Wie es um die Produktivität der Beschäftigten bestellt ist

5. August 2016, 06:00
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Bei der Produktivität je Erwerbstätigen liegt Österreich im Schlussfeld – pro Arbeitsstunde sieht das Bild anders aus

Wien – Noch hat der Kanzler die Hoffnung auf eine Maschinensteuer nicht aufgegeben. Vorige Woche deutete Christian Kern an, die SPÖ könnte über das für sie heikle Thema Studiengebühren diskutieren, wenn die ÖVP sich einer Debatte über die Wertschöpfungsabgabe nicht verschließe.

Bisher gab es von den Schwarzen jedenfalls ein klares Nein zum SPÖ-Wunsch, Sozialversicherungsbeiträge nicht nur auf Löhne und Gehälter, sondern auf die gesamte Wertschöpfung – also auch auf Gewinne, Mieten, Pachten – et cetera einzuheben. Skeptisch war zuletzt auch Wifo-Chef Karl Aiginger. Für ihn kommt die Maschinensteuerdebatte wegen der niedrigen Produktivität in Österreich zur falschen Zeit.

Nur vier Länder hinter Österreich

DER STANDARD nimmt die Diskussion zum Anlass, um sich die Entwicklung der heimischen Produktivität näher anzuschauen. In internationalen Vergleichen wird häufig die Arbeitsproduktivität pro Erwerbstätigen herangezogen. Hier hat Österreich in den vergangenen Jahren tatsächlich äußerst schlecht abgeschnitten. Zwischen 2010 und 2015 gab es de facto keine Produktivitätssteigerung. Von allen EU-Staaten weisen laut Eurostat nur Ungarn, Finnland, Italien und Griechenland schlechtere Werte auf.

Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit, der im Falle Österreichs das Bild in die negative Richtung verzerrt. Bei den Erwerbstätigen wird nämlich nicht berücksichtigt, ob diese nur eine oder 40 Stunden die Woche arbeiten. Eine realistischere Einschätzung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes bietet daher die Produktivität pro Arbeitsstunde. Hier wird also verglichen, wie viel eine Arbeitskraft im Schnitt pro Stunde erwirtschaftet.

Und bei diesem Vergleich mit den anderen EU-Staaten schneidet Österreich bei weitem nicht mehr so miserabel ab. Seit 2010 ist die Produktivität demnach um 4,6 Prozent gestiegen. Damit liegt Österreich sogar geringfügig über dem EU-Schnitt und auch vor dem Nachbarland Deutschland.

foto: corn
Im Dienstleistungssektor wie der Gastronomie sind in den Jahren nach der Krise viele Teilzeitjobs entstanden.

Irland klar vorne

Deutlich bessere Werte weisen vor allem Irland, das sich von einer schweren Wirtschaftskrise erholte, und die osteuropäischen Staaten auf, wobei deren Entwicklung insofern wenig überraschend ist, weil sie natürlich von einer viel niedrigeren Basis aus starteten.

Immer mehr Teilzeit

Stellt sich noch die Frage, warum die Österreicher pro Erwerbstätigen viel schlechter abschneiden als pro Arbeitsstunde. Die Erklärung ist einfach: Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten ist in Österreich seit 2010 deutlich stärker gestiegen (plus 15 Prozent) als im EU-Schnitt (plus sieben Prozent). Mittlerweile kommen hierzulande auf 100 Vollzeitstellen fast 38 Teilzeitjobs. Insgesamt gibt es nur in den Niederlanden einen noch höheren Teilzeitanteil, wie diese Grafik zeigt.

Diese Entwicklung hat zur Folge, dass es im Vorjahr zwar um 4,5 Prozent mehr erwerbstätige Personen gab als noch zu Beginn des Jahrzehnts, die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden ist aber mehr oder weniger gleich geblieben. Der oder die Einzelne kommt also auf weniger Wochenstunden. Darauf hat zuletzt auch die Statistik Austria hingewiesen, laut der heute um drei Stunden kürzer gearbeitet wird als noch 1995.

Für Österreich lässt sich also festhalten: Die Produktivität pro Arbeitsstunde ist zuletzt zwar nicht mehr so stark wie in früheren Jahrzehnten gestiegen, aber auch nicht weniger stark als in vergleichbaren westeuropäischen Ländern.

Diese Entwicklungen hängen mit dem Umbruch am Arbeitsmarkt zusammen, wie Wifo-Experte Marcus Scheiblecker erklärt. Nach der Krise 2009 sind vor allem Teilzeitstellen im Dienstleistungssektor entstanden, wo aber große Produktivitätssprünge nur schwer möglich sind. (Günther Oswald, 5.8.2016)

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