IWF-Studie stellt zentrale These von Starökonom Piketty infrage

5. August 2016, 08:00
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Wenn Vermögen stärker wachsen als die Wirtschaft, steige nicht automatisch die Ungleichheit

Wien – Es war eine recht düstere These, mit der der Franzose Thomas Piketty vor drei Jahren in Medien, Öffentlichkeit und Wissenschaft für Furore sorgte. Weil die Vermögen schneller zulegen, als die Wirtschaft wächst, ist das westliche Wirtschaftssystem dazu verdammt, eine Kaste an Erbkapitalisten hervorzubringen, die mit der Zeit immer mehr Vermögen in ihren Händen konzentriert. Sein Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert, ein 600 Seiten dicker Wälzer, wurde zum Bestseller.

Die Entwicklung der reichen Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren machte die These des Ökonomen noch brisanter: Das Wachstum der Wirtschaft ist in fast allen reichen Ländern viel niedriger als vor der Krise. Auch in Österreich ist die Wirtschaft in den vergangen vier Jahren nie stärker als ein Prozent gewachsen. Fachleute gehen allgemein davon aus, dass die Wachstumsraten weiter schrumpfen, weil es immer mehr alte Menschen gibt. Die Wirtschaft Japans, dem Land mit der ältesten Bevölkerung der Welt, ist seit 20 Jahren nicht mehr gewachsen.

Jetzt ist aber eine Studie publiziert worden, die die wichtigste These des französischen Ökonomen infrage stellt. Der Wissenschafter Carlos Góes setzte dem Bestseller in einer Studie für den Internationalen Währungsfonds (IWF) einem Praxistest aus und kommt zu einem vernichtenden Ergebnis: Piketty irrt.

Góes hat sich die Entwicklung 19 reicher Länder, für die es gute Daten gibt, während der vergangenen 30 Jahre angesehen. Er füllte eine Unmenge an Zahlen in sein Modell und testete es auf die Frage: Steigt die Ungleichheit stärker, wenn die Vermögen schneller wachsen als die Wirtschaft?

Menschen sparen weniger

Sein Ergebnis ist klar: nein. Für den Brasilianer ist das plausibler, als es auf den ersten Blick wirkt. Denn wenn die Vermögen, von denen Reiche per Definition mehr besitzen als Arme, stärker wachsen als die Wirtschaft, die Einkommen für alle schafft, dann sollte die Ungleichheit doch steigen. Aber Góes will in seiner Studie einen Faktor entdeckt haben, der dieser scheinbaren Logik und damit der zentralen These Pikettys einen Strich durch die Rechnung macht: Ersparnisse.

Wenn die Wirtschaft weniger stark wächst, dann wird in einem Land tendenziell weniger gespart, so Góes. Das passt zu den Erfahrungen Österreichs in den vergangenen Jahren. Wenn nun aber weniger gespart wird, dann werden auch weniger Vermögen gebildet. Das wirkt dem Anstieg der Vermögen relativ zur Wirtschaftsleistung des Landes entgegen. Deshalb findet er keinen Zusammenhang zwischen der These Pikettys und der realen Entwicklung der vergangenen 30 Jahre.

Die Kritik an Piketty, der für eine Anfrage des STANDARD nicht zu erreichen war, ist aber selbst nicht wasserdicht. Denn der Franzose schreibt schon auf Seite 20 der englischen Fassung seines Buches, dass die Ungleichheit seit 1980 hauptsächlich nicht wegen der unterschiedlichen Zuwachsraten von Vermögen und Wirtschaft zunimmt, sondern wegen politischer Veränderungen, etwa dem Steuersystem oder der Globalisierung. Er richtet seine These auf die kommenden Jahrzehnte in den reichen Industriestaaten.

An die Wurzel vordringen

Góes, auf Twitter mit dieser Kritik konfrontiert, verweist darauf, dass seine Studie auch die Prognose Pikettys für die nächsten Jahrzehnte in Zweifel ziehe. Noch wurde seine Arbeit von keinem anderen Ökonomen kommentiert.

Seine Motivation beschreibt Góes so: Wenn man die steigende Ungleichheit bekämpfen möchte, müsse man an ihre Wurzel vordringen. Dazu sei es von immenser Bedeutung, zu wissen, ob Piketty recht hat. In den vergangenen Jahren hat der IWF seine Position zur Schere zwischen Arm und Reich auf den Kopf gestellt. Umverteilung sei nicht schädlich, sondern könne ganz im Gegenteil das Wachstum fördern. (Andreas Sator, 5.8.2016)

  • Immer wieder Kritik ausgesetzt: Ökonom Piketty.
    foto: reuters/charles platiau

    Immer wieder Kritik ausgesetzt: Ökonom Piketty.

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