Klangwelten von Gummischweinen und Faschingströten

4. August 2016, 18:52
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Experimentalmusiker Ondrej Adámek ist beim Carinthischen Sommer als Artist in Residence zu Gast. Musiziert wird mit Rohren, Latexhandschuhen und einer Air Machine

Steindorf am Ossiacher See – Er sei, sagt der tschechische Komponist Ondrej Adámek, vor allem an Klang interessiert, tonal, atonal, klassisch, alltäglich, zufällig, organisiert: Und, ja, das hört man. Adámek, derzeit Artist in Residence des Carinthischen Sommers (CS), webt aus Tönen aller Art erstaunliche Klangteppiche voller ungewöhnlicher Muster. Tabus? Berührungsängste? Gibt es nicht. Elfenbeinturm? Nicht sein bevorzugter Wohnort – ungewöhnlich für einen Experimentalmusiker.

In höchster Präzisionsarbeit bearbeiten die Musiker – das Quatuor Tana Streichquartett sowie das Duo Yann Dubost (Kontrabass) und Jeanne Maisonhaute (Violoncello) – ihre Streichinstrumente; zupfen und streicheln und schrammen und streichen und kratzen die Saiten; stampfen mit den Füßen auf, ächzen und hecheln und summen und singen.

Und zwischendurch halten sie ihre Bögen und die Luft an: Stille. Ruhezustand. Nachdenkpause im dichten Klanguniversum des Ondrej Adámek. In dem es von nervös summenden Fliegen wimmelt, Dampfmaschinenwerke zu akustischem Leben erweckt werden, und am Ende ein Nachtexpress durch Albträume und Schlaflosigkeit rattert.

Doch Adámeks Markenzeichen, seine Erfindung, ist die von Staubsaugern betriebene, polyforme Air Machine: ein nicht nur akustisches, sondern auch visuelles Wunderwerk, das der französische Schlagzeuger und Elektronikmusiker Roméo Monteiro exakt nach Partitur virtuos bedient.

Musik mit Faschingströten und Latexhandschuhen

Da wird dann allerhand Gewöhnliches und Ungewöhnliches über Luftdüsen gestülpt, Obertonflöten etwa. Oder auch Faschingströten. Rohre. Latexhandschuhe, die zu verblüffend wohltönenden, winkenden Klangkörpern aufgeblasen werden. Und Gummischweinchen geben erstaunlich menschliche Geräusche von sich.

Das Ganze ist ein facettenreiches, lärmendes, lustiges, lautes und leises Klangerleben. Oder, wie die deutsche Wochenzeitung Die Zeit schrieb, "einerseits eine herrliche Kinderei, andererseits der genial Feinmechanik gewordene Surrealistentraum zwischen gaga und Dada." Begeisterung jedenfalls beim Publikum: Experimentelle Musik, bei der man mitunter herzlich lachen kann? Wunderbar!

Selbst der gestrenge Altmeister Pierre Boulez, hieß es in einer Kritik, habe auffallend häufig gelächelt, als er in Luzern die Uraufführung von Adámeks Orchesterstück Endless Steps dirigierte.

ondrej adamek

Nun wurde der 1979 in Prag geborene, mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Musiker im Rahmen des CS mit vier Kompositionen in Günther Domenigs Steinhaus vorgestellt.

Portrait heißt diese neue CS-Reihe. Am kommenden Montag wird der 75. Geburtstag des aus Kärnten gebürtigen Komponisten Dieter Kaufmann ebenfalls mit einem Portrait in dem kühnen Baukunstwerk des 2012 verstorbenen Kärntner Architekten gefeiert. Nach mehrjähriger Ratlosigkeit, was das Land mit dem außergewöhnlichen Haus am See anfangen könne, ist seit zwei Jahren das Architektur Haus Klagenfurt für die Nutzung des Domenigbaus zuständig.

Seither fungiert das Steinhaus als Architekturlabor für in- und ausländische Universitäten, als Diskursort mit Workshops und Vortragsreihen, und als Schauplatz experimenteller Kunst. Diese architektonische Symphonie aus Glas, Beton und Stahl ist – nach Jahren des Stillstands wieder – idealer CS-Veranstaltungsort für experimentelle Musik. Wenn nicht da, wo sonst in Kärnten? (Andrea Schurian, 4.8.2016)

  • Komponist und Instrumentenerfinder Ondrej Adámek.
    cs / ferdinand neumüller

    Komponist und Instrumentenerfinder Ondrej Adámek.

  • Der Keyboarder Roméo Monteiro an der Air Machine.
    cs/ferdinand neumüller

    Der Keyboarder Roméo Monteiro an der Air Machine.

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