wenn wir später am Tag in der kleinen Stadt am Meer  waren, kaufte er sich ,Le Monde' und den ,Canard Enchaîné'."
    foto: picturedesk

    "... und wenn wir später am Tag in der kleinen Stadt am Meer waren, kaufte er sich ,Le Monde' und den ,Canard Enchaîné'."

  • Michael Angele,  "Der letzte  Zeitungsleser"  € 16,50 / 160  Seiten. Galiani- Verlag, 2016

    Michael Angele, "Der letzte Zeitungsleser" € 16,50 / 160 Seiten. Galiani- Verlag, 2016

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