Skepsis am Fuße des Olymps

4. August 2016, 17:56
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Die IOC-Vollversammlung beschloss, Sportklettern ins Programm von Tokio 2020 aufzunehmen. Das liefert Österreich eine schöne Perspektive. Doch es gibt viele Unklarheiten

Das "Riosul", ältestes und immer noch zweitgrößtes Einkaufszentrum der Stadt, hat acht Stockwerke, 400 Shops und zwei Food Courts. Seit Donnerstagabend hat es auch eine 13 Meter hohe Kletterwand – mit Griffen in verschiedenen Größen und Farben und mit dem schönen Schriftzug "Tirol". Heiko Wilhelm steht im "Riosul" und freut sich doppelt. Die aus Innsbruck gelieferte Wand "macht wirklich etwas her", sagt Österreichs Nationalteamcoach. Und dass der Klettersport am Mittwoch neben Baseball/Softball, Karate, Skateboard und Surfen ins Olympiaprogramm 2020 aufgenommen wurde, passt wunderbar dazu.

Die Wand im "Riosul" durfte erst am Donnerstag eröffnet werden. Frühere Aktivitäten wären als Werbung ausgelegt worden, und diesbezüglich ist das IOC noch immer ein wenig eigen. Während der Spiele weisen vier Instruktoren aus Tirol gemeinsam mit vier brasilianischen Kollegen die interessierten unter den täglich bis zu 40.000 Riosul-Besuchern ins Klettern ein. Nebenbei werden die Menschen auf den "Public-Bereich" im Österreich-Haus aufmerksam gemacht, das sich gleich ums Eck befindet. ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel spricht von einer "Win-win-win-Situation". Das Klettern ist das erste Win, die Werbung das zweite. Nach den Spielen wird die Wand im "Riosul" ab- und in einer Favela wieder aufgebaut, das wäre dann das dritte Win.

Im Hinblick auf Olympia ist die Vorfreude der Kletterer getrübt, sie wissen nicht, woran sie sind. Der Weltverband (IFSC), der es wahrscheinlich allen recht machen wollte, plant für Tokio 2020 eine "Kombination" aus Bouldern, Vorstieg und Speedklettern. Einen derartigen Bewerb gibt es bis dato de facto nicht. Bouldern und Vorstieg sind durchaus miteinander verwandt, doch das Speedklettern gemahnt eher an den 100-Meter-Lauf der Leichtathleten. Da wird auf einer weltweit genormten Route gesprintet, der Weltrekord bei den Herren liegt unter sechs Sekunden, jener bei den Damen bei 7,5 Sekunden.

Im, nun ja, herkömmlichen Klettern sind andere Qualitäten gefragt, es geht um das Meistern von Schwierigkeiten, also "vor allem auch um Taktik und Technik", wie Heiko Wilhelm sagt. Speedkletterer halten sich weniger in Wänden, denn in Kraftkammern auf, sie brauchen vor allem Schnellkraft, die vorrangig aus den Beinen kommt. Im Gegensatz dazu gilt etwa das Bouldern, bei dem man fünf Minuten Zeit hat, um Lösungen zu finden (und zu klettern), bis zu einem gewissen Grad auch als Denksport.

Modus ist noch unklar

Schon bis dato wurden Titel und Medaillen in Kombinationen vergeben. Das sah so aus, dass schlicht Punkte aus allen drei Bewerben addiert wurden, was dazu führte, dass Speedkletterer von vornherein chancenlos waren (und gar nicht mitmachten), weil sie nur in ihrer Disziplin voll punkten können. Aktuell stellt übrigens Österreich in der Kombination sowohl die Europameisterin (Jessica Pilz) als auch den Europameister (Jakob Schubert). Bei Olympia würde ein schlichtes Summieren aber kaum Sinn machen, da könnten die Speedkletterer gleich zu Hause bleiben. Wilhelm: "Wir wissen nicht nur nicht, wie das in Tokio gewertet werden soll, wir haben auch keine Ahnung, wie die Qualifikation funktionieren kann."

Nur jeweils 20 Kletterinnen und Kletterer werden 2020 zugelassen sein, das verspricht einen beinharten Kampf um die Plätze. Die Ungewissheit könnte bis März 2017 anhalten, erst da hält der Weltverband in Quebec, Kanada, seine nächste Generalversammlung ab. Kundige fürchten, dass es bei den Richtlinien zu einem Chaos kommt, das darin gipfeln könnte, dass der eine oder andere Kletterstar sogar auf Olympia pfeift. Das Speedklettern hat in weiten Teilen der Welt kaum Tradition, es ist eine Domäne der Osteuropäer und der Russen. Auch die Japaner, die 2020 veranstalten, haben sich zuletzt vor allem im Bouldern und – mit Abstrichen – im Vorstieg hervorgetan.

Österreich, sagt Teamtrainer Wilhelm, werde alles daran setzen, um bei Olympia vertreten zu sein. Im Bouldern und im Vorstieg mischen die Aktiven des Kletterverbands (KVÖ) seit Jahren an der Weltspitze mit. Der 2005 gegründete KVÖ hat sich mit 60.000 Mitgliedern in 180 Vereinen flott als einer der größten Verbände im Land etabliert. Die Sportart hat sich auch weltweit rasant entwickelt. Wo dieser Speed hinführt, wird sich weisen. Im "Riosul", wo sich seit gestern vor allem Kinder und Jugendliche an der Tiroler Kletterwand versuchen, sieht man vor allem eines – dass vom Hudeln das Fallen kommt. (Fritz Neumann aus Rio, 5.8.2016)

Neue Sportarten 2020:

  • Baseball/Softball

Die Männer spielen Baseball (kleinere, härtere Bälle), die Frauen Softball. Baseball war bereits von 1992 bis 2008 olympisch, Softball von 1996 bis 2008.

  • Karate

Im vierten Anlauf hat es mit der Bewerbung geklappt. Bei der Olympia-Premiere in Tokio 2020 sollen acht Goldmedaillen vergeben werden.

  • Klettern

2013 scheiterte eine erste Bewerbung. In Tokio ist eine Kombination aus Bouldern, Vorstieg und Speedklettern geplant.

  • Skateboarden

Mit der Sportart, die erstmals olympisch ist, will das IOC junges Publikum erreichen.

  • Surfen

Windsurfen war schon bisher olympisch. In vier Jahren dürfen auch die Wellenreiter mit ihren Shortboards mitmachen.

  • Europameister Jakob Schubert (25) könnte 2020 in Tokio erstmals olympisch klettern.
    foto: apa / expa / jakob gruber

    Europameister Jakob Schubert (25) könnte 2020 in Tokio erstmals olympisch klettern.

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