Mit Hirn arbeiten: Wie ein "Urrucksack" entsteht

Blog4. August 2016, 08:00
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Damit archäologische Funde besser verstanden werden, gilt es, sich auch ihrer Herstellung und Verwendung zu widmen. Genau das wird bei der Experimentellen Archäologie in der Praxis versucht

Wenn Studenten Kalksteine im Feuer zum Glühen bringen, um sie dann in eine mit Salzwasser gefüllte Lehmgrube zu legen, und wenn sie frisches Schweinehirn zwischen den Fingern zerdrücken und in eine stinkende rohe Ziegenhaut einmassieren, dann kann das nur bedeuten, dass wieder "Experimentelle Archäologie in der Praxis" angesagt ist. Seit Jahrzehnten treffen sich jedes Jahr zig Studierende und über zehn Tutoren, um im Freigelände des Urgeschichtemuseums Mamuz, Schloss Asparn an der Zaya, diese Lehrveranstaltung des Instituts für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien abzuhalten.

Und warum machen wir das?

Wir legen als Archäologen die Spuren unserer Vorfahren frei und bergen dabei häufig Gegenstände aus Keramik, Metall, Knochen, Geweih, Glas, Bernstein, Elfenbein und Stein – also Gegenstände aus Materialien, die im Boden nicht oder nur langsam vergehen. Unter besonderen Bedingungen können sich auch Objekte aus organischen Materialien wie Fell, Leder, Haut, Wolle, Sehnen, Federn, Holz und Bast über Jahrtausende erhalten – etwa in Wüsten, im Gletscher oder in Mooren und in Salzbergwerken. Nach der Ausgrabung werden die Funde restauriert, inventarisiert und dann wissenschaftlich bearbeitet. Will man die Stücke nicht nur rein formkundlich beschreiben, sondern auch auf deren Herstellung und Verwendung eingehen, dann ist ein Verständnis über das Rohmaterial, aus dem die Funde gefertigt wurden und dessen Verarbeitungstechniken notwendig. Und genau dafür nutzen die Tutoren die vier intensiven Tage in Asparn. Die Studierenden werden mit den Materialien Stein, Geweih, Knochen, Horn, Fell, Haut, Holz, Eisen und Buntmetalle, Glas, Ton und Wolle vertraut gemacht, und die grundlegenden Herstellungs- und Verarbeitungstechniken von Eisenverhüttung bis Schmieden und Bronzeguss, von Wollespinnen bis Weben über Schnitzen bis zu Töpfern und Gerben werden vermittelt.

International beliebt

Dieses umfassende Lehrangebot hat sich in den letzten Jahren herumgesprochen, sodass nun auch regelmäßig Studierende von Universitäten aus Nachbarländern und England zu uns nach Asparn kommen.

foto: hans reschreiter
Lehrveranstaltung im Freigelände des Urgeschichtemuseums Asparn an der Zaya.

Die Bedingungen im Mamuz Asparn sind ideal für die Lehrveranstaltung. Die Werkstätten im Freigelände können ebenso wie weitere Infrastruktur genutzt werden, und es kann im Museumspark übernachtet werden. Zusätzlich stellt das Museum einen Teil der benötigten Betriebsmittel zur Verfügung. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele große Säcke an Holzkohle ein kleiner aus Lehm gebauter Rennofen schluckt, um aus Eisenerz ein paar Kilogramm Eisen zu erzeugen, und wie viel Kohle in den einfachen Schmiedeessen und Gussherden verglüht, wenn Studenten tagelang beinahe rund um die Uhr schmieden und Bronze gießen.

Nichts als Scherben

Die meisten Tonscherben, die wir finden, stammen von Gefäßen, die in Wulst-, Treib- oder Plattentechnik aufgebaut und im Feuer oder in Lehmöfen gebrannt wurden. Um prähistorische Keramik zu beurteilen, reicht daher das rudimentäre Wissen, das die meisten von uns aus dem Schulunterricht noch haben, nicht aus. Prähistorische Keramik wurde eben nicht aus vorgefertigtem Ton und in Würsteltechnik gefertigt und im Elektroofen gebrannt. Wir beginnen im Rahmen der Lehrveranstaltung mit dem Aufbereiten des Tones, formen dann Gefäße und brennen sie anschließend im offenen Feuer. Es ist immer wieder ein faszinierender Anblick, wenn man Gefäße orangeglühend in der Glut liegen sieht.

Heiße Steine

Für einen Außenstehenden ist es ja noch nachvollziehbar bei all den Keramikscherben, die wir finden, warum wir im Rahmen unserer Ausbildung die Grundbegriffe des Töpferns lernen – aber warum erhitzen wir Steine im Feuer, um sie dann in Salzwasser zu tauchen?

foto: hans reschreiter
Erhitze Kalksteine werden aus dem Feuer direkt in die mit Fell ausgelegte Kochgrube gelegt.

