Die Glaubensfrage ORF-Generalswahl

Analyse4. August 2016, 07:00
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Mehr noch als Grasl kann man Wrabetz vorwerfen, dass er vieles aus seinem Konzept schon längst hätte vorantreiben können – oder müssen

In Glaubensfragen kennt er sich aus: Franz Küberl, Kirchenmann im ORF-Stiftungsrat, prophezeite im Juni einen "Wahlkampf der Sekundärtugenden" um die Führung des ORF. Wenn Küberl und eine Handvoll weitere Stiftungsräte zwischen den großen Blöcken SPÖ und ÖVP und ihren jeweiligen Kandidaten entscheiden, wer der nächste ORF-General wird: Da geht es nun tatsächlich sehr entscheidend darum, wem diese Stiftungsräte glauben – und was.

Das weit entschlossenere, optisch professionellere, in einigen Punkten wohl auch richtigere Bewerbungskonzept hat Richard Grasl den Räten vorgelegt.

Wundertüte und fantasievolles Brainstorming

Eine Wundertüte von Programmideen und (zumindest im ORF) neuen Formaten, von der österreichischen Antwort auf Frank Plasbergs "Hart aber fair", einem monothematischen Wochenmagazin, Ranking- und Talenteshow, Samstagabendsport bis zu weiteren Wiederbelebungsversuchen von "Musikantenstadl" bis "Club 2". Eine ganze Batterie neuer Spartenfernseh-, jedenfalls -videokanäle: für regionale Österreich-Inhalte, für Kinder, für Nachrichten, für ORF-Programmpromotion im weiteren Sinne.

Ein fantasievolles Brainstorming, und zu den Grundprinzipien dieser uralten Kreativtechnik gehört ja, dass man nicht gleich einwendet, was alles nicht geht. Zum Beispiel, dass die Verschränkung der bisher zumindest in ihrer Idee klar auf Zielgruppen positionierten TV-Hauptkanäle zumindest nicht sehr zeitgemäß wirkt.

Weniger spektakulär

Titelverteidiger Wrabetz geht es erwartungsgemäß weniger spektakulär an, vieles will sein Konzept "stärken" und "konsequent weiterentwickeln", wie den seit Jahren angekündigten digitalen Programmguide mit Social-Media-Funktion. Viele schon im ORF oder in der Europäischen Rundfunkunion längst entwickelte Projekte führt das Wrabetz-Konzept an.

Eine einstündige Newsshow auf ORF 1 ragt da noch heraus – wenn die Idee dieses breiteren Nachrichtenformats nun tatsächlich kommt, die schon seit ein, zwei Jahrzehnten immer wieder im ORF gewälzt wird. Und die geplante digitale Zweitidentität von ORF 1 als digitale, soziale Webplattform.

Wirtschaftlichkeit

Grasl wiederum räumt selbst gegen Ende seines Programmfeuerwerks sinngemäß ein: Schauen wir, was sich wirtschaftlich ausgeht.

Die vielen, vielen Millionen für neue Programme will Grasl offenbar vor allem in der ORF-Technik einsparen. Die Technikdirektion streicht er in seinem Konzept (wie seine bisherige, die Finanzdirektion). Grasl ist seit Ende 2009 als kaufmännischer Direktor für das wirtschaftliche Wohl des ORF zuständig.

Wenn Grasl ein so gewaltiges Sparpotenzial nicht erst in den vergangenen Monaten erkannt hat und ihn womöglich nur ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz daran gehindert hat, es zu heben: Hätte Grasl dann nicht schon früher mit diesem Potenzial an die Öffentlichkeit gehen können? Eine Gebührensenkung wäre da womöglich drin gewesen – oder schon früher wesentlich mehr Geld für das Programmbudget.

Kurze Leine

Das TV-Programmbudget aber hielt Grasl als kaufmännischer Direktor unter Kontrolle, andere sagen: an der kurzen Leine. Denn die für das Programmgeld zuständige Produktionswirtschaft ging 2011 an Finanzdirektor Grasl. Das sicherte Wrabetz 2011 auch ÖVP-Stimmen bei seiner Wiederbestellung. Und Fernsehdirektorin Kathrin Zechner musste fürderhin bei Grasl und seinem ehemaligen Büroleiter vorstellig werden für jede Projektmillion.

Die Programmwirtschaft verspricht Grasl in seinem Konzept zu den TV-Direktionen zu verlegen. Aber: Die bisherige Finanzdirektion und dazu ein zweiter Schlüsselfaktor in einem Medienbetrieb des Jahres 2016, die Technik, wechseln demnach in seine Generaldirektion. Das klingt einigen nach der bisherigen Programm-Mechanik, also Kontrolle über die finanziellen und nun auch technischen Mittel – nur einen Stock höher.

