Britische Notenbank macht Milliarden für bessere Stimmung locker

4. August 2016, 17:04
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Die Bank of England senkt die Zinsen und kauft in großem Stil Anleihen

London droht eine Smog-Welle. Zumindest wenn man Analysten Glauben schenkt, die auf die Gefahr hinweisen, dass Großbritannien mit dem geplanten Austritt aus der EU auch die strengen Umweltgesetze der Union abstreift. Das Beispiel zeigt, wie stark die weitere Entwicklung des Königreichs von einzelnen Maßnahmen abhängt. Der Verbleib im EU-Binnenmarkt – mit oder ohne Personenfreizügigkeit -, der Fortbestand von Freihandelsabkommen und viele andere Fragen sind sechs Wochen nach dem Brexit-Votum offen.

Klar ist hingegen, dass zahlreiche Barometer scharf nach unten weisen. Schon Ende Juli hatte eine Umfrage unter 1.000 Managern des Landes gezeigt, dass der britischen Wirtschaft der größte Absturz seit 2009 droht. Am Mittwoch wurde die schlechte Stimmung bestätigt. Allerdings: Es handelt sich dabei um Einschätzungen ausgewählter Manager, die Verschlechterungen oder Verbesserungen bei verschiedenen Aspekten – von Auftragseingängen über Preise bis zur Beschäftigung – zum Ausdruck bringen. Auch wenn derartige Einkaufsmanagerindizes erfahrungsgemäß Trends gut einfangen können, überzeichnen sie doch oft die reale Entwicklung.

Für die Bank of England haben die Indikatoren ausgereicht, um am Donnerstag zur Tat zu schreiten. Nachdem die britische Notenbank im Vormonat trotz Brexit-Votums überraschend untätig geblieben war, senkt sie jetzt die Leitzinsen von 0,50 auf 0,25 Prozent. Dazu kommt ein neues Anleihekaufprogramm über 70 Milliarden Pfund, um schlechtere Finanzierungskonditionen für Banken und Unternehmen zu vermeiden.

Prognose gekürzt

Auch die Zentralbank hat ihre Wachstumsprognosen – neuerlich – zurücknehmen müssen. Sie rechnet bis Ende März nur noch mit einer Stagnation der britischen Wirtschaft. Dass die Maßnahmen der Notenbank eine Rezession verhindern können, bezweifelt die Institution selbst. Die Schritte bräuchten Zeit, bis sie Wirkung entfalten, erklärte jüngst ein hoher Währungshüter.

Doch andererseits sendet Notenbankchef Mark Carney mit seiner Aussage, alles Notwendige zu unternehmen, auch ein klares Signal, das an Mario Draghis "whatever it takes" erinnert. Mit diesen Worten hatte der Gouverneur der Europäischen Zentralbank vor ziemlich genau vier Jahren – übrigens in London – eine Kettenreaktion in den Eurokrisenländern verhindert. Ob auch Carneys Aussage als "magische Worte" in die Geschichte eingehen werden?

Die Zinssenkung zeigt jedenfalls den Ernst der Lage: Der Inflationsdruck ist mit der Abwertung des Pfund seit der Volksbefragung deutlich gestiegen. Die Teuerung wird sich laut Notenbank auf 2,4 Prozent im Jahr beschleunigen, doch an ein Gegensteuern ist angesichts der dürftigen Konjunkturaussichten nicht zu denken.

Als großes Problem gilt die Unsicherheit über den künftigen Status im Verhältnis zur EU. London lässt sich mit dem Austrittsgesuch Zeit, die Verhandlungen mit Brüssel könnten leicht zwei Jahre dauern. Wenn Unternehmen nicht wissen, wie die Rahmenbedingungen künftig aussehen, halten sie Investitionen tendenziell zurück oder tätigen sie woanders. Bereits deutlich wird, dass die Immobilienpreise zurückgehen und die Bautätigkeit lahmt. Auch Verbraucher könnten – nicht zuletzt wegen aufkeimender Jobängste – ihre Ausgaben zurückfahren.

Hoffnung Freihandel

Andererseits beflügelt das gefallene Pfund die Exporte und verteuert die Importe. Dadurch dürfte sich das riesige Loch in der Leistungsbilanz verkleinern. Freihandel und Innovation, so propagierte es die "Leave"-Fraktion, würden sich außerhalb der Union viel besser entfalten. Tatsächlich gibt es zarte Hinweise, dass London Abkommen mit Partnern – darunter mit China – initiiert. Und der EU damit Megainvestitionen aus Boomregionen wegschnappt.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Wenn nicht im Smog, so liegt die Zukunft der Insel derzeit im dichten Nebel. (Andreas Schnauder, 4.8.2016)

  • Der britische Notenbank hat es derzeit schwer.
    foto: apa/afp/justin tallis

    Der britische Notenbank hat es derzeit schwer.

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