Social-Media-Daten werden zur Ampel für die Kreditwürdigkeit

5. August 2016, 08:00
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Fintech-Unternehmen prüfen Bonität mittels Social-Media-Analysen – Methode ist fragwürdig

Schanghai/Wien – Sie sind gesprächig, haben Facebook-Freunde mit hoher Bonität, nehmen nachts um vier Uhr keine Anleihen auf? Dann haben Sie gute Chancen, einen Kredit zu bekommen. Zumindest in China. Dort vergeben immer mehr Kreditinstitute Darlehen nach einer umfangreichen Social-Media-Analyse, die sie zur Grundlage ihrer Bonitätsbewertung machen.

Das Bankinstitut China Rapid Finance aus Schanghai zum Beispiel nutzt Onlinedaten des Internetkonzerns Tencent und des Suchmaschinenriesen Baidu, um die Bonität von Kreditinteressenten aufgrund ihrer Häufigkeit von Kurznachrichten, der Zahl der Onlinefreunde und der Zeit der Smartphonenutzung zu bewerten.

Interessenten werden zunächst einem Screeningtest unterzogen, bei dem festgestellt wird, ob der potenzielle Darlehensnehmer vorbestraft ist. Geht der Daumen nach oben, durchforstet ein Algorithmus Browser-, Suchmaschinen und Social-Media-Daten. Daraus errechnet die Software einen Credit-Score, wonach sich wiederum der Zinssatz bemisst. Auf seiner Webseite wirbt China Rapid Finance, dass damit auch Kunden ohne Kredithistorie mit Darlehen versorgt werden.

Informeller Markt

Der Kreditmarkt in China ist unterentwickelt, laut Weltbank leihen sich nur rund zehn Prozent der erwachsenen Chinesen Geld bei einer Finanzinstitution. Zum Vergleich: In den OECD-Staaten sind es etwa 18 Prozent, in den USA 23 Prozent. Der Grund: Chinas Banken dürfen höchstens drei Viertel der Einlagen ihrer Kunden wiederverleihen.

Privatfirmen und Einzelpersonen, die von großen Banken keine Kredite bekommen, leihen sich auf dem informellen Kreditmarkt Geld von Schattenbanken zu teilweise horrenden Zinsen. Banker warnen schon länger vor einer Kreditblase. Viele hochriskante Finanzprodukte gleichen den forderungsbesicherten Schuldverschreibungen, die in den USA zum Platzen der Immobilienblase und zu einer globalen Finanzkrise geführt haben. Um das Ausfallrisiko zu minimieren, suchen Chinas Kreditinstitute daher nach neuen Methoden der Bonitätsprüfung. Big Data hilft ihnen bei diesem Plan.

Rabatt für mehr Information

Das Hongkonger Start-up WeLab analysiert, welche Apps die Kreditnehmer heruntergeladen haben, wo sie sich meist aufhalten und was sie in sozialen Netzwerken posten. Je mehr Daten man preisgibt, desto besser sind die Konditionen. Wer WeLab den Zugang zu seinem Facebook-Profil erlaubt, bekommt einen Rabatt von zehn Prozent auf die Kreditkosten, wer Zugang zu seinem Linked-In-Profil gewährt, bekommt sogar 20 Prozent.

Das Kalkül der Bank ist, dass Kunden, die mit Leuten mit besseren sozioökonomischen Voraussetzungen (höherer Bildungsgrad, höherer Verdienst, Wohngegend mit geringer Kriminalität) vernetzt sind, eine größere Wahrscheinlichkeit haben, den Kredit zurückzuzahlen. So ergaben Big-Data-Analysen, dass Kunden, die nachts um vier einen Konsumentenkredit aufnahmen, ein tendenziell höheres Ausfallrisiko hatten. Dahinter steckt vermutlich nur eine Korrelation und kein Kausalzusammenhang. Dennoch halten Banker dieses Instrument für valid.

Der Gründer von WeLab, Simon Loong, der in Stanford studiert hat und einige Jahre Erfahrung im Bankensektor sowie in der Fintech-Branche mitbringt, formulierte das Geschäftsmodell gegenüber Bloomberg so: "Wenn man früher einen Kredit bei der Bank wollte, konnte der Banker nur sehen, wie man sein Haar gekämmt hat und welche Schuhe man trug. Heute offenbart das Nutzungsverhalten auf dem Smartphone Ihre Personalität." (Adrian Lobe, 5.8.2016)

  • Viele Kredite werden in China Schattenbanken in Hinterhöfen vergeben.
    foto: reuters/aly song

    Viele Kredite werden in China Schattenbanken in Hinterhöfen vergeben.

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