Britische Notenbank will mit Milliardenpaket der Rezession gegensteuern

4. August 2016, 13:03
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Die Bank of England lockert erstmals seit März 2009 die Zügel, die Anleger freuen sich über den Geldsegen, die britische Währung stürzt ab

London – Die britische Notenbank reagiert auf den Brexit-Schock mit einer Leitzinssenkung. Der Schlüsselsatz wurde am Donnerstag auf das Rekordtief 0,25 von zuvor 0,5 Prozent gekappt. Die Aussichten für das Wirtschaftswachstum hätten sich deutlich abgeschwächt, so die Notenbanker. Sie rechnen für 2016 mit einer konjunkturellen Stagnation und signalisierten, dass sie noch dieses Jahr zu einer weiteren Zinssenkung bereit ist.

Die Bank of England (BoE) lockerte damit erstmals seit März 2009 die Zügel, als sie gegen die Weltwirtschaftskrise ankämpfte. Die Briten hatten sich im Juni mehrheitlich für einen EU-Austritt entschieden. Seither herrscht auf der Insel Unsicherheit, ob Großbritannien künftig noch Zugang zum EU-Binnenmarkt haben wird. Dies drückt auf die Konsumlaune und lastet auf der Investitionsbereitschaft der Unternehmen.

Schlechtere Aussichten

Die Zinssenkung war zuletzt erwartet worden, denn einiges deutet darauf hin, dass Großbritannien nach dem Brexit-Schock auf den stärksten Konjunktureinbruch seit der Weltwirtschaftskrise von 2009 zusteuert. Einer der wichtigen Indikatoren wurde etwa am Mittwoch veröffentlicht. Das Londoner Forschungsinstitut Markit schloss aus seinen Umfragedaten unter Einkaufsmanagern, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal um 0,4 Prozent schrumpfen wird. Einen solchen Rückgang hat es in dem zuletzt boomenden Land seit mehr als sieben Jahren nicht mehr gegeben.

Das Londoner Forschungsinstitut NIESR taxiert das Risiko einer Rezession in Großbritannien bis Ende 2017 auf 50 Prozent. Auch einige Ökonomen gehen davon aus, dass die britische Wirtschaft in eine Rezession rutschen könnte.

Überraschende Ausweitung der Geldflut

Überraschend kam hingegen die Ausweitung des Wertpapierprogramms. Das angepeilte Gesamtvolumen werde von derzeit 375 Milliarden Pfund (446,9 Milliarden Euro) auf 435 Milliarden Pfund erhöht, teilte die Bank of England mit. Die Entscheidung bedeutet, dass die Notenbank nun wieder Wertpapiere kaufen wird. Das bisherige Gesamtvolumen war bereits ausgeschöpft gewesen. Bankvolkswirte hatten mit der Aufstockung nicht gerechnet. Sie waren mehrheitlich von einem unveränderten Volumen ausgegangen.

Die Anleger haben nach der Zinssenkung das Pfund Sterling aus ihren Depots geworfen. Die britische Währung brach um 1,3 Prozent auf 1,3158 Dollar ein. Kurz vor Bekanntwerden der Entscheidung hatte es noch über 1,33 Dollar notiert. Im Gegenzug zog auch der Euro zum Pfund um rund ein Prozent auf 84,56 Pence an. Die Zinssenkung sei nicht überraschend, aber beim Anleihekaufprogramm seien die Markterwartungen übertroffen worden, sagte Helaba-Analyst Ulrich Wortberg. "Dies gilt auch vor dem Hintergrund, dass die BoE für die Zukunft weitere Maßnahmen in Aussicht gestellt hat."

An den Aktienmärkten freuten sich die Anleger über den Geldsegen: Der "Footsie" in London weitete seine Gewinne aus und kletterte um 1,4 Prozent. Auch der Dax notierte mit 10.257 Punkten 0,9 Prozent höher. Am Rentenmarkt zogen sowohl der Bund – als auch der Gilt -Future an. (APA, red, 4.8.2016)

  • Seit dem Referendum herrscht Unsicherheit bei Politik, Wirtschaft und Konsumenten.
    foto: apa/afp/justin tallis

    Seit dem Referendum herrscht Unsicherheit bei Politik, Wirtschaft und Konsumenten.

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