Untreueprozess: Die diebische und störrische Alleinerziehende

6. August 2016, 15:00
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Eine 37-Jährige soll rund 20.000 Euro unterschlagen haben. Die Indizien sprechen gegen sie – doch sie leugnet zur Verzweiflung der Richterin

Wien – Es ist definitiv nicht alltäglich, dass bei einer Verhandlung am Straflandesgericht Wien Richterin, Staatsanwältin und Privatbeteiligtenvertreter versuchen, einer Angeklagten eine Rutsche Richtung Diversion zu legen. Im Prozess gegen Angelika S. (Name geändert, Anm.) ist das der Fall. Die 37-Jährige soll als Sekretärin eines bekannten Vereins an die 20.000 Euro veruntreut haben. Alle arbeiten auf eine Diversion hin – doch die Unbescholtene leugnet.

Was insofern erstaunlich ist, da die Beweislage gegen sie erdrückend ist. Geld ist beispielsweise aus einer Handkassa verschwunden – für die nur die Angeklagte einen Schlüssel hatte. "Wie erklären Sie sich das?", fragt Richterin Minou Aigner. "Wer soll es sonst gemacht haben?" – "Das weiß ich nicht, ich habe das Geld immer an die Buchhaltung weitergegeben", beharrt die Angeklagte.

Geld aus Benefizaktion verschwunden

Auch zu einem Schrank, in dem Merchandisingartikel gelagert waren, hatte nur sie Zugang, wie ihr ehemaliger Vorgesetzter als Zeuge bestätigt. Einnahmen aus einer Benefizaktion für einen kranken Mitarbeiter will sie dessen Vater ausgehändigt haben – was dieser bestreitet.

Eine andere Zahlung will sie der Buchhalterin in einem Kuvert auf den Schreibtisch gelegt haben. Was natürlich die Möglichkeit eröffnet, dass die Buchhalterin die Täterin ist. Nur: Die hat später selbst eine Mahnung an die Zahlende geschrieben, durch die diese Angelegenheit aufgeflogen ist. Die Betroffene konnte auch einen Kassabeleg vorweisen – unterschrieben von der Angeklagten.

Noch seltsamer ist, dass die Frau bereits einen Vergleich mit dem Verein geschlossen und sich verpflichtet hat, 11.500 Euro retour zu zahlen. "Sie ist eine Alleinerziehende, wir haben uns gedacht, wir lassen Gnade vor Recht ergehen", sagt ihr ehemaliger Vorgesetzter. Als immer mehr Malversationen auftauchten, entschloss man sich doch zur Anzeige.

Vergleich unterschrieben

"Warum unterschreiben Sie so einen Vergleich, wenn Sie sagen, Sie waren es nicht?", wundert sich Aigner. "Weil ich es nicht beweisen kann, dass ich es nicht gewesen bin", antwortet die ohne Verteidiger erschienene Angeklagte resigniert.

"Schauen Sie, wir können natürlich vertagen und die Buchhalterin und den Vater des Patienten als Zeugen laden. Aber was glauben Sie, was die sagen werden? Man kann aber auch eine Diversion andenken, dann sind Sie nicht vorbestraft. Aber dazu müssen Sie gestehen", fleht die Richterin beinahe.

"Tut mir leid, dann gestehe ich es halt", sagt S. unter Tränen. "Weil es so war, wie die Anklage sagt?", fragt Aigner. "Nein", beharrt die Angeklagte. Staatsanwältin Gabriele Müller-Dachler versucht es ebenso: "Haben Sie Geldprobleme gehabt?" – "Ja." – "Kann es auch Schlamperei gewesen sein? Dass sie den Überblick verloren haben?" – "Ja, das kann auch sein", ringt sich S. schließlich ab.

Da die Angestellte wegen der Angelegenheit ohnehin schon fast bis aufs Existenzminimum gepfändet wird, muss Aigner den Taschenrechner strapazieren. "Sie müssen ja eh schon brennen wie ein Luster." Schließlich erteilt sie S. die Weisung, den noch offenen Schaden von 3.700 Euro in 20 kleinen Monatsraten abzuzahlen. Die Diversion ist rechtskräftig. (Michael Möseneder, 6.8.2016)

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