Mehr Konkurrenz unter Ärzten

Kommentar3. August 2016, 18:19
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Nicht das Wahlarztsystem, unzureichende Kassenverträge sind das Problem

Das Wahlarztsystem abschaffen: Das ist eine Spitzenidee des SPÖ-Gesundheitssprechers Erwin Spindelberger – wenn man mittels paradoxer Intervention das Image der Kassen ein wenig verbessern möchte. Denn kaum etwas macht schlechtere Laune als das Brieferl von der Krankenkasse, in dem generös mitgeteilt wird, dass man von den 130 Euro, die man etwa für die Wahlfachärztin ausgegeben hat, ganze 17 zurückbekommt. Da wäre es in vielen Fällen tatsächlich image- und nervenschonender, gar nichts zu refundieren.

Will man das Problem überfüllter Spitalsambulanzen beheben und den grassierenden Ärztemangel in bestimmten Fachgebieten und Regionen bekämpfen, ist dieser Vorschlag ganz und gar untauglich. Blauäugig ist er obendrein: Mit dem durch Nichtrefundierungen eingesparten Geld sollten zusätzliche Kassenarztstellen geschaffen werden, sagt Spindelberger.

Das ist graue Theorie – in der Praxis gibt es Gegenden in Österreich, wo niemand mehr einen Kassenvertrag haben will, weil die schlicht zu unattraktiv sind. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Kosten für ärztliche Leistungen zu gering veranschlagt sind, sondern auch damit, dass sich vieles, was heute medizinisch möglich ist, gar nicht im veralteten Leistungskatalog findet – etwa Ergotherapie für Kinder. Zudem werden sich zunehmend mündige Patienten kaum vorschreiben lassen, welchen Arzt sie zu konsultieren haben.

Ein wenig klingt Spindelbergers Vorschlag nach Klassenkampf aus der Mottenkiste. Denn in der Realität sind es "nicht die G'stopften, die in meine Praxis kommen und mir treu bleiben", postete ein Mediziner auf der STANDARD-Homepage, sondern zumeist hart arbeitende, unter extremem Zeitdruck stehende Mittelständler, die sich einfach nicht leisten können, wochenlang auf einen Konsultationstermin beim Kassenvertragsarzt zu warten.

Die Kassenverträge müssen moderner und zeitgerechter ausgestaltet sein – und das Land muss mit neuen Kassenverträgen förmlich geflutet werden. Das eröffnet die Chance, dass niedergelassene Ärzte auch in Konkurrenz zueinander treten und aktiv um Patienten werben – und das kann wiederum, aus Patientensicht, nur positiv sein. Dann werden Projekte wie Primary Health Care auch funktionieren. Wenn sich Ärzte mit Kassenverträgen zu De-factoGemeinschaftspraxen zusammenfinden und mit längeren Öffnungszeiten und spezialisierten Leistungen locken, wird der Erfolg nicht lange auf sich warten lassen.

Nimmt die Zahl der Kassenvertragsärzte zu, werden deren Praxen auch nicht mehr so überlaufen sein, dass das Arzt-Patient-Gespräch auf ein Minimum reduziert wird. Tritt all das ein, wird es auch für den durchschnittlichen Mittelklassepatienten nicht länger attraktiv sein, zum Arzt ohne Kassenvertrag zu wechseln.

Freilich fällt eine solche Entwicklung nicht vom Himmel, man muss schon aktiv daran arbeiten. Etwa frisches Geld in die Hand nehmen – zunächst einmal. Wenn es im Gegenzug gelingt, Spitalsambulanzen spürbar zu entlasten, wird das Kosten sparen.

Im Gesundheitsbereich rumort es wieder einmal gewaltig: Die Spitalsärzte drohen erneut mit Streik, ständig poppen Ideen, mitunter wenig ausgereifte, auf. Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser muss die Sache in die Hand nehmen – sonst droht die mit viel Kraftaufwand begonnene Reform im Ansatz steckenzubleiben. (Petra Stuiber, 3.8.2016)

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