Sicher fühlen, sicher sein

Kolumne3. August 2016, 17:02
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Angst und Unsicherheit beflügeln den Aufstieg der Populisten

Vor nichts, sagen die Umfragen und sagen die Medien, fürchten sich die Leute derzeit so wie vor Terrorattacken. Und nichts wünschen sie sich sehnlicher als Sicherheit. Verständlich, wenn man an die geballten Schreckensnachrichten der letzten Wochen denkt. Die Politik reagiert auf ihre Weise: mehr Polizeipräsenz, mehr Kontrollen, schärfere Asylbestimmungen. Aber was ist eigentlich Sicherheit? Und wie viel von all dem Getöse, das wir derzeit hören, gründet sich auf Vernunft und wie viel auf Einbildung?

Alle Experten haben uns erklärt, dass es gegen Bluttaten ausgeflippter Einzeltäter keinen hundertprozentigen Schutz gibt. "Krieg gegen den Terror" klingt gut, aber was, wenn die Terroristen psychisch gestörte Leute sind, die auf ihre Wahnsinnstaten "die Briefmarke Islamischer Staat" kleben, wie das Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung genannt hat? Berichte über Bombenexplosionen und Messerattentate erschrecken uns, aber, so eine weitere Erkenntnis: Die Wahrscheinlichkeit, dass man selber Opfer einer solchen Tat werden könnte, ist immer noch um ein Vieltausendfaches geringer als die Möglichkeit, von einem Auto überfahren oder von einem herabfallenden Ziegelstein getroffen zu werden.

Einige Politiker haben denn auch freimütig zugegeben, dass die verstärkte Sichtbarkeit der Polizei mehr dem subjektiven Sicherheitsgefühl der Bevölkerung geschuldet ist als deren tatsächlichem Schutz. Sich sicher fühlen ist wichtiger als sicher sein. In Europa und den USA fühlen sich heute Millionen Menschen unsicher, aber oft nur vordergründig wegen der Gefahr des Terrorismus. Diese Angst und Unsicherheit beflügelt den Aufstieg der Populisten. Diese sagen den Unsicheren klipp und klar, wer schuld ist: die Flüchtlinge, die EU, das Establishment.

Der linke amerikanische Autor und Filmemacher Michael Moore hat vor kurzem "Fünf Gründe, warum Donald Trump Präsident werden wird" veröffentlicht. Der wichtigste: Zahllose amerikanische Arbeiter haben ihre Jobs verloren, wer Arbeit hat, fürchtet, sie zu verlieren und die allermeisten sind überzeugt, dass ihre Kinder es einmal schlechter haben werden als sie selber. Mit Recht. Das macht ängstlich und zornig, und der Zorn richtet sich auf die Mächtigen und die vermeintlich arroganten Eliten. Viele, sagt Moore, wollen nicht deshalb Trump wählen, weil sie diesen für gut halten, sondern weil sie die abgehobenen Obergescheiten in Washington ärgern wollen. Trump sei "ihr persönlicher Molotowcocktail".

Das alles lässt sich, mutatis mutandis, auch auf Europa und auch auf Österreich übertragen. Die großen Themen Terror, Flüchtlinge, Sicherheit überschatten alles, aber die oft überzogene Angst vor Attentätern und Zuwanderern hat einen sehr realen Hintergrund: die Angst vor einer unsicheren Zukunft und die Angst um unsichere Arbeitsplätze. Pessimisten sind durch mögliche Terroranschläge nicht mehr gefährdet als Optimisten, aber sie fürchten sich mehr davor und sie sehen das Heil eher in strengeren Gesetzen, mehr Polizei und autoritären Führern. Wer will, dass eine liberale Demokratie erhalten bleibt, muss diese Hintergrundängste ebenso ernst nehmen wie die vordergründigen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 3.8.2016)

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