Umso dezentraler, breiter, vielfältiger kann er die übrige Struktur aufstellen: vier Mediendirektoren, darunter Channel-Manager und Chefredakteure, im Fernsehen gleich zwei, wie jahrzehntelang bis 2011, für Information und Programm. Und Grasl verspricht, auf seine Verfügungsrechte als Alleingeschäftsführer durch Abstimmungen im Vorstand verpflichtend zu verzichten.

Wahlkampf der Sekundärtugenden

Der grüne Stiftungsrat Wilfried Embacher, zwischen SPÖ und ÖVP, kann dem selbstbewussten Grasl die Rolle des "Koordinators" nicht abnehmen – des in Erwin Prölls Niederösterreich sozialisierten Journalisten, der auch im Wiener ORF und bei ORF-Beteiligungen sehr entschlossen zuzupacken versuchte. Ein Wahlkampf der Sekundärtugenden.

Umso origineller an dieser Meisterschaft der Eigenschaften: Alexander Wrabetz tritt mit einem Strukturkonzept an, das die wehrhaften ORF-Redakteure auf den Plan rufen könnte. Die Manager sämtlicher ORF-Kanäle von ORF 1 bis ORF.at will er sich selbst, dem ORF-Generaldirektor, unterstellen; und diesen Channelmanagern wiederum sind laut Wrabetz’ Konzept die Chefredakteure der einzelnen Kanäle unterstellt.

Wo bleibt der Aufschrei? Man kennt Alexander Wrabetz aus bald zehn Jahren als ORF-General, in denen er viele Projekte und Ideen schon angekündigt hat, die in seinem oder auch in Grasls Konzept nun wieder auftauchen. Mehr noch als Grasl kann man Wrabetz vorwerfen, dass er vieles aus seinem Konzept schon längst hätte vorantreiben können – oder müssen.

Aber: Obwohl Wrabetz in seinen ersten zehn Jahren als General vom Direktor bis zum Ressortleiter viele, viele Jobs sehr taktisch-politisch besetzte und manche ebenso absetzte – die ORF-Journalisten spüren in diesen zehn Jahren, meist jedenfalls, eine journalistische Freiheit und Unabhängigkeit wie seit Redakteursgedenken nicht. Wrabetz ist kein Widerstandskämpfer, er zögert, taktiert, wägt ab, und er ist, meist jedenfalls, kein effizienter Umsetzer. Die nachhaltige Feindschaft des vorigen Kanzlers und SPÖ-Chefs Werner Faymann etwa war ihm (auch) damit gewiss.

Zechner Gewissheit

Die Fernsehdirektorin wird in Wrabetz’ Konzept zur Lieferantin des Generaldirektors und seiner Kanalarbeiter. Übrigens jene Kathrin Zechner, die in der ORF-Führung gerade die großen ORF-Programmerfolge von Conchita Wurst beim Song Contest bis zu den "Vorstadtweibern" erst einmal durchkämpfen musste. Weil sie fest daran glaubte.

Solche Glaubensfragen – des Glaubens an originäre ORF-Programmformate und -ideen – sind übrigens existenziell entscheidend für Medien in der Welt des Jahres 2016, der Welt von Netflix, Amazon Prime, Spotify, Apple, Google, Facebook und Co.

Keine Glaubensfrage, sondern nach aktuellem Stand Gewissheit ist, dass Zechner auch den nächsten General fordern wird: Beide Kandidaten haben sie im Team – Wrabetz als Fernsehdirektorin, Grasl als TV-Programmdirektorin.

Und wie sieht der für Glaubensfragen zuständige unabhängige ORF-Stiftungsrat Franz Küberl die Konzepte der Kontrahenten wenige Tage vor der Generalswahl? "Beiden Kandidaten ist guter Wille zu unterstellen", keiner und kein Konzept der beiden scheint ihm unwählbar. Aber er will am Dienstag im Hearing noch genauer erfragen, wie Wrabetz und Grasl ihre Konzepte und Strukturen zu leben gedenken – und was das kostet. Vielleicht nicht allein im wirtschaftlichen Sinn. (Harald Fidler, 4.8.2016)

  • Grasl räumt selbst gegen Ende seines Programmfeuerwerks sinngemäß ein: Schauen wir, was sich wirtschaftlich ausgeht.
    foto: standard/fischer

    Grasl räumt selbst gegen Ende seines Programmfeuerwerks sinngemäß ein: Schauen wir, was sich wirtschaftlich ausgeht.

  • Titelverteidiger Wrabetz geht es erwartungsgemäß weniger spektakulär an, vieles will sein Konzept "stärken" und "konsequent weiterentwickeln".
    foto: standard/fischer

    Titelverteidiger Wrabetz geht es erwartungsgemäß weniger spektakulär an, vieles will sein Konzept "stärken" und "konsequent weiterentwickeln".

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