Wir nennen es Kochen mit Kochsteinen. Das ist eine Technik, die in prähistorischer Zeit nachgewiesen ist, zu der wir gar keine Anknüpfungspunkte mehr haben. Wir testen sie, weil wir rund um unsere Forschungen im Salzbergwerk Hallstatt so viel wie nur möglich auch zu anderen prähistorischen Salzproduktionstechniken erfahren wollen, um die Herstellungsverfahren und ihren Ressourcenverbrauch und Zeitaufwand vergleichen zu können – und eine dieser Methoden war auch das Versieden von natürlich vorkommender Quellsole (Salzwasser). Diese Sole hat häufig nur einen Salzgehalt von wenigen Prozent und muss konzentriert werden, bevor bei knapp 33 Prozent Salz beginnt auszukristallisieren. In der Sahara oder in Regionen Chinas oder Spaniens kann diese Anreicherung nur durch die natürliche Verdunstung des Wassers infolge der hohen Umgebungstemperatur oder durch Verdunstung wegen starken Windes erfolgen. In unseren Breiten muss die Sole künstlich erwärmt werden.

In Europa sind viele Stellen bekannt, wo in prähistorischer Zeit Quellsole in Keramikbehältern gesotten und so bis zur Auskristallisation erhitzt wurde. Dabei bleiben oft meterhohe Abfallhaufen der Öfen und der nur einmal verwendbaren Keramikgefäße, der sogenannten Briquetagegefäße, zurück. Aber man kann Sole auch ohne eigentliche Gefäße erhitzen – eben in großen Gruben oder in Holzbottichen, in die Kochsteine gegeben werden. Und genau das haben wir in Asparn versucht.

Weiters wurden noch andere Versuche mit heißen Steinen durchgeführt. Kollegen haben eine Grube ausgehoben, ein Feuer darin gemacht, Steine erhitzt und dann in Farn eingewickeltes Fleisch in der Grube zwischen den heißen Steinen gegart – mit hervorragendem Ergebnis.

foto: hans reschreiter
Das Team "Grubenkochen" mit dem perfekt gegarten Grubenfleisch.

Der Ziege das Fell über die Ohren ziehen

Auf dem Programm der Lehrveranstaltung im Freilichtmuseum Asparn an der Zaya stand noch ein weiteres für uns völlig fremdes Rohmaterial und seine Verarbeitung – nämlich ungegerbte Ziegenhäute. Und nicht normale Ziegenhäute, sondern welche, die ohne den üblichen Bauchschnitt vom Tier abgezogen wurden – der toten Ziege wurde also im wahrsten Sinn des Wortes das Fell über die Ohren gezogen. Und warum machen wir das? Der älteste Rucksack Europas stammt aus dem Salzbergwerk Hallstatt, ist über 2.500 Jahre alt, durch das Salz perfekt konserviert und eben aus genauso einer Ziegenhaut ohne Bauchschnitt gefertigt.

Bruchstücke von solchen Ziegensäcken wurden bereits wissenschaftlich bearbeitet. Nun soll so ein Sack nachgebaut und anschließend getestet werden. Die erste Herausforderung war, Ziegenhäute zu besorgen, die für unsere Anforderung richtig abgezogen wurden (Darüber haben wir schon in unserem Hallstatt-Blog berichtet).

Als das Ziegenfell endlich bei uns war, ging es richtig los. Die Bälge wurden umgedreht, sodass die Fellseite innen war, und es wurden noch anhaftende Fleischteile entfernt – die Haut wurde also entfleischt.

foto: hans reschreiter
Entfleischen des Balgs.

Als nächster Schritt stand die Gerbung an, um den Balg weich und flexibel zu machen. Wir entschieden uns für eine sogenannte Pseudogerbung – die Hirngerbung. Dafür wurde frisches Schweinehirn in die Ziegenhaut intensiv einmassiert.

foto: hans reschreiter
Einmassieren des Hirns in den Ziegenbalg.

Um die Fliegen abzuhalten und die Trocknung zu beschleunigen, wurden die Bälge anschließend leicht geräuchert und dann gereckt – also mechanisch bearbeitet, bis sie weich waren. Als Ergebnis hatten wir weiche, stinkende Ziegenbälge, das ideale Ausgangsmaterial für Rucksäcke – wie man zumindest in Hallstatt vor 2.500 Jahren überzeugt war. Nun stand der Fertigstellung des Rucksacks nichts mehr im Wege. Der Hals des Balges wurde abgenäht und eine Lederlasche eingesetzt – wie im Original. Dann wurden noch die Vorderläufe zugenäht. Als Abschluss mussten nur mehr die Hinterläufe mit zwei Riemen verbunden werden – und fertig ist der Rucksack.

Zum Befüllen wird der Sack auf den Kopf gestellt und vom "Hintern des Balges" her beladen. Dann dreht man den Sack um und verbindet die beiden Riemen mit der Lasche am Hals – und schon kann man den Sack schultern.

foto: hans reschreiter
Der fertige Urrucksack.

