Die Filiale, das Zitat

Kolumne4. August 2016, 18:36
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Wir vom Sport geben jenen Kolumnen, die in einer fast schon lieb gewonnenen Tradition jedes Großereignis begleiten, gerne einen Namen. Zum Beispiel "EM-Kolumne" oder "WM-Kolumne". Noch kreativer als im Fußball sind wir nur bei Olympischen Spielen. 2008 in Peking kam die Kolumne als "Hotel Tibet" daher, weil der Kolumnist just in jenem untergebracht war, 2012 in London lag "Pub à la Pub" auf der Hand. Und jetzt also "Zweigstelle Rio", das passt gleich doppelt.

Erstens Zweigstelle, also Filiale, Außenstelle – das ist Rio de Janeiro für den dahergereisten Standard allemal. Zweitens Zweig, Stefan Zweig. Da wäre die Zweigstelle das Zitat, das jede Rio-Kolumne zieren wird. Eine Stelle also aus dem Werk des großen österreichischen Schriftstellers und Brasilien-Freundes, eine Stelle aus seinem Buch "Brasilien. Ein Land der Zukunft". In Brasilien hat Zweig die "Schachnovelle" geschrieben, Brasilien ist aber auch jenes Land, in dem er 1942 aus Verzweiflung über die Lage Europas gemeinsam mit seiner Frau Lotte aus dem Leben schied, nicht weit von Rio entfernt, in Petrópolis.

Wir vom Sport sind manchmal ein bisserl eigen, wir finden, dass eine Kolumne nicht nur den einen, sondern auch einen zweiten Gedanken braucht. Es muss ja kein eigener Gedanke sein. Seinerzeit, wie es von nun an stets heißen wird, ist Zweig über Rio noch so richtig ins Schwärmen geraten. "Rio de Janeiro bäumt sich einem nicht entgegen – es breitet sich auf mit weichen, weiblichen Armen, es empfängt in einer weit ausgespannten zärtlichen Umarmung, es zieht an sich heran, es gibt sich mit einer gewissen Wollust dem Blicke hin." Doch das, wie ebenfalls stets festzuhalten sein wird, ist auch schon 75 Jahre her. (Fritz Neumann, 4.8.2016)

  • Stefan Zweig nahm sich am 22. Februar 1942, zusammen mit seiner Ehefrau Lotte in Brasilien das Leben.
    foto: ap/loewy

    Stefan Zweig nahm sich am 22. Februar 1942, zusammen mit seiner Ehefrau Lotte in Brasilien das Leben.

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