Kirgistan: Wiener Forscher entdeckten "galoppierenden Gletscher"

4. August 2016, 12:43
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Gletscher im Tian Shan-Gebirge legte vor 20 Jahren ungewöhnlich große Distanzen zurück, wie aufwendige Rekonstruktionen ergaben

Wien/Bischkek – Gletscher gelten gemeinhin nicht unbedingt als schnell beweglich – es gibt allerdings Ausnahmen: sogenannte Surge-Gletscher oder auch "galoppierende Gletscher". So werden Gletscher genannt, die eine periodisch auftretende deutliche Steigerung der Fließgeschwindigkeit aufweisen

Wiener Forscher haben nun in umfangreicher Recherche- und Feldforschungsarbeit erstmals gezeigt, dass sich ein Gletscher in Kirgistan vor 20 Jahren auf diese Weise bewegt hat. Über ihre Erkenntnisse berichten sie aktuell im Fachblatt "Geomorphology".

Dem Team um Hermann Häusler von der Universität Wien ging es bei der Arbeit im Tian Shan-Gebirge im Grenzgebiet zwischen Kirgistan, Kasachstan und China vor allem um das Sammeln von Daten für die Entwicklung eines Klimamodells, mit dem Ausbrüche von Gletscherseen in der Region besser vorhergesagt werden können. Zu solchen Ausbrüchen kann es kommen, wenn das untere Ende eines Gletschers, die Gletscherstirn, abschmilzt und sich zwischen dem Ende des Eises und dem aufgehäuften tonigen Gestein, das der Gletscher bei seiner größten Ausdehnung abgelagert hat, ein See bildet. Dieser kann sich unter Umständen schlagartig entleeren – oft mit verheerenden Folgen für die Regionen darunter.

Detektivarbeit

Vor Ort wurden Häusler und sein Team im Rahmen ihres von der EU geförderten Projekts aber darauf aufmerksam, dass der Inylchek-Gletscher vor etwa 20 Jahren einmal sehr rasch relativ weit gewandert sein dürfte, was auch einen solchen Ausbruch zur Folge hatte. "Das eigentliche Ereignis zu rekonstruieren war relativ schwierig, denn eigentlich hat es geheißen, dass das dort gar nicht passiert sein kann", sagte Häusler.

Fast schon detektivisch gestaltete sich die Suche nach Beweisen: Zunächst erhielte die Forscher Luftbildaufnahmen aus den 1940er- und 1950er-Jahren von Geologen und Glaziologen aus der Region. Etwas jüngere Aufnahmen fanden sich in mittlerweile freigegebenen Archiven US-amerikanischer Spionagesatelliten. In späteren Phasen konnten die Wissenschafter auch auf hochauflösende Daten von Erdbeobachtungssatelliten zurückgreifen. Besonderes Augenmerk legten sie dabei auf die Zeit zwischen Oktober 1996 bis Juni 1997, in der der Gletscher offenbar in den "Galopp" gefallen ist.

"Aus den Aufnahmen konnten wir sehr gut herausmessen, dass es ein Hauptereignis gegeben hat, wo der Gletscher bis zu 50 Meter am Tag wellenartig vorgestoßen ist. Im Juni 1997 hat es dann mit einem Vorstoß von ein paar hundert Metern noch eine kleine Draufgabe gegeben", so Häusler.

Seltenes Phänomen

Wie es zu diesem Phänomen kommt, ist anhand von Gletschern in Kanada, den USA oder Island sehr gut erforscht. Häusler: "Es braucht immer einen Überschuss im oberen Einzugsbereich des Gletschers. Dieser Überschuss-Anteil bewegt sich üblicherweise wie eine Raupe oder Surfwelle durch den ganzen Gletscher durch. Wenn dieser Anteil ganz vorne ist, schießt der Gletscher vor."

Das kann nur geschehen, wenn sich die Reibung zwischen den Eismassen und ihrem Untergrund, etwa durch absinkendes Schmelzwasser, stark reduziert. Der Inylchek-Gletscher verhalte sich zwar offenbar nicht ganz so wie andere bereits bekannte galoppierende Gletscher, könne aber dennoch als ein solcher bezeichnet werden.

Im Alpenraum gebe es nur sehr wenige Berichte über derartige Ereignisse: "Das Phänomen taucht hier in der Literatur nur zwei Mal auf", so Häusler. Einer dieser Fälle ist der Vernagtferner in Tirol, der mehrmals ausbrach, was im Jahr 1845 zu starken Zerstörungen im Ötztal führte. (APA, red, 4. 8. 2016)

  • Der Inylchek-Gletschers von einem Hubschrauber aus gesehen.
    foto: chen zhao / [cc by 2.0]

    Der Inylchek-Gletschers von einem Hubschrauber aus gesehen.

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