Neben den Ziegensäcken stand noch eine weitere Frage in Zusammenhang mit Leder und Fell auf dem Programm in Asparn: Alle analysierten Kinderskelette aus dem Bestattungsplatz der eisenzeitlichen Bergleute von Hallstatt (850 bis 350 vor Christus) weisen sehr starke Abnutzungserscheinungen an den Halswirbeln auf. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass die Kinder schwere Lasten regelmäßig direkt auf dem Kopf oder mithilfe von Stirntrageriemen transportiert haben. Da auch Babys im prähistorischen Bergwerk von Hallstatt nachgewiesen sind, wäre es denkbar, dass Kinder für die Betreuung derselben zuständig waren und sie mit Stirntragebändern geschleppt haben. Eine Studentin hat sich daher einen Babydummy gebaut und unterschiedliche Tragevarianten mit Stirntragebändern getestet.

Experimentelle Archäologie

Wenn Archäologen Ziegenbälge in Rucksäcke verwandeln, sprechen wir noch nicht von Experimenteller Archäologie. Das ist nur der erste Schritt, um das Material und die Technik kennenzulernen und zu beherrschen. Die eigentlichen Experimente folgen erst in wenigen Wochen im Salzbergwerk Hallstatt. Nachdem die Abnutzungsspuren und Verwendungsspuren an den Originalen analysiert wurden, stehen mehrere Fragen zum Gebrauch dieser Urrucksäcke im Raum: Können die beobachteten Abnutzungsspuren durch verschiedene Trage- und Nutzungsvarianten entstehen? Wie lange können die Säcke genutzt werden, bevor sie brechen und repariert werden müssen? Was hoch ist die mögliche Tragelast?

Und genau diesen Fragen soll nun mit gezielten Experimenten nachgegangen werden. Wir werden noch mehrere Säcke herstellen und dann auf unterschiedliche Weisen nutzen. Die Nutzungsart und Nutzungsdauer wird dokumentiert – und dann, nach vielen Stunden des Herumtragens der Säcke mit verschiedenen Füllungen werden sie hinsichtlich Abnutzung und Verwendungsspuren ausgewertet. Und diese Spuren werden dann mit den Originalen verglichen. So nähern wir uns der ursprünglichen Verwendung dieser Urrucksäcke an. In wenigen Wochen werden wir mehr wissen über den Gebrauch und die Haltbarkeit dieser umgearbeiteten Ziegenbälge. Experimentelle Archäologie ist nicht die handwerkliche Rekonstruktion archäologischer Funde, sondern eine Methode, in der Archäologie gezielt Fragestellungen nachgeht.

Nach den Experimenten vergleichen wir die Spuren an unseren rekonstruierten Säcken nicht nur mit den Originalen, sondern auch mit modernen Ziegensäcken, wie sie heute zum Beispiel im Sudan, in Mali oder im Niger in Gebrauch sind. Inzwischen können wir auf eine kleine Sammlung an Gerbas (Wasserschläuchen), Rucksäcken und Erdtransportsäcken aus der Sahelzone zurückgreifen, die dankenswerterweise von Kollegen und am Sahararand Arbeitenden ins Naturhistorische Museum gebracht wurden und von denen wir die ursprüngliche Verwendung kennen – die Voraussetzung, um sie sinnvoll mit den Säcken aus Hallstatt abgleichen zu können.

foto: hans reschreiter
Zum Abschluss der Lehrveranstaltung gingen manche mit einem Ziegensack nach Hause, und die anderen schulterten ihre "normalen" Backpacks.

Experimente im Bergwerk

Experimente haben in Hallstatt eine lange Tradition – und wurden eigentlich aus der Not geboren, dass viele Funde aus dem Bergwerk so einmalig sind, dass sich an keinem anderen Fundort Europas ähnliche Stücke erhalten haben, mit denen man sie vergleichen könnte. Um dennoch mehr über eigenwillig geformte Pickelstiele, Leuchtspäne aus Tannenholz, die ältesten bekannten Handschutzleder und dergleichen mehr herauszufinden zu können, wurde ab den 60er-Jahren der konsequente Nachbau der Stücke und deren Test vorangetrieben und ständig weiter ausgebaut. Wir arbeiten gemeinsam mit dem Institut für Simulationstechnik der TU Wien daran, den bronzezeitlichen Bergbau mit all seinen Arbeitsabläufen und seinem Ressourcenbedarf zu simulieren und dadurch noch mehr Einblicke in einen prähistorischen Großbetrieb zu erlangen. Für dieses Vorhaben sind die Rekonstruktionen und deren intensiver Einsatz ebenso notwendig.

Die Experimente dienen aber nicht nur wissenschaftlichen Zwecken. Wir setzen die dabei entstandenen Rekonstruktionen auch bei Öffentlichkeitsveranstaltungen ein – so wie am 20. und 21. August bei der Archäologie am Berg in Hallstatt – aber davon mehr in einem der nächsten Blogposts. (Hans Reschreiter, 4.8.2016)

Hans Reschreiter ist Angestellter des Naturhistorischen Museums in Wien und leitet die Grabungen im Hallstätter Bergwerk seit 2001. Er ist stets auf der Suche nach neuen Methoden, die den ungewöhnlichen Funden aus dem Bergwerk gerecht werden können.

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