Wrabetz ging schon weit, um zu bleiben

5. August 2016, 07:04
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ORF-Chef: Zehn Jahre Drahtseilakt, politisch wie wirtschaftlich, im Schnelldurchlauf – fünfeinhalb Jahre mit Richard Grasl

Richard Grasl hat, wenn man so will, schon einmal den ORF gerettet. Und den ORF-Chef, einen gewissen Alexander Wrabetz.

Man kann es aber auch so sehen: Alexander Wrabetz hat schon einmal den ORF gerettet. Vor allem seinen Job als ORF-Chef gesichert. Und nebenbei Richard Grasls Karriere.

Als Wrabetz nämlich im Spätherbst 2009 seine kaufmännische Direktorin dazu bewegte, sich aus ihrem Job zu bewegen, und er den ORF-Aufsichtsräten den Chefredakteur des Landesstudios Niederösterreich als neuen ORF-Finanzdirektor vorschlug. Einen gewissen Richard Grasl.

160 Millionen Euro

Jener Richard Grasl, der kommenden Dienstag ORF-General werden will. Wrabetz mag exakt das bleiben, für weitere fünf Jahre.

Alexander Wrabetz hat in den vergangenen zehn Jahren gezeigt, wie weit er geht, um zu bleiben. Weiter als für 160 Millionen Euro einen neuen Finanzdirektor namens Grasl vorzuschlagen.

Zehn Jahre Wrabetz und die Politik im Schnelldurchlauf

Aber der Reihe nach: zehn Jahre Drahtseilakt, politisch wie wirtschaftlich, im Schnelldurchlauf:

  • 2006 angelt sich der Sozialdemokrat und ORF-Finanzdirektor Alexander Wrabetz die Stimmen des damaligen ÖVP-Koalitionspartners BZÖ mit drei ORF-Direktorenjobs – und damit die Mehrheit im Stiftungsrat, um die bürgerliche ORF-Generalin Monika Lindner abzulösen.
  • Damit hat Wrabetz ab 2007 zwar den Generalsjob, aber eine große Fraktion im Stiftungsrat (und im Nationalrat) zum erbitterten Dauergegner – die ÖVP. ORF-Generäle brauchen Mehrheiten im Stiftungsrat für Gebührenerhöhungen, jährlich für Budget und Programmschema. Und eine Mehrheit im Nationalrat für stets erhoffte Gesetzesänderungen, sprich: -Erleichterungen für den ORF. Damals soll die Republik dem ORF (zumindest vorübergehend) jene 50 bis 60 Millionen Euro abgelten, die ihm durch Gebührenbefreiungen entgehen. Das Geld braucht der ORF (und Wrabetz) sehr bald sehr dringend.
  • Ende 2008 kommt Wrabetz aber auch noch SPÖ-Chef und Kanzler Alfred Gusenbauer abhanden. Nachfolger Werner Faymann und sein Medienmann Josef Ostermayer signalisieren noch vor Dienstantritt im Dezember 2008, dass sie Wrabetz lieber gleich loswürden.
  • Just in dieser Zeit trifft auch die Finanzkrise den ORF mit voller Wucht: bei den Werbeeinnahmen etwa oder den Veranlagungen seiner – lange durchaus stolzen – Reserven. Plötzlich schreibt der ORF 2008 105 Millionen Euro Verlust. Wrabetz scheint am Ende, der ORF noch nicht gleich.
  • Doch Faymanns ORF-Wunschkandidat Karl Amon (damals TV-Chefredakteur) will sich den ORF-General nicht zutrauen. Auch er ein Wrabetz-Retter also. Wrabetz macht umso lieber 2010 für Amon dessen (damals noch BZÖ-besetzten) Traumjob Radiodirektor frei. Schon ein dreiviertel Jahr davor für Richard Grasl den Finanzdirektor.
  • Just als der Managementjob für Grasl frei wird, gibt die ÖVP ihren beharrlichen Widerstand gegen die Gebührenabgeltung für den ORF auf. Der neue Finanzdirektor bekommt – mit Sparauflagen – 160 Millionen Euro Starthilfe aus dem Bundesbudget mit auf den Weg, Abgeltung für Gebührenbefreiung über vier Jahre.
  • Wrabetz räumt noch mehr – 2010 sehr rasch und entschlossen, auch wenn man ihm sonst langes Abwägen, Taktieren und Zögern vorwirft: Infodirektor Elmar Oberhauser, auch er einst ein BZÖ-Wunsch, legt sich noch erfolgreich gegen eine ÖVP-Personalforderung für die TV-Information quer. Aber als er dann (zudem halb öffentlich) noch den der SPÖ zugerechneten Fritz Dittlbacher als TV-Chefredakteur zu verhindern sucht, beantragt Wrabetz Oberhausers Abwahl – das schärfste Instrument im ORF-Management.
  • Auch auf unteren Ebenen geht es im ORF von Alexander Wrabetz um Personalpolitik im Wortsinn: Die besonders kritische Radio-Innenpolitik des ORF etwa bekommt einen ebenso überraschenden roten Ressortchef (von Radio Wien) wie die Radiowirtschaft einen schwarzen (von Ö3) – beide unter eigenwilligen Hearingbedingungen.
  • Ein Solo des Kanzlers, ein Duett von Kanzler und Vizekanzler im Diskussionsformat "Im Zentrum" und einige andere Programmentscheidungen verstärken das Bild vom politischen Wunschkonzert.
  • Trotz aller Politpersonalia, ob sie es nun tatsächlich waren oder womöglich (manche) nur so aussahen, fühlen sich die ORF-Journalisten unter General Wrabetz in ihrer Berichterstattung so frei und unabhängig wie lange nicht. So frei, dass selbst gänzlich unverdächtige ORF-Stiftungsräte schon ein Korrektiv, ein internes Kontrollsystem vermissen, um etwa zu verhindern, dass unvollständige Recherchen wie jene über die Erlebnisse des Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer auf dem Tempelberg auf Sendung gehen.
  • Finanzdirektor Richard Grasl brachte unterdessen seit 2009 Vertrauensleute in Stellung, setzte aber vor allem auch wirtschaftliche Hebel an: Die Fernsehdirektion steuert der Finanzdirektor über die Produktionswirtschaft wesentlich mit. Und 2016 tritt er gegen Wrabetz an (übrigens mit ähnlichen klingenden Hebeln in seinem Konzept, auch wenn es die Produktionswirtschaft zu den Programmdirektionen verlegt).

Hürde im Herbst: Gebührenerhöhung

Das lässt ein 2017 schon jetzt nach 2007 aussehen: Wenn der nächste Generaldirektor und im September auch seine Direktoren bestellt sind, steht im Herbst der nächste Antrag auf Gebührenerhöhung mit Frühsommer 2017 an. 10,5 Prozent mehr, steht als Richtwert in der aktuellen ORF-Finanzvorschau. Aber: Eine große Fraktion im Stiftungsrat könnte, je nach Ausgang der Generalswahl, in einen hartnäckigen Oppositionsmodus gehen.

Womöglich bis zur nächsten Nationalratswahl, die spätestens 2018 auch den ORF-Stiftungsrat grundlegend verändern könnte. (Harald Fidler, 5.8.2016)

  • Artikelbild
    foto: apa/georg hochmuth
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