Warum Wahlärzte weiter erwünscht sind

4. August 2016, 06:00
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Die Zahl der Wahlärzte steigt kontinuierlich an. Erwin Spindelberger, roter Gesundheitssprecher, stellt ihre Berechtigung infrage und erntet dafür viel Kritik. Wahlärzte sind längst eine Säule der Gesundheitsversorgung

Frage: Warum stehen die Wahlärzte in der Kritik?

Antwort: Nicht die Wahlärzte stehen in der Kritik, sondern das System. Der rote Gesundheitssprecher Erwin Spindelberger will das Geld, das Versicherungen bei einem Wahlarztbesuch dem Patienten erstatten, für Innovationen verwenden und damit zusätzliche Kassenstellen finanzieren.

Frage: Wo ist der Haken?

Antwort: Seit Beginn der Nullerjahre gibt es bei Fachärzten mehr Wahl- als Vertragsärzte. Laut Österreichischer Ärztekammer gibt es rund 4200 Fachärzte mit Kassenvertrag, bei etwa 7100 ist der Arztbesuch vorerst privat zu bezahlen – Tendenz steigend. Auch bei Allgemeinmedizinern steigt die Zahl der Wahlärzte. Von 6550 praktischen Ärzten haben 4000 Kassenverträge (inklusive Verträgen mit kleinen Kassen).

Frage: Was unterscheidet einen Wahlarzt von einem Kassenarzt?

Antwort: Ein Kassenarzt steht bei einer Krankenkasse unter Vertrag und rechnet mit dieser seine Leistung ab. In Österreich gibt es 19 verschiedene Krankenversicherungen, die unterschiedliche Vereinbarungen haben. Der Tarif des ärztlichen Leistungskatalogs richtet sich nach dem Gesamtvertrag. Beim Kassenarzt muss der Patient nicht für die Behandlung zahlen, das übernimmt seine Versicherung – nur die Sozialversicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA) verlangt von ihren Versicherten 20 Prozent Selbstbehalt. Nach dem Wahlarztbesuch kann man die Rechnung bei der Krankenkasse einreichen, die bis zu 80 Prozent des Kassentarifs erstattet.

Frage: Warum geht dann der Patient zu einem Wahlarzt, wenn er den Arztbesuch bezahlen muss?

Antwort: Zum einen sind es Wartezeiten beim Kassenarzt, die Patienten abschrecken. Bei Röntgeninstituten in Wien muss man bis zu zehn Wochen auf einen Termin für eine Magnetresonanztomografie (MRT) oder auf eine Computertomografie warten, wie der Verein für Konsumenteninformation erhoben hat. Betroffene strecken lieber den Betrag vor, um Gewissheit zu haben. Zum anderen gebe es keine Spezialisten für Schilddrüsen- oder Nierenkrankheiten mit Kassenvertrag, erklärt Erwin Rasinger, Gesundheitssprecher der ÖVP. Ohne Wahlärzte wäre die Versorgungslage schlechter.

Frage: Wie sieht es in Disziplinen aus, in denen regelmäßige Kontrollbesuche empfohlen werden, wie bei Hausärzten oder Gynäkologen?

Antwort: Ein wichtiges Argument ist hier der Zeitfaktor. Ein Kassenarzt hat viel mehr Patienten und daher weniger Zeit. In der Frauenheilkunde spielt noch ein anderer Umstand eine Rolle. Viele Frauen ziehen es vor, von einer Frau untersucht zu werden. Doch von 1300 Gynäkologen sind laut Ärztekammer nur 540 weiblich, von 560 Kassenärzten werden nur 129 von Frauen besetzt.

Frage: Wie viel kostet ein Besuch bei einem Wahlarzt?

Antwort: Der Wahlarzt gilt als Privatunternehmer, Tarifempfehlung gibt es daher keine. Die meisten orientieren sich aber an den üblichen Tarifen.

Frage: Warum gibt es dann nicht einfach mehr Kassenstellen?

Antwort: Das kann nur der Hauptverband der Sozialversicherungsträger beantworten. Dort heißt es, man sei bereit, "das System mit allen Stakeholdern entsprechend zu modernisieren und weiterzuentwickeln". Dabei sollen auch die Wahlärzte miteinbezogen werden. Die ÖVP will hier den Bedarf besser erheben lassen, um genau zu sehen, wo Engpässe herrschen.

Frage: Sollen die Wahlärzte abgeschafft werden?

Antwort: Nein. Das Gesundheitsministerium betont, dass der Vorschlag von Ressortsprecher Spindelberger bloß eine Einzelmeinung sei. Parteifreundin und Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser will die Wahlärzte nicht abschaffen. Eine Absage kommt auch von Artur Wechselberger. Der Ärztekammerpräsident fürchtet, dass sonst die Zweiklassenmedizin verschärft würde. Auch bei anderen Parteien stößt Spindelberger auf wenig Begeisterung. ÖVP-Generalsekretär Peter McDonald spricht von einer "Schnapsidee, die nicht abgesprochen war", Grüne und Neos finden die Idee unsozial und fürchten um die freie Arztwahl. Die FPÖ fühlt sich an die DDR erinnert. (Marie-Theres Egyed, 4.8.2016)

  • Wer zum Arzt geht, hat die Wahl, ob privat oder Kasse – oder eben nicht. Selbst bei Allgemeinmedizinern steigt die Anzahl der Wahlärzte an.
    foto: apa/fohringer

    Wer zum Arzt geht, hat die Wahl, ob privat oder Kasse – oder eben nicht. Selbst bei Allgemeinmedizinern steigt die Anzahl der Wahlärzte an.

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