Schröcksnadel: "Damit jemand da ist, den man beschimpfen kann"

Interview4. August 2016, 11:54
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Peter Schröcksnadel reist erstmals zu Sommerspielen. Der Projekt-Rio-Chefkoordinator spart sich den Einmarsch, zieht die Lederhose nur im Medaillenfall an: "In sechs, sieben Bewerben gibt es gute Chancen"

STANDARD: Sie stehen dem Projekt Rio vor, über das nach der Medaillennullnummer von 2012 immerhin 80 Millionen Euro in den olympischen Sport geflossen sind. Was hat sich seit 2012 verändert?

Schröcksnadel: Damals wäre viel Glück nötig gewesen, damit wir eine Medaille holen. Jetzt wär's ein Pech, wenn wir keine holen. Das ist ein großer Unterschied. Die Mannschaft ist auf einem viel besseren Level als vor vier Jahren.

STANDARD: Worauf stützt sich das? Die Mannschaft ist praktisch gleich groß wie in London, 71 Aktive fahren mit, ursprünglich hatte das ÖOC auf 80 gehofft.

Schröcksnadel: Aber diesmal gibt es in sechs, sieben Bewerben gute Chancen.

STANDARD: Welche wären das?

Schröcksnadel: Judo, Segeln, Paddeln, Rudern, Beachvolleyball, Tischtennis und Schießen.

STANDARD: Nach vielen Gesprächen würde ich dagegenhalten, dass die allermeisten österreichischen Teilnehmer mit einem fünften Platz zufrieden wären und dieses Abschneiden als Erfolg bezeichnen würden. Ausgenommen sind da nur zwei Segelcrews.

Schröcksnadel: Das glaube ich nicht. Da gibt es etliche, die eine Medaille anstreben. Sie sagen es halt nicht, damit die Erwartungen nicht zu hoch sind. Da wird viel heruntergespielt. Ich sage, unser Ziel ist eine Medaille. Aber ich sage auch, dass wir keine großen Erwartungen haben. Wer viel erwartet, wird leicht enttäuscht.

STANDARD: Ziel der Erwartung – ist das nicht Wortklauberei? Wer sein Ziel nicht erreicht, ist schließlich auch enttäuscht.

Schröcksnadel: Das kann sein. Aber Sportler machen sich selbst schon genügend Druck. Man muss schauen, dass nicht auch der Druck von außen zu groß wird. Man darf ihnen keinen Rucksack umhängen. Siehe Fußball-EM, da hat man gemerkt, was unter Druck herauskommt.

STANDARD: Glauben Sie, dass das ÖFB-Team bei der EM an zu großem Druck gescheitert ist?

Schröcksnadel: Das kann ich von außen schwer beurteilen.

STANDARD: Wo genau haben Sie oder hat das Projekt Rio nach London den Hebel angesetzt?

Schröcksnadel: Das Projekt hat sehr gut funktioniert. Das Konzept war, dass wir uns auf Sportarten konzentrieren, in denen es gute Chancen auf Spitzenplätze gibt. Das haben wir durchgezogen. Auf lange Sicht kann sich nur im Sog von erfolgreichen Spitzenleuten auch der Nachwuchs entwickeln.

STANDARD: Mag sein, Österreichs Chancen wären da oder dort etwas höher, wenn das IOC die gesamte russische Mannschaft ausgeschlossen hätte. Was sagen Sie dazu, dass das IOC die Entscheidung auf die einzelnen Sportverbände abgewälzt hat?

Schröcksnadel: Ich hätte es problematisch gefunden, wäre Russland komplett ausgeschlossen worden. Ich glaube nicht, dass man eine ganze Nation wegen Dopings ausschließen kann. Man muss sehr vorsichtig sein, wenn man alle in einen Topf wirft. Ich hab damit leidvolle Erfahrung.

STANDARD: Sie reden vom ÖSV-Dopingskandal 2006?

Schröcksnadel: Zwei Biathleten haben etwas gemacht, aber 36 Personen sind gesperrt worden. Wir konnten in Italien glücklicherweise vor ein ordentliches Gericht ziehen, da zählen halt dann die Beweise. Aber im Sport kommt es ansonsten oft zu einer Beweislastumkehr, der Beschuldigte muss seine Unschuld beweisen. Das ist problematisch.

STANDARD: Dass es in Russland eine staatliche Dopingsystematik gab, ist aber belegt. Hätte das IOC nicht härter durchgreifen müssen?

Schröcksnadel: Ich bin bei erwiesenem Doping für hartes Durchgreifen. Aber ich nehme an, es gibt auch Sportarten, in denen die Russen nicht gedopt haben. Es darf keine Sippenhaftung geben.

STANDARD: Wieso ist Erfolg im Sport so wichtig? Könnte es den Russen nicht egal sein, ob sie am Ende im Medaillenspiegel an zweiter oder dritter Stelle landen?

Schröcksnadel: Sport ist als Ersatzkrieg anzusehen. Gott sei Dank gibt es in weiten Teilen der Welt keine Kriege mehr. Auch deshalb ist der Sport für den Nationalstolz so wichtig geworden. Länder wie Russland, China oder die USA wollen dokumentieren, dass sie die stärksten sind. Für die Deutschen, Italiener und Franzosen ist es besonders wichtig, dass sie im Fußball gewinnen. Für die Kanadier ist es ein Desaster, wenn sie gegen Russland verlieren.

STANDARD: Und Gelassenheit ist keine Kategorie?

Schröcksnadel: Wer gelassen ist, bringt es im Sport nicht sehr weit. Jeder Sportler hat das Ziel zu gewinnen. Wo war 2012 die Gelassenheit Österreichs, als wir in London nichts gewonnen haben? Da hat es doch auch gleich geheißen, dass der Staat eingreifen und etwas tun muss.

STANDARD: Werden Sie bei der Eröffnung mitmarschieren?

Schröcksnadel: Sicher nicht. Das tu ich nie, ich geh auch im Winter nicht mit, ich muss da nicht im Vordergrund stehen. Ich ziehe auch die Lederhose nicht an, die ein Teil der Olympia-Ausstattung ist. Die ziehe ich nur an, wenn wir eine Medaille gewinnen.

STANDARD: Bleiben Sie bis zum Ende der Spiele in Rio?

Schröcksnadel: Voraussichtlich schon. Meine Anwesenheit ist ja vor allem wichtig, wenn wir nichts gewinnen. Damit jemand da ist, der beschimpft werden kann. Also bleibe ich auf jeden Fall zumindest so lange, bis wir etwas gewonnen haben. (Fritz Neumann, 4.8.2016)

Peter Schröcksnadel (75) wurde in Innsbruck geboren. 1964 gründete er die Firma Sitour Austria und stellte Panorama- und Pistenmarkierungstafeln sowie Pistenleitsysteme her. Die Sitour Management GmbH ist weltweit tätig. Seit 1990 ist Schröcksnadel Präsident des österreichischen Skiverbandes. Er ist Geschäftsführer von vier Tochtergesellschaften des ÖSV, sein Sohn Markus ist Geschäftsführer der Vereinigten Bergbahnen GmbH. Schröcksnadel wurde 1992 der Professorentitel, 2011 das Große Ehrenzeichen verliehen. Nach dem Debakel bei den Sommerspielen 2012 wurde er mit dem Projekt Rio beauftragt.

  • Schröcksnadel: "Wo war 2012 die Gelassenheit Österreichs?"
    foto: apa/fohringer

    Schröcksnadel: "Wo war 2012 die Gelassenheit Österreichs?"

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