Die Macht der Begeisterung

4. August 2016, 14:23
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Natürlich hat sich Rio übernommen, doch die Wettkämpfe können beginnen

An der Strandpromenade von Copacabana ist Olympia angekommen. Hier versuchen Souvenirverkäufer, die Maskottchen Vinicius und Tom an die Touristen zu bringen. Unten am Strand schieben Traktoren Sandberge zusammen. Drei Meter hohe Wellen machten der Standfestigkeit eines dort errichteten Medienzentrums zu schaffen. Es drohte einzustürzen. So wie hier wird auch anderorts in letzter Minute gehämmert, gebohrt und geschraubt.

Einige Vorhaben wie die Erweiterung der Metro von Ipanema zum 16 km entfernten Olympiapark in Barra da Tijuca wären fast nicht fertig geworden. Dennoch wirkt der neue Stadtteil Barra, wo die meisten Sportstätten und das Athletendorf sind, wie ein Satellitenstädtchen: sauber, exklusiv und für die meisten Cariocas unerreichbar. Nicht nur die Metro hat die Zweiteilung der Stadt zementiert: in den wohlhabenden Süden und den armen Rest.

Als Rio 2009 den Zuschlag bekam, war Brasilien dank eines Wirtschaftsbooms in den Kreis der Weltmächte geklettert. Die Sommerspiele sollten den Aufstieg krönen. Doch inzwischen steckt das Land in der schwersten Wirtschaftsrezession seiner Geschichte fest. Der Korruptionsskandal um den staatlich kontrollierten Ölgiganten Petrobras versinnbildlicht den Niedergang. Ranghohe Politiker und die mächtigsten Unternehmer des Landes sitzen im Gefängnis. "Es ist nicht der beste Moment, dass die Welt auf uns schaut", gibt selbst Rios Bürgermeister Eduardo Paes zu. Die olympische Botschaft steht in krassem Gegensatz zur brasilianischen Realität. In den vergangenen Monaten wurde Rio von einer neuen Gewaltwelle erfasst. Jetzt sollen 85.000 Polizisten und Soldaten die Spiele sichern.

Armenviertel wie Vila Autódromo mussten Olympia-Bauten weichen und wurden dem Erdboden gleichgemacht. Rund 80.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Auch von ihrem Nachhaltigkeitsversprechen haben die Organisatoren schnell Abstand genommen: Für den Bau des Golfplatzes wurde ein Naturschutzgebiet geopfert. Das Segelrevier in der Guanabara-Bucht ist eine stinkende Kloake. Die Säuberung der Bucht, in die sich pro Sekunde 18.000 Liter ungeklärtes Abwasser ergießen, war eine Auflage des IOC für die Vergabe. Geblieben ist von dem Versprechen nichts. "Es fehlt der politische Wille", konstatiert der Umweltaktivist Mario Moscatelli.

Und als wäre das nicht genug, wurde Brasilien von der Zika-Epidemie gebeutelt. Das wenig erforschte Virus verursacht schwere Hirnschädigungen bei Neugeborenen. Einige Sportlerinnen haben aus Angst ihre Teilnahme abgesagt. Letztendlich musste Rios Regionalregierung den finanziellen Kollaps erklären. Nur mit einem Notkredit aus Brasília können überhaupt Polizisten, Lehrer und Ärzte in öffentlichen Spitälern bezahlt werden. Rio hat sich übernommen. Doch die Wettkämpfe können beginnen. (Susann Kreutzmann aus Rio, 4.8.2016)

  • Ein Fahrzeug versprüht Desinfektionsmittel zur Bekämpfung der Tigermücke. der Überträgerin des Zika-Virus.

    Ein Fahrzeug versprüht Desinfektionsmittel zur Bekämpfung der Tigermücke. der Überträgerin des Zika-Virus.

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