Frauen zelebrieren Essstörungen auf Instagram

4. August 2016, 12:12
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Online eifern junge Mädchen darum, wer noch dünner ist und posten verstörende Fotos, die Bulimie und Anorexie glorifizieren

Berlin – Instagram ist der Ort für hübsche Fotos. Doch der Schönheitswahn zeigt sich dort auch von seiner hässlichen Seite. Abgemagerte Frauen inszenieren mit erschreckenden Fotos ihre Essstörungen. Instagrams Richtlinien zum Schutz scheitern am Erfindergeist der Nutzerinnen.

Dutzende Fotos von Beinen, so dünn wie Streichhölzer. "Ich wünschte, das wäre ich", steht darunter. Oder: "Ich möchte weinen, sie ist so perfekt." Die Hüftknochen stehen hervor – weit hervor. Auf Instagram glorifizieren Mädchen und junge Frauen ihre Essstörung, eifern sich gegenseitig nach, stacheln sich mit immer extremeren Fotos an.

Bestärkung in der Krankheit

"Pro-Ana" nennt sich das – kurz für Pro-Anorexie. "Pro-Ana", das ist eine Bewegung von Magersüchtigen oder Bulimiekranken im Netz. Die Mitglieder leiden in der Regel selbst an einer Essstörung. Ihr Ziel ist es, weiter abzunehmen. Die Erkrankung wird idealisiert, ein extremes Schönheitsideal steht im Zentrum – eine Art Wettbewerb unter den meist jungen Frauen. Betroffene tauschen sich auf speziellen Webseiten aus – oder eben immer häufiger auf Instagram. "Der Zugang zu dem Netzwerk ist einfach", erklärt Andreas Schnebel, Vorsitzender des Bundesfachverbands Essstörung.

Dass gerade junge Frauen auf Instagram Selfies von sich posten, sich von ihrer schönsten Seite im Netz präsentieren wollen – das ist kein Geheimnis. "Es scheint normal, dass man als junges Mädchen so aussehen muss", kritisiert Schnebel. Befeuert werde der Schönheitswahn durch Gefällt-mir-Angaben und eine wachsende Zahl an Followern, also quasi Fans. Für Mädchen mit Essstörung ist das besonders fatal: "Sie werden von anderen Nutzern so in ihrer Erkrankung noch bestärkt."

Gefährliche Hashtags?

Instagram hat vor einigen Jahren seine Richtlinien angepasst, um die Glorifizierung der Erkrankung zu verhindern. Unter Betroffenen beliebte Hashtags können über die Suchfunktion nicht länger gefunden werden. "Hashtags, die Essstörungen glorifizieren, werden ohne Warnung gelöscht", erklärte das Unternehmen auf Anfrage.

Bei anderen Hashtags, die eine Essstörung nicht zwingend anpreisen, werde ein Warnhinweis eingeblendet, bevor die Ergebnisse angezeigt werden. So zum Beispiel der Hashtag #ana. "Für viele Instagrammer, die unter einer Essstörung leiden, ist es eine große Hilfe, sich auf Instagram mit anderen Betroffenen während ihres Heilungsprozesses auszutauschen", verteidigt Instagram dieses Vorgehen. Im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes seien bestimmte Hashtags deshalb weiterhin über die Suche zu finden.

Nicht krank genug

Doch viele Betroffene lassen sich weder von Warnungen noch Sperren abschrecken. Häufig verbreitet sind leichte Abwandlungen der gelöschten Hashtags. Darunter finden sich wieder extreme, teils verstörende Fotos von abgemagerten Körpern.

"Menschen mit Essstörung können sehr wetteifernd sein", erklärt die 21-jährige Britin Amalie Lee, die selbst an einer Essstörung litt. "Sie fühlen sich, als seien sie nicht krank genug, um Heilung zu verdienen, wenn andere kränker sind als sie." Außerdem gebe es einige Accounts, die sich zuerst rund um Heilung drehen – und dann vor allem einen unrealistisch trainierten Körper anpreisen. (APA, red, 4.8.2016)

  • Vor allem junge Menschen erkranken an Essstörungen, 90 bis 97 Prozent sind Mädchen bzw. junge Frauen. Die Zahl der Erkrankten in Österreich hat sich innerhalb von 20 Jahren mehr als verzehnfacht. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.
    foto: apa

    Vor allem junge Menschen erkranken an Essstörungen, 90 bis 97 Prozent sind Mädchen bzw. junge Frauen. Die Zahl der Erkrankten in Österreich hat sich innerhalb von 20 Jahren mehr als verzehnfacht. Die Dunkelziffer dürfte noch höher sein.

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